Jeden zweiten Tag sperrt in Irland ein Pub zu

Junge Leute finden rustikale Lokale uncool, Wirte geben Wirtschaftskrise und Rauchverbot die Schuld

Dublin - Es ist noch nicht lange her, da waren die Pubs das zweite Wohnzimmer der Iren. Hier spielten sich Freudenszenen und Dramen ab, Geburtstage und Hochzeiten feierte man hier ebenso wie Kommunion und Taufen, und auch zum Leichenschmaus fand man sich in den altehrwürdigen Lokalitäten zusammen.

Doch nun scheint diese Tradition zu bröckeln. Jeden zweiten Tag schließt ein Pub in Irland. Allein seit 2005 haben 1100 Lokale dichtgemacht. "Es scheint, als erlebten wir einen fundamentalen Lebenswandel", sagt Mary Lambkin, Marketing-Dozentin am University College in Dublin. Die Leute hätten mit steigendem Einkommen weniger Lust, sich in rustikalen Gaststätten einzurichten - und bevorzugten exquisiteres Ambiente. "Die Jungen wiederum wollen neue Orte, hellere, modernere Einrichtungen", so Lambkin. Das heißt: Pubs sind uncool.

Alkoholkonsum verlagert sich ins Private

Ein weiteres Problem für die Pubbesitzer ist, dass sich der Alkoholkonsum zunehmend ins Private verlagert. Laut einer Studie, die im Auftrag der Drinks Industry Group of Ireland (DIGI) durchgeführt wurde, wurden vor zehn Jahren 80 Prozent aller alkoholischen Getränke in Gaststätten ausgeschenkt. Mittlerweile ist es nicht einmal die Hälfte. Die Leute versorgen sich zunehmend selbst mit dem Stoff.

Schon länger machen den Besitzern das Rauchverbot und die schärferen Verkehrskontrollen zu schaffen. Seit 2004 gilt in irischen Pubs ein ausnahmsloses Rauchverbot. Wer qualmen will, muss vor die Tür gehen - was bisweilen ziemlich ungemütlich ist im nasskalten Irland. Und auch die Anfahrt mit dem Auto wird nicht mehr ganz so leger gehandhabt. Fahranfänger dürfen seit geraumer Zeit nur noch 0,2 Promille am Steuer haben, bei Verstößen werden drakonische Strafen verhängt. Die Gardai, die irischen Ordnungshüter, sind angehalten, bei verdächtigen Fahrern sofort einen Alkoholtest durchzuführen.

Doch die rebellischen Iren lassen sich nicht gerne Vorschriften machen, und so manch trinkfreudiger Zeitgenosse wird sein Pint in Zukunft lieber zu Hause und aus der Dose genießen.

Supermärkte als Gewinner

Gewinner dieser Entwicklung sind die Supermärkte. Sie profitieren gleichsam von einer gesetzlichen Lockerung - 2006 wurde das Rabattverbot auf alkoholische Getränke aufgehoben. Die Folge: Die Nachfrage schnellte nach oben. Das Phänomen "Vorglühen" scheint sich auch in Irland zu verbreiten. Die Jugendlichen decken sich in Supermärkten mit Spirituosen ein, um dann in einem Club zu feiern.

Für die Pubwirte hat der Niedergang ihrer Zunft nicht nur kulturelle, sondern auch wirtschaftliche Ursachen. "Früher hatten die Leute Geld, aber keine Zeit", konstatierte Padraig Cribben vom irischen Getränkeverband in der "Irish Times", "heute haben die Leute weder Zeit noch Geld."

Die Wirtschaftskrise hat Spuren hinterlassen. Der Mindestlohn wurde gesenkt, die Mehrwertsteuer erhöht. Das schlägt sich auch in den Preisen der Gastronomie und Getränkeindustrie nieder. Für ein Pint Guinness muss man heute rund fünf Euro berappen.

Allerdings sind viele Leute bereit, diesen Preis zu zahlen. Im Temple-Bar-Distrikt in Dublin tummeln sich jeden Abend tausende Touristen in den Pubs. Der urbane Bereich ist vom stillen Sterben der Kneipen weniger betroffen als ländliche Regionen. "Das Geschäft läuft gut", sagt der Barkeeper im Auld Dubliner und gießt wie zum Beweis das nächste Guinness ein. Die Leute laben sich weiterhin am "schwarzen Nektar". (Adrian Lobe, DER STANDARD, 11.7.2012)

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