"Zeitgenössische Musik lässt sich nicht an die Wand hängen"

Interview11. Juli 2012, 17:17
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Mit Bruno Strobls "Sara und ihre Männer" bringt der Carinthische Sommer am 12. Juli zum letzten Mal eine Kirchenoper zur Uraufführung

Mit dem Komponisten sprach Andrea Schurian.

Standard: Muss man, um eine Kirchenoper zu schreiben, gläubig sein?

Strobl: Nein. Ich bin nicht gläubig und denke nicht, dass es notwendig ist. Aber wenn jemand den Glauben braucht für seine Lebensgestaltung, dann soll man ihm das lassen. Ich brauche den Glauben nicht. Wenn man so will, habe ich ein Verständnis von Gott oder dem, was die Welt zusammenhält; das ist kein persönlicher Gott. Aber es gibt ein Prinzip, dem bin ich nahe.

Standard: Kirchenoper ist auch innerhalb zeitgenössischer Musik ein Minderheitenprogramm. Was hat Sie daran interessiert?

Strobl: Die Möglichkeit, für diesen Kirchenraum in Ossiach zu schreiben, hat mich schon länger beschäftigt. Es ist eine Herausforderung in mehrerlei Hinsicht. Erstens der Stoff an sich; zweitens, ihn mit dem übereinzubringen, was ich normalerweise als meine Musik mache; und drittens dabei gleichzeitig auch den Raum und die kleine Bühne zu bedenken. Mit Peter Deibler, dem Librettisten, habe ich 2003 das erste Mal darüber gesprochen.

Standard: Und nachdem Sie all das bedacht haben, haben Sie nicht aufgegeben?

Strobl: Nein. Den Plot, Sara und ihre Männer, hatten wir schnell. Peters Entwurf ging dann ein paar Mal hin und her, ehe wir es Intendant Schlee vorgeschlagen haben.

Standard: Das war 2004, jetzt ist 2012. Was war dazwischen?

Strobl: Die ursprüngliche Aufführung war für 2011 vorgesehen, Schlee musste aber aus budgetären Gründen verschieben. 2010 entwickelten wir - Regisseur, Bühnenbildner, Librettist, Dramaturg und ich - Visionen zum Stück. Die endgültige Textfassung entstand im Juli 2010, im September habe ich zu komponieren begonnen und im September 2011 die Noten abgeliefert.

Standard: Und nun wird Ihre Oper genau dreimal aufgeführt. Traurig?

Strobl: Ja, sicher. Intendant Schlee sagt, jede weitere Aufführung sei zu teuer: Selbst wenn die Kirche vollbesetzt wäre, gäbe es zu wenig Plätze, damit eingespielt werden könnte, was die Aufführung kostet. Da er sparen muss, gibt es eben nur drei Aufführungen.

Standard: Wann haben Sie zu komponieren begonnen?

Strobl: Als Jugendlicher bin ich draufgekommen, dass man Musik schreiben kann. Ich lernte damals am Konservatorium Klarinette und habe mit 18, 19 Jahren einige atonale Stücke geschrieben. Bis ich draufgekommen bin, dass das, was ich angenommen habe - nämlich dass ich etwas ganz Neues mache - überhaupt nicht stimmt. Ich habe dann einige Jahre nicht komponiert, bis ich 1976 einen Kurs bei Dieter Kaufmann belegt habe: Kärntner Meisterkurse für aktuelle Musik. Da ist das Interesse wieder erwacht, ich habe wieder komponiert und ihm die Stücke gezeigt. Er riet mir, Unterricht zu nehmen.

Standard: Damals standen Sie schon voll im Berufsleben.

Strobl: Ja, ich habe in Spittal/Drau unterrichtet und bei Feodoroff in Klagenfurt Komposition/Kontrapunktlehre studiert. Dieter Kaufmann richtete 1983 eine Kompositionsklasse am Konservatorium ein, die ich 1987 abschloss.

Standard: Können Sie von Ihrer Musik leben?

Strobl: Nein, und ich glaube, bis auf wenige Ausnahmen kann das niemand. Ich musste unterrichten, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es gibt in Österreich ein paar etablierte Festivals, allen voran Wien Modern, die gern wegen des Publikums große Namen bringen, aber auch Nachwuchs fördern. Aber ich merke, dass seit zehn, 15 Jahren die Quote zunehmend wichtiger wird und man nach publikumswirksamen Inhalten schielt. Mit Ungewohntem, Unangepasstem hat man's schwer. Und zeitgenössische Musik hat gegenüber zeitgenössischer bildender Kunst den Nachteil, dass es ein flüchtiges Medium ist. Und in den oberen Etagen von Banken und Firmenzentralen lässt sich zeitgenössische Musik auch nicht an die Wand hängen.
(Andrea Schurian, DER STANDARD, 12.7.2012)

 

Bruno Strobl (63):  Der in Klagenfurt geborene Komponist und Dirigent ist seit 2008 Präsident der Österreich-Sektion der IGNM (Internationale Gesellschaft für Neue Musik. Er hat u. a. das Ensemble MusikFrabrikSüd gegründet und das Festival Expan in Spittal/Drau initiiert. 2006 erhielt er das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

  • Bibiana Nwobilo (Sopran) als Magd Hagar, Susanna Haberfeld (Mezzosopran) als Herrin Sara.
    foto: ferdinand neumueller

    Bibiana Nwobilo (Sopran) als Magd Hagar, Susanna Haberfeld (Mezzosopran) als Herrin Sara.

  • Bruno Strobl, Komponist von  "Sara und ihre Männer".
    foto: renate bauernfeind

    Bruno Strobl, Komponist von  "Sara und ihre Männer".

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