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Walter Kohn erhielt im Mai dieses Jahres von der Harvard University die Ehrendoktorwürde.

Nobelpreisträger Theodor Hänsch.
Wer während des Nobelpreisträgertreffens im Restaurant des Tagungszentrums saß, konnte durchaus damit rechnen, ein kurzes wissenschaftliches Einführungsseminar zu erhalten. Walter Kohn, mittlerweile 89-jähriger amerikanischer Nobelpreisträger, 1938 aus Wien vertrieben, ließ sich seinen Tee schmecken und erklärte die Grundlagen der Quantenmechanik - nicht ohne vorab den Zuhörer zu beruhigen: "Für den Fall, Sie verstehen es nicht, erkläre ich es dann mit noch einfacheren Worten."
Aber geht es einfacher als mit einem Gleichnis? In den Quantenwelt könnte die Teetasse in zwei sich überlagernden Zuständen existieren, so wie Erwin Schrödingers Katze im gleichnamigen Gedankenexperiment sowohl tot als auch lebendig war, in der Makrowelt wäre das selbstverständlich unmöglich. Der Physiker, dessen kahles Haupt von einer Baskenmütze bedeckt war, wurde verstanden und war zufrieden.
Interesse fehlt
Einer seiner Fachkollegen, der 71-jährige aus Heidelberg stammende Theodor Hänsch, Nobelpreisträger von 2005, zeigte sich Stunden später überzeugt davon, nicht immer verstanden zu werden. Er sei bemüht, die Dinge zu vereinfachen und bewege sich dabei ohnehin auf dünnem Eis. " Vereinfachung kann ja auch zu Fehlern führen." Hänsch ergänzte: "Aber das Problem kennen Sie ja, oder?" Fast müsste man sich geehrt fühlen: So viel hat ein Journalist ja nicht mit einem Nobelpreisträger gemeinsam. Hänsch, der bis heute Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching bei München ist, hat auch einen Rat parat: "Wenn man alles pedantisch genau in den Bericht schreibt, wird er langweilig und unlesbar. Besser ist es, sich wie ein Karikaturist auf das Wesentliche zu beschränken."
Der Physiker erzählte, dass einige Zuhörer nicht verstünden, was " Frequenz" bedeutet und dass ihm diese Wissenslücken in den Grundlagen der Physik Sorgen machen. Ist das Bildungsdefizit so groß? "Nein", sagt Hänsch, die Leute seien nicht dumm. Es fehle ihnen am Willen, sich damit zu beschäftigen. Wie er zu dieser Ansicht kommt? "Viele sagen immer noch mit Stolz, dass sie in Physik schlecht waren, sich dafür aber mit Mozart auskennen."
Weniger reisen
Das ärgert den Wissenschafter, obwohl er damit heute schon viel seltener konfrontiert ist als kurz nach der Nobelpreisverleihung: "Ich versuche weniger zu reisen, und mich mehr der Forschung zu widmen." Sein Thema ist nach wie vor die Präzisionsspektroskopie mit Frequenzkammtechnik, mit der sich Naturkonstanten sehr genau messen lassen.
Kohns größter wissenschaftlicher Erfolg war die Dichtefunktionaltheorie, mit der sich der quantenmechanische Grundzustand eines Vielelektronensystems beschreiben lässt. Dafür erhielt er 1998 den Nobelpreis für Chemie. Er war auch Gründungsdirektor des Instituts für Theoretische Physik in Santa Barbara in den USA. Über seine Kindheit in Wien spricht er nicht gern. "Meine Eltern sind hier ermordet worden. Ich habe viele schmerzhafte Erinnerungen. Menschen, die Juden auf offener Straße demütigten, die lachten und scherzten."
Hier könne er keinen Frieden finden, sagte Kohn, obwohl er auch viele Freunde hierzulande habe. Ganz anders sei die Situation in Deutschland, wo man sich gleich nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Gräueltaten bekannte - "während man in Österreich noch lange davon sprach, das erste Opfer gewesen zu sein!"
Überrascht und optimistisch reagierte Kohn aber auf die Tatsache, dass der Wiener Dr.-Karl-Lueger-Ring in Universitätsring umbenannt wurde. Er habe nichts davon gewusst. Das sei immerhin ein Signal. (pi, DER STANDARD, 11.7.2012)
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