Sprechende Hände

10. Juli 2012, 17:53
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Wenn Kurz dezidiert auf etwas hinweisen will, berühren einander Daumen und Zeigefinger

Armin Wolf fasste ihn - an seinem sonstigen Stil gemessen - mit der Großzügigkeit eines aus dem Urlaub kommenden, edel gebräunten Mannes an. Nur beim Thema Beschneidung, einer Tradition, die Staatssekretär Kurz nur dem Judentum zuordnete und die in Deutschland für Diskussionen sorgt, bohrte Wolf nach. Kurz hatte die Muslime vergessen, bei denen es diese Gepflogenheit auch gibt.

Ins Schwitzen kam der momentan beliebteste Regierungspolitiker auch da nicht. Und schon gar nicht wich seine Gestik von jenen eintrainiert wirkenden Mustern ab. Kurzs Stil: Bei "wir" - und das fast immer - gehen beide Hände aus einer die Finger verschränkenden "Körbchenhaltung" öffnend vom Körper weg auf Wolf zu. Wie auch beim Wort "Grundwerte". Beim Begriff "Problem" wiederum wird Kurz einhändig, indem er die Rechte in die Mitte ausfahren lässt und dann nach links leitet, als würde er einen Vorhang zuziehen. Und geht es um abwägendes "einerseits, andererseits", scheint er mit Doppelgriff eine Wassermelone vor sich hin und her zu schaukeln.

Natürlich gibt es kleine Abweichungen. Wenn Kurz dezidiert auf etwas hinweisen will, berühren einander Daumen und Zeigefinger; geht es um Beschwichtigung, sieht Wolf plötzlich zwei Handinnenflächen auf sich zukommen. Und bei "Leistung" ballt der Staatssekretär zart die Faust. Mehr Vielfalt war nicht. Sicher war nur, dass Kurz noch immer ein aufrecht sitzender, aufmerksamer Politschüler ist.

Aus den wenigen Gesten auf die Person zu schließen, wäre allerdings auch für Pantomimeprofis ein Wagnis. Kurz - eine sympathische Sphinx. Hoffentlich keine ohne Geheimnis. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 11.7.2012)

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