Der militante Agnostiker als Familienmensch

10. Juli 2012, 18:24
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Beim diesjährigen Nobelpreisträgertreffen in Lindau wirkte der Astrophysiker Brian Schmidt wie ein hochengagierter Jungforscher unter alten Professoren. Der Wissenschafter präsentierte sich als Freund offener Worte, dem seine Arbeit nicht über alles geht.

Brian Schmidt ist an Überraschungen gewöhnt, der 45-jährige Astrophysiker mit amerikanischer und australischer Doppelstaatsbürgerschaft war immerhin Kopf eines der Wissenschafterteams, die 1998 im Wettstreit untereinander entdeckten, dass sich das Universum schneller ausdehnt, als bisher vermutet - und das auch noch mit zunehmender Geschwindigkeit. Er erhielt dafür 2011 wie Saul Perlmutter und Adam Riess den Nobelpreis.

Auch ein 61-jähriger Mann könnte Schmidt zum Staunen bringen: Er umarmte ihn und gratulierte zum Nobelpreis mit den Worten "Endlich, darauf habe ich seit fast sieben Jahren gewartet." Der Mann war der Australier Barry Marshall, 2005 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet, der die Bürde, als einer der wenigen australischen Nobelpreisträger durch die Lande ziehen zu müssen, um die Bedeutung von Wissenschaft für die Gesellschaft zu predigen, wohl gern an einen jüngeren Landsmann weitergeben wollte. Schmidt sagte beim jährlichen Nobelpreisträgertreffen in Lindau am Bodensee vergangene Woche: "Heute weiß ich, warum er so reagierte. Der Zeitaufwand ist groß."

Diese vielen Reisen und Vorträge mögen schon an die Substanz gehen, aber als Laureat weiß man auch, was die Öffentlichkeit erwartet. Jammern gilt nicht. "Du hast außerdem die Chance, zu sagen, warum Wissenschaft wichtig ist. Das ist unsere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft", sagte Schmidt, der sich nebenbei als Winzer betätigt und sehr rege als " cosmicpinot" zu unterschiedlichen Themen twittert.

Risiken eingehen

Also predigte er auch in Lindau und erzählte von der Notwendigkeit, im Wettbewerb mit anderen Wissenschaftern an die Grenzen zu gehen und dabei keine Risiken zu scheuen - wie er selbst, als er 1994 nach Australien kam, "something big" machen wollte und sich dafür entschied, Supernovae des Typs 1 zu beobachten: Explosionen sehr massenreicher Sterne am Ende ihres Lebens, die sich für eine Vermessung des Universums bestens eignen. Damals war er Postdoc in der australischen Hauptstadt Canberra, wo er bis zum heutigen Tag mit seiner Familie lebt und keine große Lust verspürt, woanders hinzugehen. Wenige Jahre später leitete er ein Team, das bis 1998 so überraschende Daten fand, dass die Wissenschafter sie immer wieder kontrollierten. Und als sie die Ergebnisse, zigmal gecheckt, schließlich publizierten, spaltete sich die Physik-Community wie so oft in zwei Parteien. Die Theoretiker freuten sich und meinten, das würde nun einige ihrer Fragen beantworten. Die Astrophysiker, die sich auf Beobachtungen konzentrierten, waren skeptisch. "Das war okay, ich bin auch skeptisch", sagt Schmidt heute, der von einem seiner Kollegen einmal als "militanter Agnostiker" bezeichnete wurde. Glauben ist seine Sache nicht. Im Daily Telegraph schrieb er 2009: "Mein Job ist es, in den Himmel zu schauen, um das Universum und unseren Platz darin besser zu verstehen."

Luftballonvergleich

Angesprochen auf seine mit dem Nobelpreis gewürdigte Entdeckung, wählt Schmidt gern einen recht plastischen Vergleich: "Die Ausdehnung des Universums ist ein bisschen wie das Aufblasen von Luftballons, auf denen man kleine Punkte aufgemalt hat. Je größer der Ballon wird, desto weiter entfernt sind die Punkte. Und je weiter weg die Punkte sich befinden, desto schneller entfernen sie sich beim Aufblasen voneinander." Obwohl das einfach klingt: Die Dunkle Energie, die er für die Expansion verantwortlich macht, kann er sich nicht erklären. "Wir haben keine Ahnung." Heute geht man davon aus, dass das Universum zu 72 Prozent genau daraus besteht. 23 Prozent sind Dunkle Materie, die, wie der Name schon sagt, nicht sichtbar ist, sich aber durch die Schwerkraftbildung verrät. Nur fünf Prozent sind bekannte Materie.

Schmidt wird sicher irgendwann einmal wieder mehr zur Forschung kommen als jetzt. Als nur mehr Vorträge haltendes Wissenschafterdenkmal ist er wohl einfach zu jung. Auf seinem Twitter-Account bezeichnet er sich als " sehr beschäftigten Kosmologen, aber auch als "Dad" und "Husband" und " Weinbauer". Und das sagt in einem Satz, was er in Lindau auch gegenüber Journalisten erklärte: Es gibt für ihn ein Leben neben der Wissenschaft. Und das ist ihm wohl wichtiger als die Astrophysik. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 11.7.2012)


Wissen: Lindau-Treffen

Das erste Nobelpreisträgertreffen in Lindau am Bodensee fand 1951 statt und hatte das Ziel, die Isolation der deutschen Wissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg zu beenden. Initiiert wurde es von einem Gynäkologen und einem Internisten. Der Besitzer der Blumeninsel Mainau im Bodensee, der schwedische Adelige Graf Lennart Bernadotte, unterstützte das Treffen nicht zuletzt durch seine Beziehungen zum schwedischen Nobelpreis-Komitee.

Er war auch erster Präsident des Lindau-Kuratoriums. Seit seinem Tod ist seine Tochter Bettina Bernadotte in dieser Position. Ziel der Tagung ist vor allem der Austausch zwischen den Laureaten und Jungwissenschaftern. Das nächste Treffen findet Anfang Juli 2013 statt - mit dem Themenschwerpunkt Chemie. (red)

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    Brian Schmidt schaut selten durch Fenster, wenn er arbeitet. Sein Werkzeug zum besseren Verständnis des Universums sind Teleskope.

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