Türken rätseln über fehlende Rakete

Version vom Jet-Abschuss durch Syrien im internationalen Luftraum bröckelt

Truppen haben sie zusammengezogen, die Nato tagen lassen, Kampfjets losgeschickt, als syrische Hubschrauber nahe der Grenze flogen. Der Zorn der Türkei sei so stark wie ihre Freundschaft, tönte Tayyip Erdogan Ende Juni, als die syrische Armee einen Militärjet der Türken abgeschossen hatte. Mit Absicht, ohne Warnung und im internationalen Luftraum, behauptete der türkische Premier. Doch seine Darstellung wackelt. "Es gibt kein Bild von einer Rakete", gab ein General zu.

Keine Satellitenbilder

13 Seemeilen vor der Küste und damit außerhalb der syrischen Gewässer soll die F-4 Phantom abgeschossen worden sein. Das ist auf diese Distanz von Land nur mit einer Rakete möglich. Auf ihren Radarschirmen haben die türkischen Militärs jedoch nichts gesehen. Auch Satellitenbilder gibt es offenbar nicht. Die Maschine habe ein System zur Erkennung eines Raketenangriffs gehabt, erklärte Baki Kavun, ein Brigadegeneral, einer türkischen Zeitung. Das Warnsystem hätte angeschlagen, wenn es eine anfliegende Rakete geortet hätte, versicherte der General. Hat es dann aber wohl nicht. Der naheliegende Schluss: Der türkische Militärjet flog tief und langsam im syrischen Luftraum, als er von Artilleriegeschossen getroffen wurde. Das aber hatten die Syrer von Beginn an gesagt.

Damit gerät die Version vom völkerrechtswidrigen Angriff ins Wanken. Ankara hatte gemäß Artikel 4 des Nato-Vertrags Beratungen in Brüssel einberufen. Das ist möglich, wenn ein Mitglied des Militärbündnisses sich in seiner Sicherheit bedroht fühlt. "Was geschehen ist, ist ein völlig unakzeptabler Akt", erklärte der Nato-Generalsekretär entrüstet nach der Sitzung. Doch schon kurz nach dem Abschuss am 22. Juni tauchten Zweifel auf. Ein Spionageflug zum Test von Syriens Luftabwehr schien ein plausibler Grund für die Luftraumverletzung.

Leichen geborgen

Die Leichen der beiden Piloten sind mittlerweile geborgen, ebenso Teile des Flugzeugs. Wrackteile, die von der syrischen Armee übergeben wurden, sollen Löcher von Artilleriegeschoßen aufgewiesen haben. Die syrischen Soldaten hätten die Maschine für einen israelischen Kampfjet gehalten, hatte Staatschef Bashar al-Assad erklärt und den Abschuss bedauert. " Alles Lüge", entgegnete der türkische Außenminister.

Auch Armeechef Necdet Özel bleibt bei der Darstellung, die Maschine sei im internationalen Luftraum getroffen worden. Nur eine Erklärung für die fehlende Rakete hat er nicht. (Markus Bernath/DER STANDARD Printausgabe, 10.7.2012)

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