Sprache verlernen

12. Juli 2012, 09:00
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Das Verlernen oder Beibehalten von Muttersprachen unter Migranten in Europa kann sich von den USA und Kanada durchaus unterscheiden

Zahlreiche Migranten aus dem deutschsprachigen Raum sprechen neben dem allgemein verwendeten Deutsch noch ihre eigene Muttersprache. Dabei zeigt sich der Grad des Spracherhalts in unterschiedlicher Art und Weise und ist besonders von sozialen Faktoren, Eigeninteresse und der jeweiligen politischen Kultur des "Aufnahmelandes" abhängig.

Bedeutung von jungen Sprachen

Dass es bei dieser Tendenz durchaus große Unterschiede zu den USA und Kanada gibt, weiß etwa der Erziehungswissenschaftler Wladimir Wakounig von der Uni Klagenfurt: "In den alten Einwanderungsländern hat man die Menschen über die gemeinsame Sprache integriert; hinzu kommt, dass Länder wie die USA relativ jung sind und der Sprache Englisch eine ganz andere Bedeutung als dem Deutschen zukommt." In den USA, Kanada und Australien, die den Charakter von klassischen Einwanderungsländern haben, sei demnach die Sprache nicht national auf ein Volk oder Gebiet begrenzt.

Ein wesentlicher Unterschied in Österreich und Deutschland sei der europäisch-nationalstaatliche Kontext und die dazugehörige lange Geschichte Europas, unterstreicht Wakounig. Die eigene Note, die dem jeweiligen Land eindeutig zugerechnet werde, bestimme auch den Kontext, in dem die Sprache erhalten bleibt. Dieser "Habitus" wird durch die Staaten weitergegeben.

Realpolitische Faktoren

Schließlich sei auch der politische Zugang zu einer im Land vertretenen Sprache von besonderer Bedeutung: "Türkisch oder BKS (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Anm.) hat realpolitisch betrachtet einen anderen Stellenwert als die typischen Fremdsprachen, die man in der Schule lernt", sagt Wakounig. Hinzu kämen soziale, politische und gesellschaftliche Bedingungen, die das "Verlernen" oder "Beibehalten" einer erworbenen Sprache prägen. Gleichzeitig stellt er fest, dass auch die Beibehaltung der Muttersprache durch unzureichenden Muttersprachenunterricht erschwert werden könne.

Der Sprachwissenschaftler Dieter Halwachs vom Sprachenzentrum der Uni Graz führt soziale Rahmenbedingungen als wichtigste Faktoren für den Erhalt oder Verlust der Muttersprache an. "Soziale Probleme wirken sich durchaus auf den Erhalt der Muttersprache aus." Dazu zählen geschlossene Siedlungsgebiete und die sozialräumliche Konzentration von Sprechergruppen, der weitere Zuzug aus dem Herkunftsland, die soziale Randstellung in der Gesellschaft, die ethnische Stigmatisierung sowie Informationsangebote und Inhalte aus dem Internet, TV oder den Radiosendern.

Uniformität vs. Pluralität

Dass viele Migranten in Österreich ihre Sprache tendenziell besser beibehalten können als zum Beispiel ihre Altersgenossen in Amerika, sei differenziert zu betrachten, meint Halwachs; trotzdem gehe es im Wesentlichen um Unterschiede im Zugang. Die nationalstaatliche Ideologie sei besonders in Zentraleuropa stark ausgeprägt. Diese "Uniformität der Sprache" würde der "natürlichen Pluralität der Gesellschaft" entgegenstehen. Daraus entstehe ein Überlegenheitsgefühl einer Sprache gegenüber einer anderen, die dementsprechende Reaktionen auslösen könne, so der Halwachs.

Politisierte Integrationsdebatte

Einen Grund zur Beibehaltung der Muttersprache liefert Erol Yildiz, Professor für Migration und Integration an der Uni Klagenfurt. Seiner Ansicht nach liegt es vor allem an der politisierten Integrationsdebatte an sich. Auch die Haltung der Aufnahmegesellschaft habe Auswirkungen auf das Behalten oder Verlieren der Muttersprache bei Migranten. "Da Österreich und Deutschland stark heimatorientiert ausgerichtet waren, änderte sich am Status der ins Land eingewanderten Gastarbeiter nur sehr langsam etwas - viele trugen einen 'unsichtbaren Ausländerstatus' mit sich und standen unter einem beträchtlichen Assimilationsdruck."

Gleichzeitig seien viele Gastarbeiter davon ausgegangen, dass sie bald wieder zurück in ihre alte Heimat gehen würden, und fingen an, auf die Sprache ihres Herkunftslandes größeren Wert zu legen, erzählt Yildiz. "Griechische Migranten haben zum Beispiel in Deutschland die Möglichkeit gehabt, ihre Sprache weiterhin zu erlernen - die finanziellen Mittel kamen von der griechischen Regierung." Laut dem Migrationsexperten kommt auch erschwerend hinzu, dass sich die Debatte in Österreich in "Ausländerpolitik" statt "Einwandererpolitik" erschöpft; der Zugang sei vor allen Dingen entscheidend.

"Deutsch ist wichtigste Sprache"

Für die in Wien tätige Sprachwissenschaftlerin Katharina Brizic, bleibt Deutsch trotz Bildungshürden und Startnachteilen, die wichtigste Sprache unter jungen Menschen mit Migrationshintergrund: "Deutsch ist die stärkste Sprache unter der Mehrheit der Migrantenkinder. Gleichzeitig ist eine Kombination zwischen zwei oder mehr Sprachen festzustellen - es entwickelt sich eine ganz eigene Sprachkompetenz heraus."

Dass die Muttersprache im Laufe der Zeit schwindet, sei von Bedingungen abhängig, betont Brizic. Es komme darauf an, welche Vorkenntnisse Eltern gehabt haben und inwiefern die Sprache noch praktiziert wird. Dabei gibt es bestimmte Umgebungen in der die Sprache gepflegt wird oder nicht zum Einsatz kommt: "Im Bildungsbereich wird ausschließlich Deutsch unterrichtet, der Alltagsbereich ergänzt dieses Tatsache. Die Muttersprache wird oftmals mit den Eltern und dem Verwandtenkreis noch gesprochen." Die Linguistin ortet dadurch einen tendenziellen Sprachenwechsel zum Deutschen hin. (Toumaj Khakpour, daStandard.at, 12.7.2012) 

  •  Viele Migranten in Österreich können ihre Sprache tendenziell besser beibehalten als ihre Altersgenossen in Nordamerika.
    foto: wifi

    Viele Migranten in Österreich können ihre Sprache tendenziell besser beibehalten als ihre Altersgenossen in Nordamerika.

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