"Nichts unheimlicher als das Leben selbst"

    10. Juli 2012, 18:28
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    Arthur Schnitzlers Einakterzyklus "Anatol" (1891)

    Es wäre gewiss falsch zu sagen, aus Anatol, dem jungen Lebemann mit den vielfältigen erotischen Interessen, werde man nicht schlau. Das größte Rätsel bleibt sich Anatol nämlich selbst. Wo die anderen bedenkenlos genießen, klagt der Titelheld in Arthur Schnitzlers Einakterzyklus (1888-1891), da müsse er empfinden. Empfindungen aber machen ihre Übermacht vor allem dann geltend, wenn sie schmerzlich sind.

    Der sinnlich überfeinerte Fin-de-Siècle-Mensch findet mit ein bisschen Matratzensport nicht mehr sein Genügen. Anatol gebraucht sein spöttisches Gegenüber Max als Klagemauer: "Nichts unheimlicher als das Leben selbst", rutscht es ihm vor dem Freund heraus. Er will die " Wahrheit" aus seinen wechselnden Geliebten herauspressen.

    Sexuelle Untreue ist für jemanden wie Anatol nicht so sehr ein hygienisches Problem. Seine Zweifel berühren die Grenzen des Bewusstseins. Es könnte sein, dass Cora ihm ihre Untreue verschweigt (Die Frage an das Schicksal). Er versetzt die Arglose in Hypnose, schreckt aber vor der alles entscheidenden Frage zurück. Die köstliche Illusion ist dem Müßiggänger das deutlich höherwertige Gut. Ihre Formel lautet: "Ausnahmslos alle Frauen sind untreu, weil es ihre Natur gar nicht anders zulässt. Nur meine Geliebte bildet die hochlöbliche Ausnahme!"

    Die Logik der Anatol-Szenen ist am ehesten diejenige der Spiegelfechterei, und nicht immer sind Lustgewinn und Schmerzprophylaxe klar voneinander zu trennen. In den berühmten Weihnachtseinkäufen läuft der Held am Heiligen Abend jener verheirateten Gabriele über den Weg, die ihn einst, nicht ohne Zögern, abwies.

    Ein neckischer Dialog entspinnt sich. Wie durch einen Schleier hindurch gibt Anatol seiner Bekannten zu verstehen, dass sein Verhältnis zu einem Vorstadtmädchen die mindere Frucht jener Zurückweisung ist, die er durch Gabriele vormals erfahren musste. Zugleich verleitet er seine Begleiterin zum Eingeständnis ihrer damaligen Feigheit. Das weckt nicht nur sein Erstaunen, sondern ruft bei ihm ein Genießen hervor: "Gnädige ... Frau!?"

    Schnitzlers äußerst scharf umrissene Szenen enthalten tatsächlich Fragmente einer Sprache der Liebe. Deren Artistik beruht auch auf männlicher Borniertheit, und es mag Schnitzler (1862-1931) sogar geschmerzt haben, mit der Hauptfigur nahezu völlig zur Deckung gebracht zu werden. Nun lebt gewiss jede Liebeskunst von der Umwegigkeit der Anbahnung: Durch sie soll schon im hinderlichen Aufschub der Vorschein reiner Seligkeit genossen werden.

    Im Falle Anatols verhält es sich durchaus verzwickter. Das bürgerliche Subjekt der Jahrhundertwende kann den internen Verlautbarungen seiner Seele nicht mehr ohne weiteres vertrauen. Philosophen wie Ernst Mach beschreiben den Menschen als Kreuzungspunkt von Sinnesempfindungen. Das gehätschelte Ich zerfällt in unzählige Bewusstseins- und Temperamentslagen; und keine sittliche Idee verbürgt mehr die Einheit des Subjekts.

    Anatols Fluch ist zugleich sein ganzes Glück. Indem das angeblich so "unvernünftige" Wesen der Frauen ihn stets aufs Neue verblüfft und verdrießt, gewinnt er Anschauungsmaterial für immer neue Theorien. Es ist die Vorläufigkeit seiner Ansichten über die Liebe, die Anatol davon abhält, in die reine Apathie zu versinken.

    Und gar nicht so selten, etwa im genialen Abschiedssouper, sind ihm die Frauen auch bloß über. Im "Chambre séparée" möchte er - nur in Maxens Beisein - mit der lebenslustigen Annie brechen. Die Austern kommen, der Sekt wird gereicht, und Annie eröffnet dem bass erstaunten Narziss, dass sie wegen eines Ballettkollegen mit ihm brechen wolle.

    Spontan erfindet Anatol eine Betrugsgeschichte, um Annie zu überbieten. Maxens höhnischer Kommentar: "Na, siehst du, es ist ganz leicht gegangen."   (Ronald Pohl, DER STANDARD, 11.7.2012)

    Die Serie mit Werken des Jahresjubilars wird unregelmäßig fortgesetzt.

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