"Ankerjugendliche" für Ministerium nach wie vor Thema

10. Juli 2012, 18:30
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Familiennachzug nach Asylerteilung "unter Beobachtung" - Studie des UNHCR widerspricht

20.057 Asylwerber haben nach offiziellen Zahlen am 1. Juli in Österreich gelebt, unter ihnen 1663 Personen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Um einen Teil dieser Jugendlichen - jene, die unbegleitet nach Österreich gekommen sind - herrscht seit Jahresanfang ein Streit zwischen Innenministerium, NGOs und Experten.

Die Frage ist, ob viele dieser Teenager die Mühen und Gefahren der Flucht vor allem deshalb auf sich genommen haben, weil sie als Vorhut für ihre Familie eingesetzt wurden. Ob sie als sogenannte Ankerkinder oder -jugendliche zu bezeichnen sind, wie es Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und Ministeriumsexperten Anfang Jänner 2012 im Rahmen eines Hintergrundgesprächs äußerten.

Man habe dem im Jänner Gesagten nichts Neues hinzuzufügen, meinte am Dienstag eine Sprecherin des Innenministeriums: "Wir beobachten die Situation bezüglich Ankerkindern nach wie vor." Von NGO-Seite werden dem die niedrigen Zahlen bei den Familienzusammenführungen entgegengehalten: Ein Rundruf in Unterbringungseinrichtungen habe ergeben, dass das Nachkommen der Familie, wenn ein jugendlicher Flüchtling in Österreich Asyl bekommen hat, in den vergangenen Jahren nur in einem runden Dutzend Fällen möglich gewesen sei, heißt es bei der Asylkoordination. Auch sei Familienzusammenführung menschenrechtlich verankert.

Flucht aus Afghanistan

Ein Großteil der Jugendlichen, die sich allein bis nach Europa durchschlagen konnten, kommen aus Afghanistan. Fast ausschließlich handelt es sich um junge Burschen und nur in Ausnahmefällen Mädchen: etwa, wenn sich Geschwister zusammen auf die riskenreiche Reise gemacht haben. Im Rahmen einer Studie hat das UNO-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR im Jahr 2010 die Fluchtgründe von 150 dieser Jugendlichen im Rahmen von Interviews in sechs EU-Staaten erhoben.

In vielen Fällen, so stellte sich im Rahmen der Expertise "Trees only move in the wind: a story of unaccompanied Afghan children in Europe" heraus, hatten sich die Jugendlichen allein zum Weggehen entschlossen: Oft, weil sie von ihren Eltern bereits getrennt waren, sei es aufgrund einer früheren Flucht, etwa vor den Taliban, in ein Nachbarland Afghanistans. Sei es, weil sie als Halbwüchsige schon davor zu Arbeitszwecken, nach Pakistan oder in den Iran gewechselt hatten.

Vielfach wurde die Entscheidung aber auch von entfernten Verwandten getroffen: Die Entwurzelung der Jugendlichen hatte meistens bereits vor dem Schritt stattgefunden, sich Schleppern anzuvertrauen. (bri, DER STANDARD, 11.7.2012)

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