In Spanien mehren sich Zwangsräumungen

Reportage10. Juli 2012, 18:08
79 Postings

Tausende Spanier müssen jeden Monat ihre Wohnung räumen und stehen auf der Straße. Sie können Bankkredite nicht mehr bedienen

María Luisa Brañas umarmt Verwandte und Freunde. "Danke, danke", stammelt sie erleichtert. Die 51-Jährige hat soeben den Aufschub der Zwangsräumung herausgehandelt. Zwei weitere Monate kann sie mit ihrer sechsköpfigen Familie in der Wohnung im Madrider Außenbezirk Villaverde bleiben. Bankenvertreter und Gerichtsvollzieher haben dem nicht ganz freiwillig zugestimmt.

Brañas hatte Unterstützung von einem Anwalt einer Plattform der Hypothekengeschädigten (PAH), über die sich von Zwangsräumung Bedrohte selbst helfen, sowie von 15-M, Spaniens Bewegung der Empörten. 50 Personen hatten sich vor der Tür der Erdgeschoßwohnung versammelt und machten klar, dass sie ohne Polizei den Zutritt nicht freigeben würden. Der Einsatz blieb aus.

Familie Brañas ist kein Einzelfall. Mehrere Dutzend Zwangsräumungen werden monatlich alleine in Madrid durchgeführt. In ganz Spanien waren es im Vorjahr 58.241. Und nur selten verhindern Proteste, dass die Bewohner auf die Straße gesetzt werden.

Es sind fast immer Fälle wie der von María Luisa Brañas. "Wir sind alle arbeitslos", sagt die Frau, die 17 Jahre lang in einem Betrieb arbeitete, das Gemüse abpackt - bis er 2006 schloss. Brañas' Mann Francisco ist Koch und findet in Zeiten der Krise nur gelegentlich Aushilfsjobs. "Dabei hat er früher richtig gut verdient", erzählt Brañas eine Woche vor dem Besuch des Gerichtsvollziehers in ihrem kleinen Wohnzimmer. "Die Kinder haben auch keine Arbeit, und sie beziehen auch kein Arbeitslosengeld mehr", fügt sie hinzu.

Nur der Älteste mit seinen 32 Jahren kann ab und zu als Fahrer arbeiten. Er hat selbst schon eine Tochter. Von dem wenigen, was er verdient, steckt er seinen Eltern etwas zu. "Doch für die Monatsrate von 600 Euro für den Wohnungskredit reicht es schon lange nicht mehr. Im Augenblick habe ich gerade einmal 20 Euro", sagt Brañas und blickt auf das Portemonnaie auf dem Tisch. Die kleine, untersetzte Frau versucht nervös, eine Zigarette zu drehen. Es gelingt ihr nicht. Die verquollenen Augen zeugen von langen, schlaflosen Nächten. Überall stehen gepackte Umzugskartons.

Verletzt und verhaftet

Zahlen, im Gespräch mit Brañas dreht sich alles um Zahlen: 150.000 Euro kostete 2005 die 86-m2-Wohnung. Das war auf dem Höhepunkt des spanischen Immobilienbooms sogar noch billig - denn es handelt sich um ein Gebäude, das von der Stadtverwaltung für sozial schwache und kinderreiche Familien errichtet wurde. Mittlerweile kamen 16.000 Euro an Verzugszinsen, Gerichts- und Anwaltskosten hinzu. "Außerdem schulde ich meinem Schwager und meiner Schwester große Summen. Sie haben uns unterstützt, bis auch sie nicht mehr konnten", erzählt Brañas. Immer wieder wird sie vom Frühprogramm im Fernsehen abgelenkt. Dort ist das zu sehen, was auf Brañas zukommt: Bei einer Zwangsräumung in Madrid griff die Polizei ein. 20 Protestierende wurden verhaftet, viele verletzt. " Ich hoffe, dass es hier friedlich bleibt", sagt die Frau besorgt.

Den Kredit nahm die Familie Brañas bei der CAM auf. Die Sparkasse aus Valencia ist mittlerweile dem Bankrott nahe und steht ganz oben auf der Liste derer, die mit EU-Geld saniert werden sollen. "Warum wird den Banken geholfen und den Menschen nicht?" fragt Brañas den Tränen nahe.

"Das System ist ungerecht", beschwert sich auch Vicente Pérez. Der Soziologe ist Vorsitzender der PAH in Madrid. "Wer aus der Wohnung geräumt wird, sitzt auf der Straße. Die Schulden bleiben.". Denn die Bank versucht die Wohnung meist erfolglos zu versteigern oder nimmt sie zu einem geschätzten Preis zurück. Nach dem Platzen der Spekulationsblase liegt dieser mindestens 50 Prozent unter dem, was im Kreditvertrag steht. "In anderen Ländern, wie den USA, gibst du die Wohnungsschlüssel ab und gehst schuldenfrei. Wir wollen, dass dies auch hier so ist." Doch trotz unzähliger Unterschriften ringt sich Spaniens Politik nicht zu einem solchen Gesetz durch.

Staatsgeld für Große

Dabei sind nicht private Wohnungskäufer die Hauptverantwortlichen für die 153 Milliarden an Krediten, die nicht mehr bedient werden. Nur drei Prozent der Wohnungskäufer zahlen nicht oder unregelmäßig. Bauindustrie und Immobilienhändler tilgen 22 Prozent ihrer Kredite nicht mehr. Großen Unternehmen wie denen, die unrentable Autobahnen rund um Madrid gebaut haben, wird mit staatlichen Mitteln geholfen.

Pérez will die zwei Monate Aufschub für die Familie Brañas nutzen, um mit der Bank zu verhandeln. Das Ziel: "... dass sie für eine Sozialmiete bleiben können und ihnen die Schulden erlassen werden." Und wenn die Räumung vollstreckt wird? Brañas: "Dann kommen wir wieder und besetzen unsere Wohnung." Die Nachbarn haben ihre Hilfe zugesichert. (Reiner Wandler aus Madrid, DER STANDARD, 11.7.2012)

  • María Luisa Brañas an der Tür ihrer Madrider Wohnung im Kreise ihrer 
Familie: Die Gefahr der Zwangsräumung ist nur kurzfristig gebannt.
    foto: reiner wandler

    María Luisa Brañas an der Tür ihrer Madrider Wohnung im Kreise ihrer Familie: Die Gefahr der Zwangsräumung ist nur kurzfristig gebannt.

Share if you care.