Flughafen Wien kann wohl dritte Piste bauen

11. Juli 2012, 15:44
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In Europa werden Flughafen-Kapazitäten knapp

Wien - Der Flughafen Wien kann voraussichtlich seine dritte Piste bauen. Vorstand Günther Ofner äußerte sich froh, dass jetzt nach zwölf Jahren Verfahrensdauer ein positiver Umweltverträglichkeits-Bescheid in erster Instanz erlassen wurde. Ofner und sein Kollege Julian Jäger sprachen von einem Wettbewerbsvorteil für Wien. Denn in ganz Europa werden die Flughafenkapazitäten knapp. Ofner sieht keinen zwingenden Bedarf, für dieses Milliardenprojekt das Kapital zu erhöhen. Sollte allerdings frisches Kapital nötig werden, werde es auch kein Problem sein, es zu beschaffen. Hauptaktionäre des börsenotierten Flughafen Wien sind die Stadt Wien und das Land Niederösterreich.

Der 800-seitige Bescheid mit tausenden Seiten Beilagen werde aller Voraussicht nach am Freitag zugestellt sein, sagte Ofner. Ende August wird die Rechtsmittelfrist auslaufen, "wir rechnen damit, dass es weitere Einwendungen geben kann", so Ofner. Dann werde der Umweltsenat einige Zeit brauchen. Somit könne es realistischerweise frühestens Ende 2013, möglicherweise Anfang 2014 eine definitive rechtskräftige positive Entscheidung geben.

WKÖ dafür, Blaue dagegen

Das Go für den Bau der dritten Piste auf dem Flughafen Wien stößt naturgemäß bei den Wirtschaftskammern Niederösterreich und Wien auf Zustimmung. In Aussendungen heben sie die ökonomische Bedeutung für den Airport hervor, der sich dadurch gegenüber der Konkurrenz in München, Frankfurt oder Zürich besser behaupten kann. Kritik kommt von der Oppositionspartei FPÖ, für die die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für die Piste von Beginn an eine Farce war und nur dazu gedient hat, die rechtliche Voraussetzung für den Bau der "Fluglärmpiste" zu schaffen.

Die FPÖ geht davon aus, dass die Flugbewegungen von jährlich 260.000 auf 460.000 gesteigert werden. Das bedeute etwa im 23. Bezirk eine Vervierfachung der Starts. Insgesamt seien über 300.000 Menschen vom wachsenden Fluglärm betroffen. Nicht

"Erster wichtiger Schritt"

Flughafen-Vorstand Jäger will vom erstinstanzlichen Bescheid noch nicht von Grünem Licht für den Bau reden, sondern von einem ersten wichtigen Schritt. "Juristisch glauben wir, dass alle Voraussetzungen gegeben sind", so die Vorstände. Die größten Fragen, die anfechtbar waren, sollten ausgeräumt sein.

Nach dem rechtskräftigen Bescheid kann die Detail-Planungsphase beginnen, die mindestens zwei Jahre dauert. Mit der Umsetzung des Pisten-Baus werde nicht vor 2016 begonnen. Das reiche aber, um bis 2020 oder 2021 fertig zu sein. Auf ein Jahr mehr komme es dabei nicht an.

Ende des heurigen Jahres werden die Baukosten fest stehen. Die Airport-Vorstände wollten nicht die Fehler ihrer über die Skylink-Terminalbauaffäre gestürzten Vorgänger machen und eine Zahl in den Raum stellen, die man nie wieder wegbringe.

In bisherigen Berichten war von 1,8 oder auch zwei Milliarden Euro die Rede gewesen, abhängig von den Auflagen, was vom Vorstand nicht kommentiert wurde.

Ob es eine Schmerzgrenze gibt? Ofner: "Die 1,8 Milliarden können wir nicht annähernd bestätigen, es gibt keine von uns autorisierte Kostenschätzung." Ohne Bescheid-Vorlage und Kostenkalkulation lege man keine Zahlen auf den Tisch. "Wenn die Wachstumsprognosen eintreten, ist aus heutiger Sicht die Wirtschaftlichkeit gegeben." Bratislava wäre in keinem Fall ein Ersatz für die dritte Piste, bekräftigte Jäger.

Kapitalerhöhung nicht zwingend

Ofner sagte, dass beide Aktionäre Stadt Wien und Land Niederösterreich die Strategie des Flughafens mittragen. Er sieht aber keine zwingende Notwendigkeit einer Kapitalerhöhung. Der aktuelle Investitionszyklus soll bis 2015 abgeschlossen sein, die Verschuldung bis 2016 sinken. "Wir haben dann eine gute Basis, mit den folgenden Cash flows einen Großteil der erwarteten Kosten selber aus eigener Kraft zu finanzieren".

Aber sollte eine Kapitalerhöhung nötig sein, werde man an die Aktionäre herantreten, und es werde auch kein Problem sein, sie zu bekommen. Ofner: "Nach menschlichem Ermessen sollte das Projekt auch ohne zwingende Kapitalerhöhung machbar sein."

Zwei Pisten reichen nur bis 2020

Ofner will - einen positiven letztinstanzlichen Bescheid natürlich vorausgesetzt - 2014/2015 endgültig entscheiden, ob mit dem Bau der dritten Piste  begonnen wird. Das macht der Airport auch von der Entwicklung der großen in Wien ansässigen Airlines AUA (Austrian Airlines) und Niki (flyniki) abhängig. Dafür sei man aber positiv gestimmt, hieß es.

"Unsere Prognosen für 2020 gehen davon aus, dass wir bis dahin zumindest 30 Millionen Passagiere in Wien haben", sagte Vorstand Ofner. Jetzt sind es 22 Millionen. Mit 30 Millionen Passagieren wäre die bisherige Zwei-Pistenkapazität von Wien aber endgültig erschöpft.

90 bis 95 Flugbewegungen werden pro Stunde durch die dritte Piste möglich. Bisher liegt die Spitzenkapazität bei 68.

"Wenn sich die Vorhersagen als falsch herausstellen sollten, werden wir auch keine dritte Piste bauen", sagten Ofner und Jäger. Sorgen von Anrainern, dass sich mit dem Airportausbau die Zahl der Überflüge über Wien vervielfachen könnten, wurden zurückgewiesen.

Pro einer Million Passagiere würden am Airport Wien direkt tausend und indirekt weitere zweitausend Jobs geschaffen, rechneten die Manager heute vor.

Probleme in Deutschland

Nach den Problemen mit den Mega-Bauvorhaben an großen deutschen Flughäfen (Verzögerung in Berlin, Ausbaustopp in München) sieht der Flughafen Wien für sich die Wettbewerbschancen gewachsen. Die Lufthansa habe ja schon angekündigt, notfalls stärker über Wien oder Zürich auszuweichen. Die Zusage der Lufthansa an die AUA, 2013 und 2014 zusätzliche Langstreckenflieger nach Wien zu stellen (für Nordamerika oder Asien-Destinationen) wird vom Flughafen ausdrücklich begrüßt.

Die neue Piste wird 60 Meter breit. Die zwei alten Start- und Landebahnen sind nur 45 Meter breit. Die Piste drei wird für so genannte "Code-F-Flugzeuge" tauglich, das heißt, dann können auch große Superjumbos wie der A380 in Wien landen.

Umstrittenes Mediationsverfahren

Der Flughafen verpflichtete sich in den Mediationsverfahren, dass es nachts zwischen 22.30 Uhr und 6 Uhr früh keine Nutzung der 3. Piste geben wird. Ingesamt wird zudem aufs Jahr gerechnet die Zahl der nächtlichen Flugbewegungen (West-Anflüge auf Schwechat) auf ingesamt acht weiter zurückgenommen, außer wenn es Gewitter oder sonstige Ausnahmesituationen gibt. Ein gesetzliches Nachtflugverbot wie in Frankfurt gibt es in Wien weiter nicht.

Dennoch bleibt für die FPÖ das Mediationsverfahren eine Farce. Für den blauen Wiener-Landtagsabgeordneten Toni Mahdalik war die Bürgereinbindung "reine Augenauswischerei, denn das Ergebnis im Sinne der Flugverkehrslobby stand schon vor Beginn des Verfahrens fest".

Ofner räumte ein, dass es bei großen Infrastrukturvorhaben wie es Bahnstrecken, Autobahnen oder Flughäfen seien, leider nicht schmerzlos abgehen kann. "Die Flughafen Wien AG fühlt sich an alle Punkte des Mediationsverfahrens gebunden", wurde versichert.

Für Lärmschutzfenster von Anrainerhaushalten hat der Airport bisher 50 Millionen Euro ausgegeben. Außerdem wird ein Umweltfonds dotiert. Man habe "ganz wenigen Leuten" angeboten, Häuser und Grundstücke abzulösen, das sei kaum in Anspruch genommen worden. Die Flugrouten selbst waren nicht Teil des jetzigen Bescheidverfahrens. Die werden für die dritte Piste erst später festgelegt, wenn die Bauentscheidung gefallen ist. Enteignungsberechtigungen für ökologisch relevante Ausgleichsmaßnahmen wurden gegen Kritik verteidigt, "Man kann nicht hunderte Millionen investieren und dann letztlich daran scheitern, dass ein Stück Land nicht zur Verfügung steht."

Neue Verbindungen ab Klagenfurt

Neues gibt es auch vom Airport am Wörthersee. Für die Wintersaison 2012/13 hat der Klagenfurter Flughafen einen Chartervertrag mit der Fluglinie Condor abgeschlossen. Zweimal wöchentlich, dienstags und samstags, wird eine Airbus-320-Maschine mit 174 Sitzen zwischen Klagenfurt und Berlin bzw. zwischen Klagenfurt und Hamburg verkehren. Ab einer Auslastung von 70 bis 75 Prozent glaubt Flughafen-Geschäftsführer Johannes Gatterer kostendeckend arbeiten zu können. Das Risiko belaufe sich auf 1,2 Millionen Euro, sagte er auf Anfrage.

Die Verbindung mit Hamburg wird vom 22. Dezember 2012 bis nach Ostern 2013 bestehen. Berlin wird ab 22. Dezember bis zum 20. März angeflogen. (APA, 11.7.2012)

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    Nach dem rechtskräftigen Bescheid kann die Detail-Planungsphase beginnen für die dritte Piste. Sie wird mindestens zwei Jahre dauern.

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