Das hoffnungsfrohe Medaillenimperium

10. Juli 2012, 18:05
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USA klarer Favorit auf Gewinn der Medaillenwertung in London. Das Ergebnis wird man sich diesmal nicht schönreden müssen

Wien - Der Heimvorteil kann erstaunliche Erfolge zeitigen. 1904 fanden die dritten Olympischen Spiele der Neuzeit in St. Louis statt - ein Fest für die Athleten aus den USA, die ziemlich unbehelligt von Konkurrenz aus Übersee 235 Medaillen gewinnen konnten, 78 davon waren in Gold gehalten. Trotz der aus heutiger Sicht recht bescheidenen Zahl von 91 Wettbewerben in 17 Sportarten ein ewiger Rekord, dem das US-Team nur noch 1984 bei den Boykottspielen in Los Angeles halbwegs nahe kam, wo es in Abwesenheit vor allem des olympischen Krösus Sowjetunion 174 Medaillen, davon 83 goldene, abräumte.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der einmaligen Teilnahme eines GUS-Teams 1992 gewannen die USA die Medaillenwertung angefangen mit Atlanta 1996 dreimal en suite. 2008 und in Peking war's aber vorbei mit der Herrlichkeit der Mannschaft unter dem Star-Spangled Banner. China gewann mit seinem bisher größten Olympiateam (639 Sportler) in 302 Wettbewerben (28 Sportarten) zwar weniger Medaillen als die USA (100 zu 110), aber deutlich öfter Gold (51 zu 36) und also die Medaillenwertung nach Zählweise des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

US-Bemühungen, die drohende Niederlage schon während der Spiele schönzureden, wirkten kurios. Es sei nur recht und billig, alle Medaillen zusammenzuzählen, hatte etwa Brian Williams, der angesehene Nachrichten-Anchor vom US-Broadcaster NBC, behauptet. "Die Zweiten und Dritten haben sich schließlich genauso angestrengt wie die Ersten."

In London, davon sind nicht nur sämtliche Wettanbieter überzeugt, wird es derartige Verrenkungen nicht brauchen. Das Nationale Olympische Komitee der USA (Usoc), das bis Nennschluss Montagmitternacht 530 Qualifizierte zählte, rechnet mit klaren Erfolgen sowohl bei Medaillenanzahl als auch -güte.

Für den Erfolg wurde manch Auge zugedrückt, etwa im Fall von Hope Solo, der Torhüterin der US-Fußballdamen. Die 30-Jährige war positiv auf das verbotene Diuretikum Canrenon getestet worden, kam aber mit einer Verwarnung davon, weil sie glaubhaft machen konnte, dass sie das Mittel unwissentlich als Teil eines von ihrem Hausarzt verschriebenen Medikaments eingenommen hatte.

Wer das Star-Spangled Banner bei der Eröffnung trägt, blieb ein bis zuletzt gut gehütetes Geheimnis. Diesbezüglich Spektakuläres hat Russland zu bieten, dessen Mannschaft sich erstmals von einer Dame führen lässt, von Tennisstar Maria Scharapowa.

Russland wird als allenfalls viertbeste Nation der Spiele gehandelt. Noch hinter Gastgeber Großbritannien, das mit 262 Damen und 280 Herren in die Wettbewerbe zieht. Aber dass der Heimvorteil erstaunliche Erfolge zeitigen kann, hat die olympische Vergangenheit ja bewiesen. (lü, DER STANDARD, 11.7.2012)

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