EU-Kommission fordert bessere Bildungschancen für Behinderte

10. Juli 2012, 15:32

Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf verlassen Schule laut Studie oft mit geringen Qualifikationen - Große Unterschiede bei Inklusion zwischen den Ländern

Wien  - 15 Millionen Kinder in der EU haben sonderpädagogischen Förderbedarf, in Österreich sind es rund 30.000. Obwohl die Mitgliedsstaaten sich zur Förderung von inklusiver Bildung verpflichtet haben, werden noch immer viele Kinder mit körperlicher oder psychischer Behinderung in Sonderschulen unterrichtet, wie ein am Dienstag veröffentlichter Bericht des Bildungssoziologen-Netzwerks (NESSE) im Auftrag der Europäischen Kommission zeigt. EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou forderte die Mitgliedsländer angesichts der Daten auf, für bessere Bildungschancen für Schüler mit Behinderung zu sorgen.

Inklusion - also gemeinsamer Unterricht von Schülern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) - sei "kein Luxus, sondern eine grundlegende Verpflichtung", so Vassiliou. Derzeit verlassen laut der NESSE-Studie Kinder mit SPF die Schule häufig mit nur geringen oder gar keinen Qualifikationen, um dann in spezielle Ausbildungsgänge zu wechseln, die ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt eher verringern als verbessern.

Vassiliou fordert verstärkte Inklusion

Forschungsarbeiten legen laut dem Bericht nahe, dass Kinder mit SPF durchaus Regelschulen besuchen könnten. Dafür müsste jedoch Geld in den Ausbau ihrer sprachlichen Fähigkeiten investiert und mehr Verständnis für kulturelle Unterschiede gezeigt werden. Auch Unterstützungspersonal und eine geeignete Lehrerausbildung spielen eine Rolle. Die EU-Länder müssten sich daher "verstärkt für angemessen finanzierte inklusive Bildungsstrategien einsetzen", forderte Vassiliou.

Bei der Feststellung, welchen Kindern überhaupt SPF attestiert wird, gibt es zwischen den 27 EU-Ländern große Unterschiede. In Österreich haben 3,5 Prozent der Pflichtschüler bzw. 28.525 Schüler sonderpädagogischen Förderbedarf. Demgegenüber stehen 1,5 Prozent aller Pflichtschüler, die in einer Sonderschule unterrichtet werden.

Der Maximalwert an Pflichtschülern mit SPF liegt in Island bei 24 Prozent, allerdings werden nur 0,3 Prozent der Pflichtschüler in Sonderschulen unterrichtet. Den geringsten Anteil an Schülern mit SPF gibt es mit 1,5 Prozent in Schweden, 0,06 Prozent landen in der Sonderschule. Besonders stark wird im flämischen Teil von Belgien separiert: Dort haben 6,2 Prozent der Schüler SPF, 5,2 Prozent landen in der Sonderschule. In Armut lebende Kinder aus Roma-Familien oder anderen ethnischen Minderheiten bzw. sozial und wirtschaftlich benachteiligten Gruppen sind laut dem Bericht in allen Mitgliedsstaaten unter den Schülern mit SPF überrepräsentiert. (APA, 10.7.2012)

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3 Postings
Morbus down oder Ministerialrat

Mich hat in der Sonderschule interessiert, mal Schüler, die dazu Lust haben, zum Abitur zu führen. Mein Schulleiter machte mir aber schon Druck, dass ich einem Schüler "falsche Hoffnungen" mache, als ich ihn nur einen Tag in der Hauptschule hospitieren ließ.
Nun hörte ich von Prof. Hüther (Schulen der Zukunft.com), dass bereits Kinder mit Morbus down Abitur gemacht hätten und studieren.
Egal ob Morbus-down oder Ministerialrat: sie werden offensichtlich nur geistigbehindert, wenn man sie als Geistigbehinderte behandelt. Da können wir einen Fortschritt erzielen, indem wir mal was nicht tun. Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe

schon wieder alle

über einen kamm geschoren. romakinder, körperbehinderte.... bei einem iq von 30 hilft auch das sitzen in der volksschule nicht weiter - die kapazitäten, um abstrakte inhalte zu erfassen, sind nicht vorhanden
diese tatsache wird einfach unterschlagen.
anstatt dass man endlich jedes kind individuell anschaut und seine stärken (und nicht in den schwächen herumbohrt) fördert, will man sie jetzt mit dem gleichen lehrplan für alle maturareif machen - das funktioniert nie.

Ich habe 1984 eine Informatik-Absolventin über die damalige "Aktion 8000" (Monatsnettogehalt) angestellt.

In der Computerbranche gab es damals weltweit etwa 50 Produkte im Bereich "Informatik hilft behinderten Menschen", wenige Jahre darauf bereits 2000. In Österreich erntete ich aber nur Unverständnis. Das Projekt lief mit der "Aktion 8000" ohne Follow-Up aus. Zum Glück fand die Dame über Prof. Helmut Schauer in der Stadt Wien eine Anstellung.

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