Tagsüber Tücher verkaufen, abends Judo

10. Juli 2012, 18:11
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Über den ersten Palästinenser, der sich seinen Auftritt bei Olympia selbst verdient hat

Jerusalem/Wien - Die Sporthalle in Ostjerusalem hat sich den Namen nicht verdient. Der Raum ist niedrig und karg beleuchtet, an den Wänden sind auf provisorischen Regalen Pokale aufgestellt. Den Steinboden bedecken die Judoka vor jedem Training mit ihren Matten, es gibt keine Duschen, keine Umkleidekabinen. An einer Seite des Raumes sind Stühle und Tische gestapelt. Die werden an den Wochenenden gebraucht, wenn hier wie gewöhnlich Hochzeitsfeiern stattfinden.

In dieser Umgebung trainiert Maher Abu Rmeileh, seit er als Siebenjähriger unter der Anleitung seines Vaters mit dem Sport begann. In 16 Tagen wird der 28-Jährige als Fahnenträger mit der palästinensischen Flagge in der Hand ins Londoner Olympiastadion einziehen. Abu Rmeileh ist nicht der erste Sportler aus Palästina bei Olympischen Spielen. Er ist aber der erste, der es aus eigener Kraft dahin geschafft hat.

Zum fünften Mal seit 1996 in Atlanta schmückt ein palästinensisches Team Olympia. Bisher wurden die Athleten, deren Heimat bis heute international nicht als Staat anerkannt ist, mangels erreichter Qualifikationskriterien vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eingeladen. Auch für London bekamen zwei Leichtathleten und zwei Schwimmer Wildcards. Judoka Abu Rmeileh hat sich die für seine Teilnahme in der Klasse bis 73 Kilogramm nötigen 20 Qualifikationspunkte aber selbst verdient.

Seit bekannt ist, dass er in London kämpfen wird, ist in seiner kleinen Trainingshalle ordentlich etwas los. "Die Kinder kommen von der Straße rein und feuern mich an", erzählt er. "Ich hoffe, dass nach Olympia viele selbst mit dem Training beginnen."

Nur ein paar Kilometer weiter westlich bereiten sich in der geteilten Stadt die israelischen Judoka auf London vor. Ihnen stehen erstklassige Trainingsbedingungen zu Verfügung - samt Ruheraum, Sauna und Restaurant.

Kooperation unerwünscht

Schon einige Male wurden palästinensische Nachwuchssportler von Israel eingeladen, um dort zu trainieren. "Aber das käme für uns niemals infrage", sagt Abu Rmeileh. Sein Trainer Hani al-Halabi ergänzt: " Solange es keine friedliche Einigung mit Israel gibt, kann es keine Kooperation zwischen uns geben."

Unter diesem politischen Klima leiden auch die Schwimmer. Erst in diesem Sommer wird in den Palästinensergebieten das erste Schwimmbad mit olympiatauglicher Beckenlänge von 50 Metern in Jericho eröffnet. Die 17-jährige Schwimmerin Sabine Hazboun, die für London eine Wildcard erhielt, trainierte in ihrer Heimatstadt Betlehem in einem 18 Meter langen Becken. "Und ich musste es mir mit anderen Freizeitschwimmern teilen", sagte die Schülerin. Seit einem Jahr bereitet sie sich in einem Hochleistungszentrum in Barcelona auf die Spiele vor.

Abu Rmeileh könnte gar nicht aus Jerusalem weg. Vormittags steht er jeden Tag im kleinen Laden seines Vaters in der Altstadt nahe dem Damaskustor und verkauft Tücher. Davor geht er zwei Stunden schwimmen, abends trainiert er in der kargen Sporthalle nahe der Stadtmauer. Von London träumt er schon. "Mein Vater sagt, er kann seinen Stolz gar nicht in Worte fassen. Er sagt, ich lebe seinen Traum." (sid, krud, DER STANDARD, 11.7.2012)

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    Judoka Maher Abu Rmeileh geht nur abends auf die Matte.

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    Tagsüber arbeitet er im Laden seines Vaters in Jerusalem.

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