Die Wachstumsgedanken von Kindern

10. Juli 2012, 17:36
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Die Assoziationen, die junge Gärtner entwickeln, sind beeindruckend. Das Zentrum für Soziale Innovation ortet im Projekt Junior City Farming gar Hinweise, unter welchen Bedingungen Europa künftig wachsen sollte

"Bis in die 1960er-Jahre haben hier Kühe geweidet", erzählt Lisa Reck-Burneo. Die Argrar- und Umweltpädagogin deutet auf ein kleines Areal hinter der Kammermeierei, die das ehemalige Frühstückszimmer von Kaiserin Elisabeth beherbergt. Erst seit vergangenem Jahr wird dieses lange Zeit brachliegende Gelände südwestlich der Gloriette wieder intensiv landwirtschaftlich genutzt. Noch sind die Bioerdäpfel, der Honig und Hafer aus Schönbrunn nicht jedem Soziologen ein Begriff.

"Ich habe diese Form des Urban Gardenings in den USA kennengelernt", ergänzt Reck-Burneo. Und ganz offensichtlich scheint es dort wie hier nicht Ziel zu sein, Brooklyn-Birnen oder Schönbrunn-Stevia als Marketinggag anzubieten. Seit 1914 bauen Kinder im Brooklyn Botanical Garden selbst an, um dabei zu lernen. In Berlin sind diese Gartenschulen, die seit vielen Jahrzehnten existieren, oft sogar bis heute Teil eines regulären Lehrplans geblieben.

Innerhalb nur eines Jahres hat es auch das Wiener Projekt Junior City Farming zu einem hohen Bekanntheitsgrad gebracht. Kinder und Jugendliche, die nicht durch ihre Schulen zur Schönbrunner Scholle fanden, reichen sogar selbst Anträge ein, um mitmachen zu dürfen. Egal, ob sie dort ihr eigenes Beet eine ganze Saison lang begleiten oder nur einmalig auftauchen – die Kinder kommen beim Buddeln ins Grübeln.

"Gelbe Zucchini wie diese hier haben viele Wiener Kinder noch nie gesehen. Also glaubten manche, das können nur Bananen sein", sagt Reck-Burneo. Bemerkenswert daran ist, wie nun Vier- bis Zwölfjährige immer weiterwühlen in der Interpretation ihrer Beobachtungen, ohne von den Agrarpädagogen direkt beeinflusst zu werden. "Andere Geschmäcker oder anderes Aussehen werden von Kindern intensiv diskutiert – mitunter beziehen sie das dann auch auf die Beschaffenheit ihrer Gruppe", ergänzt Reck-Burneo.

Gurken und Gesellschaft

Natürlich versuchen die Pädagogen die ungezwungene Atmosphäre beim ersten Biss der Kinder in eine Igelgurke auch zu nutzen. So helfen sie den jungen Gärtnern, die Antwort darauf, warum solche Sorten in keinem Supermarkt zu finden, selbst zu finden: Kleine runde Gurken sind einfach zu schlecht stapelbar. Letztlich steht aber bei allen Aktivitäten immer das bare Staunen der Kinder im Zentrum: Die Banalität eines nur nach zwei Wochen sichtlich gewachsenen Maisfelds erleben diese jungen Städter eben oft zum ersten Mal in Schönbrunn.

Wachstum – das ist nur ein Aspekt, warum Josef Hochgerner seinen Gästen dieses mit dem österreichischen Preis für soziale Innovationen ausgezeichnete Projekt am vergangenen Montag zeigte. Im Rahmen der Soqua-Summer- School dirigiert der Leiter des Zentrums für Soziale Innovation (ZSI) in Wien (siehe Wissen) aktuell ein Symposion, das die grundsätzlichen Bedingungen nachhaltiger Wachstumsstrategien in der EU verhandelt. Dabei begreift das ZSI Innovation eben nicht nur als Summe technischer Prozesse und wirtschaftlicher Mechanismen. Wie daraus eine echte soziale Innovation wird, also wie gesellschaftliche Herausforderungen in diesem Prozess gemeistert werden, diskutieren nun gerade die Teilnehmer der Summer School.

Schule für soziale Innovation

Hintergrund dieses Vorhabens ist aber auch die 2011 erfolgte Gründung der European School of Social Innovation (ESSI). Das Wiener ZSI und die Sozialforschungsstelle der Technischen Universität Dortmund haben sich zusammengetan, um bestehenden Netzwerken in diesem Feld ein organisatorisches Korsett zu geben.

Als seine zentrale Aufgabe erachtet es die ESSI, Bildung und Forschung zur Verbreitung neuer sozialer Praktiken künftig stärker zu fördern. Wie das schon umgesetzt wurde, zeigte die ebenfalls 2011 in Wien abgehaltene Konferenz für "Soziale Innovationen hundert Jahre nach Schumpeter". Es war jedenfalls der Ökonom Joseph Schumpeter, der diesen Begriff 1912 als einer der ersten in seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung erwähnte.

Gemeint hat Schumpeter mit sozialen Innovationen damals allerdings nur Begleitmaßnahmen, die die ökonomische Effizienz des technischen Fortschritts sicherstellen sollen. Kinder, die über die Hautfarbe von Gemüse mehr oder weniger zufällig auf die Beschaffenheit einer pluralistische Gesellschaft stoßen, waren in diesem Konzept noch nicht vorgesehen. (Sascha Aumüller, DER STANDARD, 11.7.2012)

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Wissen: Annehmbare Innovationen

Das 1990 in Wien gegründete Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) geht davon aus, dass jede Innovationstätigkeit gesellschaftliche Aspekte berührt. Sein Ziel ist es, dem technischen Fortschritt soziale Innovationen gegenüberzustellen, die in der Politik, der Forschung und in der Öffentlichkeit dieselbe Aufmerksamkeit genießen. Das ZSI definiert soziale Innovationen als neue Konzepte und Maßnahmen, die von den betroffenen gesellschaftlichen Gruppen auch angenommen werden und der Lösung sozialer Herausforderungen dienen.

Die Sommerschule Soqua existiert in dieser Form seit 2010 und wird vom Wissenschaftsministerium finanziell unterstützt. Unter der Leitung des ZSI legt sie ihren Schwerpunkt heuer (noch bis zum 13. Juli) auf den Bereich der sozialen Innovation. (saum)

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