Der Wiener Kongress, eine "diplomatische Sternstunde der Menschheit"

15. Juli 2012, 12:02

Uni Klagenfurt will erstmals sämtliche Verhandlungsprotokolle und sonstigen Dokumente des Großereignisses von 1814/15 aufarbeiten

Wien - Nachdem die Feldzüge Napoleons die politische Landkarte Europas grundlegend verändert hatten, geschah dies auf dem auf dem Wiener Kongress (1814 bis 1815) erneut - doch diesmal mit friedlichen Mitteln. Der Historiker Reinhard Stauber spricht von einer "diplomatischen Sternstunde der Menschheit". Die politische Bedeutung dieses Ereignisses von bis dahin nie dagewesenen Ausmaßen soll ein vom Wissenschaftsfonds FWF finanziertes Projekt der Universität Klagenfurt jetzt genauer analysieren - abseits gängiger Klischees von Bällen und Empfängen, die unter dem Stichwort "Der Kongress tanzt" Teil der Populärkultur wurden.

Mithilfe der erstmaligen wissenschaftlichen Aufarbeitung sämtlicher Verhandlungsprotokolle, Beilagen und anderer Papiere soll die Arbeit des "europäischen Mächtekonzerts" am Wiener Kongress in ein neues Licht gerückt werden, berichtet Projektleiter Stauber. Die Protokolle aus dem Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv sollen zeigen, wie detailliert große machtpolitische Fragen, aber auch Einzelprobleme behandelt und gelöst wurden. So sei etwa die Abmachung getroffen worden, sich in Zukunft gegenseitig über große politische Vorhaben zu informieren. "20 Jahre Krieg und Misstrauen - was die politisch weggeschoben haben, ist einzigartig", so Stauber.

Eine politische Premiere

Die Politiker und Diplomaten mussten ohne Vorbild auskommen. Es war das erste Mal überhaupt, dass ein diplomatisches Ereignis dieser Größenordnung stattfand, bei dem nicht nur Gesandte aus beinahe 200 Staaten, sondern auch Monarchen wie Zar Alexander I. teilnahmen. "Es ist faszinierend, wie hier learning by doing betrieben wurde", meint Stauber. Protokolle und Verhaltensregeln gab es für diesen Fall nicht. So sei es auch zu erklären, dass aus den ursprünglich geplanten vier bis sechs Wochen Verhandlungszeit schließlich ein Dreivierteljahr (September 1814 bis Juni 1815) wurde. "Immer aus der Not heraus" wurde schließlich etwa das Konzept des Unterausschusses erarbeitet, der vorab Lösungen suchte.

Dabei habe sich aber nicht - wie in Österreich oft vermittelt - alles nur um Fürst von Metternich gedreht, erklärt Stauber. Zwar habe er als Gastgeber und Vorsitzender eine wichtige Funktion inne gehabt, im Ausland finde derzeit aber eine kritischere Betrachtung Metternichs statt, die sowohl Stärken als auch Schwächen aufzeige. Erstmals sei die Idee eines Europas ohne Distanzen aufgekommen, neun Monate verhandelten alle wichtigen Mächte gemeinsam an einer Stelle. Dabei ging es nicht nur um die Neuordnung Europas und die erste Idee allgemein gültiger Völkerrechts-Regeln. Auch Anliegen einzelner Petitionen wie eine Bittschrift der jüdischen Gemeinden Deutschlands, die bürgerliche Gleichstellung forderten, sowie globale Probleme wie das Verbot des Sklavenhandels waren Teil der Verhandlungen.

Finanzpolitik stand auf der Tagesordnung des Folgekongresses in Aachen 1818. Der Kriegsverlierer Frankreich stand kurz vor der Staatspleite und musste Reparationszahlungen leisten. Der Brite Wellington ermöglichte es den Franzosen jedoch, Anleihen auf dem Bankplatz London unterzubringen und verhinderte so den Zusammenbruch. Für Österreich war die größte innenpolitische Aufgabe ebenfalls die Währungssanierung. Das gelang mithilfe der Gründung der Nationalbank 1816 und den französischen Ausgleichszahlungen.

Geschlossene Veranstaltungen, sittsamer Tanz

Aber trotzdem wurde natürlich getanzt, erklärt Stauber. Allerdings nicht Walzer - der galt damals noch als junger und dreckiger Tanz, der in den Vorstädten beliebt war. Stattdessen trafen sich die Gesandten bei strenger Etikette in den Redoutensälen oder in der Orangerie, bei privaten Soireen und Bällen. Diese seien genauso Informationsumschlagbörsen gewesen wie der Verhandlungstisch, die Arbeitsrhythmen verschoben sich weit in die Nacht, vor Mittag war kaum einer der Verhandler auf. Wenig begeistert zeigte sich die Wiener Bevölkerung: "Man kann sich das vorstellen wie heute bei einem Gipfelkongress: Straßensperren und exklusive Veranstaltungen", erklärt Stauber. (APA/red, derStandard.at, 15. 7. 2012)

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17 Postings
naja, uni klagenfurt halt...

die sollten seriöse wissenschaftliche arbeit vielleicht doch eher echten universitäten überlassen....

aber was kann man schon von einer uni erwarten, an der eine diplomarbeit über udo würgens akzeptiert wird?

Der Wiener Kongress, eine "diplomatische Sternstunde der Menschheit"
Aus östereicher sicht villeichst..... aber nicht für die viele staaten die ihre Unabhängigkeit verloren haben weil die Hausburg, bei dieses staten, viel geld schuldet, der wiener kongress war einer katasrofe die nur mit die 1 welt krieg beendent würde.

Konterrevolution, keine Sternstunde

Manchmal sind doch SchriftstellerInnen die besseren HistorikerInnen, wie Michael Scharang schon vor ein paar Monaten im Presse-Spectrum bewiesen hat, als er den Wiener Kongress als "größte Konterrevolution der Neuzeit" bezeichnete. Mehr dazu: http://adresscomptoir.twoday.net/stories/109333152/

Den Wiener Kongress kann man aber auch kritischer sehen, denn der Wiener Kongress war ein Verteidigungsversuch der Monarchien gegen das Konzept der bürgerlichen Nationalstaaten und Demokratien. Es wurde versucht das Konzept des absolut monarchischen Vielvölkerstaates zu prolongieren, was aber leider direkt in den ersten Weltkrieg führte, der wiederum die Basis für den zweiten war.

supper postuliert!

Autokratischer Friedensschluss

Die bittere Erkenntnis von 1814/15 ist, dass Autokraten möglicherweise bessere Friedensstifter als Demokraten sind. Der Vergleich mit der Versailler Ordnung nach dem 1. Weltkrieg, als demokratischere Staaten ihren Kriegsgegnern keinerlei Mitsprache bei den Verhandlungen einräumten, fällt vernichtend aus.

Demokratie führt zur kompromisslosen, ideologischen Kriegsführung, die notwendigerweise die eigene Seite idealisiert und den Gegner disqualifiziert. Auch heute noch ist der auf die nicht selten militärisch forcierte Expansion seines demokratischen Systems ausgerichtete Westen ein ideologischer Krieger, der nicht-westliche Staaten mitunter als nicht verhandlungsfähig betrachtet.

Selektive Wahrnehmung

Man muss sich nur die Geschichte Europas ansehen, um zu erkennen, dass es mit den "Frieden stiftenden" Monarchien nicht so weit her ist. Der angesprochene 1.WK zb wurde ja auch nicht unter Demokratien ausgefochten.

Die größten Gräuel wurden von "Autokraten" und diktatorischen Systemen verursacht.

Dass ausgerechnet Demokratien strukturell zu besonderer Rücksichtslosigkeit neigen sollen ist nicht mehr als eine übel riechende Behauptung.

Na ja und wer genau von den Kriegsteilnehmern hatte kein

Parlament. Selbst die Russen hatten eine Duma. Das stimmt schon der erste Weltkrieg war der erste Krieg zwischen Demokratien und die Verlogenheit war sofort ein Produkt dieses Krieges.

und der Vorposter hat recht es ist offensichtlich das Demokratien zu schlimmeren Entscheidungen fähig sind als die "alten" Autokratien, ganz schlimm ist die dabei auftretene Scheinheiligkeit und Verlogenheit die die OPfer noch verhöhnt

"diplomatische erfolge", die direkt in den 1. wk. führten.

etwas mehr differenziertheit bitte, liebe apa-kopierer

Wenn Klagenfurt euphorisch von einer "diplomatischen Sternstunde der Menschheit" spricht, kann man davon ausgehen, dass da irgendwo eine Uhr vom Himmel und eine Sonne von der Wand gefallen sind.

Wissenschaftliche Distanz und eine differenzierte Herangehensweise an Themen ist die Stärke der Kärntner sihalich nicht.

Schüssel und Klestil hatten bei allen Differenzen doch eines gemeinsam - vielleicht war es auch nur dieselbe verhaberte Werbeagentur: Beide gaben auf ihrer "persönlichen Hompage zur Wahlzeit" auf die Frage: "Wann hätten Sie am liebsten gelebt" zur Antwort: "Zum Wiener Kongress."

Dachte ich mir: "Mit dem Wunsch sind sie sicher nicht alleine. Der Wunsch Millionen Österreicher hätte sie flehentlich begleitet."

Dass sie diese Zeit mit der Gegenwart verwechselten, kommt aber nicht von ungefähr:

http://www.knerger.de/assets/im... 2_bild.jpg

Ist für die Bürgerliche die Zeit doch damals echt stehen geblieben.

Klar, da waren sich die Bonzen schnell einig,
wenn es darum ging den Aufstieg zu bürgerlich-liberalen Nationen bis zumindest 1848 -und darüber hinaus!-zu verhindern...
gegen die Osman-Türken war zu der Zeit eh kein diplomatisches Kraut gewachsen ;)

"der galt damals noch als junger und dreckiger Tanz"

Der Mann hat sowas von keinen Tau, dass er definitiv einen Platz an den Steuergeld-Zitzen des FWF verdient!

Es gibt halt Leute, die sind sich zum Googeln zu schön

http://www.uni-klu.ac.at/main/bild... maurer.jpg

Man muss ihm halt in aller Deutlichkeit sagen, dass Regensburg sicher auch sehr schön ist, aber halt doch nicht Wien ist:

http://www.google.com/#hl=en&sc... 84&bih=872

Schließlich haben wir ja auch einem Leonard Bernstein erklärt, wie das mit der kleinen Pause beim 3/4 Takt ist, und der hat sich das ja auch sagen lassen.

http://www.youtube.com/watch?v=qQHs9dgh6nQ

Schau' ma 'mal, wie lernfähig auch so ein Oberfranke sein kann :-)

Eine Sternstunde der Reaktion, Gründung der Heiligen Allianz, Weiterführung von Feudalismus und Kolonialismus.

mit all den folgen, die ja bekannt sind!

europa wurde unter den siegern aufgeteilt und die brandherde für die nächsten 100 jahre wurden auch gleich gelegt!

Die letzten diplomatischen Ereignisse der Neuzeit

wo Sieger und Besiegte gleichberechtigt verhandelten.

Am Wiener Kongress war der Sieger die Restauration und der Besiegte die Französische Revolution. Hier haben die Neos mit Neo-Absolutismus, Neugotik und aller Dekadenz bis hin zu den heutigen Neokons ihren anachronistischen Ausgangspunkt.

Hier wurde das 18. Jhd. philosophisch mit Kant, in der VWL mit Adam Smith, im Außenhandel mit Ricardo und BWL-seitig mit Clausewitz für das Großbürgertum bis heute geistig eingefroren.

Ab 1885 schlitterte diese anachronistische Weltordnung sehenden Auges in den WKI, der für diese fantasielosen Lemuren genauso unausweichlich war, wie die große Konfrontation für die heutigen Neokons aus genau denselben Gründen unausweichlich ist.

Hätte sich die USA aus dem WKI herausgehalten, hätte sich Europa schon damals neu ordnen müssen. So wurde die Restauration mit der Bürgerlichen prolongiert, ist heute genauso verrannt wie vor dem WKI und wird sich erst nach dem totalen Zusammenbruch - nun inkl. USA - aus diesem gottlosen Anachronismus lösen können.

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