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vergrößern 750x500Optimismus, Aufbruch, Unbilden des Seins, Fragilität des Glücks: Erich Lessings Alltagsdokumente aus der Nachkriegszeit.
Wien - Es darf wohl als bewusste Irreführung, als ein Spiel mit Erwartungshaltungen und deren Nichteinhaltung im öffentlichen Bewusstsein verstanden werden, wenn Erich Lessing zu einer Ausstellung mit dem verheißungsvollen Titel The Girls of the 50s bittet und dann großteils Fotografien eher betagter Damen als junger Mädchen zeigt.
Die Dichotomie von Schein und Sein, die gerade die aktuelle Beschäftigung mit dem Werk von Gustav Klimt charakterisiert, spiegelt sich auch im Werk des Doyens der österreichischen Fotografie wider. Im Juli gastiert Lessing am Attersee und wandelt auf den Spuren des Jubilars.
Der 88-jährige Lessing präsentiert in der nunmehr zweiten Retrospektive seiner im März eröffneten Galerie in der Weihburggasse bewusst keine Berühmtheiten: weder Politiker noch Schauspieler oder Granden der Gesellschaft. Der Fokus seiner in französischer Accrochage - sie erzielt mittels dichter Hängung enorme Intensität - gezeigten Fotos liegt auf Frauen, seien es ältere Wiener Pelzkappenträgerinnen, Fabrikarbeiterinnen aus dem ehemaligen Ostblock oder flanierende Strandschönheiten an der Côte d'Azur oder der Riviera, deren Leichtigkeit des Seins dann doch dem Titel partiell entspricht.
Auch dort bestechen Details: gleichgültig, ob im Hafen von St. Tropez die Fischer ihre Netze ordnen oder Ruinen die Nachwehen des Krieges illustrieren. In seinen elegischen Aufnahmen gelingt es Lessing, Ästhetik, Emotion und Ambiente, Stimmen und Stimmungen einzufangen.
Berühmt wurde der seit 1951 für die Magnum-Agentur tätige Chronist - er war Wegbegleiter von Cartier-Bresson, Capa und anderen - durch seine archaischen Reportagen, vor allem aber durch exzentrische Perspektiven jenseits des Normativen. Die Staaten des ehemaligen Ostblocks bereiste Lessing schon lange, bevor sich jemand anderer für diese interessierte. Sein humanitärer Ansatz lieferte dabei den philosophischen Überbau für seine Arbeit.
Von Optimismus war der Alltag in der Nachkriegszeit geprägt. Gerade völlig divergierende Lebensumstände - Chancen und diverse Lebenslinien im Westen und im Osten Europas - machen den Reiz dieser konzentrierten Rückschau aus. (Gregor Auenhammer, DER STANDARD, 11.7.2012)
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