Die Arktis als potenzieller Krisenherd

11. Juli 2012, 14:28
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Forschungsstationen aus aller Herren Länder schießen aus dem Boden - "Es ist, als wolle jedes Land ein Fähnchen einstecken"

Zürich - Eine bislang eher ruhige weil weitgehend unattraktive Weltregion rückt zunehmend in den Fokus wirtschaftlicher und politischer Interessen - und baut damit Krisenpotenzial auf: Der Klimawandel hat die Arktis für die Förderung fossiler Ressourcen zugänglicher gemacht; zugleich öffnet er bisher durch Eis blockierte Schifffahrtswege. Das Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich hat sich mit den gegenwärtigen Tendenzen befasst und auch bereits einen großen Gewinner ausgemacht: Russland.

Forscher maßen im September 2011 den zweitniedrigsten Stand der arktischen Eisflächen seit 1979. Was der Fluch tief gelegener Länder sein wird, ist für Russland ein Segen. "Russland gehört zu den großen Gewinnern der neuen Situation in der Arktis", erklärte Jonas Grätz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am CSS, am Dienstag in einer Mitteilung. Grätz hat in der ETH-Publikation "CSS Analysen" die Konfliktpotenziale in der Region analysiert. 

Ressourcen und neue Verkehrswege

Laut dem geologischen Dienst der USA liegen 13 Prozent des konventionell förderbaren Erdöls und 30 Prozent des Erdgases weltweit in der Arktis. Über zwei Drittel der arktischen Erdgasvorkommen werden auf russischem Gebiet vermutet. Darum ist Russland laut Grätz in jüngster Zeit in der Arktis besonders aktiv: Letztes Jahr kündigte Rosneft, das staatliche Erdölförderunternehmen, einen Deal mit dem US-Konzern ExxonMobil für die Erdöl- und Gasförderung in der Arktis an. Investitionen in Milliardenhöhe sollen in den nächsten Jahren in diese Projekte fließen.

Das aufbrechende Eis eröffnet Russland auch neue Handelswege, die sogenannte Nordost-Passage: Der erste russische Supertanker fuhr 2011 über die Beringstraße nach Thailand - nicht über den Suezkanal. Noch seien die Versicherungen für die Frachter auf dem Nordweg zu teuer und es fehle an Infrastruktur für Zwischenstopps und die Verladung, schreibt Grätz. Längerfristig jedoch könnten die traditionellen Meerengen wie die Straße von Malakka vor Sumatra und der Suezkanal im internationalen Handel an Bedeutung verlieren.

Zwischenzeitlich baut Russland seine Handelskapazitäten und militärische Präsenz aus. "Moskau sieht die Arktis nicht nur unter energiepolitischen, sondern auch unter geopolitischen Gesichtspunkten", sagte Grätz. Sehr zum Unmut der USA, Chinas und der EU, die freien Zugang zur Nordost-Passage fordern. Russland hingegen betrachtet diese als interne Gewässer.

Das Wettrennen ist eröffnet

Auch Norwegen, zweitgrößter Erdgas-Exporteur der Welt, sei auf neues Gas und Öl für seinen Exportmarkt angewiesen, sagte Grätz. Dabei geht es vor allem um das norwegische Archipel Spitzbergen. Durch den Spitzbergen-Vertrag von 1920 haben sämtliche 40 Unterzeichnerstaaten - darunter auch Österreich - das Anrecht, dort zu forschen und Ressourcen zu fördern. Umstritten ist allerdings, ob sich dieses Recht auch auf den umliegenden Meeresboden erstreckt. Norwegen ist der Meinung, dass der Vertrag dort nicht gelte, stößt mit dieser Forderung jedoch selbst bei NATO-Bündnispartnern auf taube Ohren.

Sogar Spitzbergen-Vertragsländer wie China, Indien und Südkorea haben unlängst Forschungsstationen dort eingerichtet, weil sie sich damit ein größeres Mitspracherecht in der Arktis erhoffen. "Es ist, als wolle jedes Land ein Fähnchen einstecken, solange die territorialen Ansprüche noch nicht vollumfänglich geklärt sind", sagte Grätz. (APA/red, derStandard.at, 11. 7. 2012)

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    Eine neues Wettrennen in die Arktis zeichnet sich ab - diesmal jedoch nicht von Pioniergeist, sondern von Wirtschaftsinteressen getragen.

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