Verseuchtes Wasser erreicht in spätestens drei Jahren Nordamerika

  • Simulierte Ausdehnung des radioaktiv verseuchten Meerwassers im Sommer 2012, 16 Monate nach der Reaktorkatastrophe. Die Farben illustrieren die Verdünnung relativ zur ursprünglichen Ausgangskonzentration in den japanischen Küstengewässern: die höchsten Werte (rot gefärbt) betragen noch etwa ein Tausendstel der Werte im April 2011.
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    foto: geomar

    Simulierte Ausdehnung des radioaktiv verseuchten Meerwassers im Sommer 2012, 16 Monate nach der Reaktorkatastrophe. Die Farben illustrieren die Verdünnung relativ zur ursprünglichen Ausgangskonzentration in den japanischen Küstengewässern: die höchsten Werte (rot gefärbt) betragen noch etwa ein Tausendstel der Werte im April 2011.

Detailgenaue Modellstudie zeigt: Wirbel sorgen für starke Vermischung im Pazifik

Die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima liegt ein Jahr und vier Monate zurück, doch die Auswirkungen werden noch für lange Zeit spürbar bleiben. Eine der Folgen ist die umfangreiche radioaktive Kontamination des Meerwassers. Große Mengen der freigesetzten strahlenden Substanzen breiten sich aber nach wie vor im Pazifik aus. Nun haben deutsche Wissenschafter die langfristige Ausbreitung mit Hilfe einer Modellstudie untersucht und festgestellt: Die starke Vermischung durch ozeanische Wirbel sorgt für eine rasche Verdünnung des radioaktiven Wassers.

Durch die Reaktorkatastrophe von Fukushima im März letzten Jahres wurden große Mengen radioaktiven Materials freigesetzt. Ein überwiegender Teil davon gelangte über die Atmosphäre, teilweise aber auch durch direkte Einleitung in den Pazifischen Ozean, darunter auch langlebige Isotope wie das im Meerwasser gut lösliche Cäsium-137. Mit Hilfe detaillierter Computersimulationen haben Forscher des GEOMAR-Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel die langfristige Ausbreitung untersucht. "In unseren Modellen haben wir großen Wert auf eine möglichst realistische Darstellung auch feiner Details der Strömungen gelegt", erklärte der Leiter des Forscherteams, Claus Böning, "denn die Stoffausbreitung wird nicht nur durch die Hauptströmung, den Kuroshio, sondern maßgeblich auch durch intensive und stark veränderliche Wirbel geprägt."

Rasche Abnahme der Caesium-Konzentrationen

"Nach unseren Modellrechnungen dürfte durch diese starken Verwirbelungen das radioaktive Wasser schon jetzt über nahezu den halben Nordpazifik verteilt worden sein", erklärte Diplom-Ozeanograph Erik Behrens, Erst-Autor der in der internationalen Fachzeitschrift "Environmental Research Letters" veröffentlichten Studie. "Zudem haben Winterstürme das Wasser bis in Tiefen von rund 500 Metern vermischt." Die damit einhergehende Verdünnung sorgt in der Modellrechnung für eine rasche Abnahme der Caesium-Konzentrationen.

Der Effekt der ozeanweiten Vermischung wird besonders deutlich, wenn man den im Modell simulierten zeitlichen Verlauf der Strahlungswerte im Pazifik mit den Verhältnissen in der Ostsee vergleicht. "Die im März und April 2011 in den Pazifik geflossene Menge an Radioaktivität war mindestens dreimal so groß wie die, die 1986 infolge der Tschernobyl-Katastrophe in die Ostsee eingetragen wurde", erläutert Böning. "Trotzdem sind die von uns simulierten Strahlungswerte im Pazifik bereits jetzt niedriger als die Werte, die man noch heute, 26 Jahre nach Tschernobyl, in der Ostsee findet."

Ausläufer erreichen in zwei bis drei Jahren Nordamerika

Nach der Modellsimulation sollten erste Ausläufer des verstrahlten Wassers etwa im Herbst 2013 die Hawaii-Inseln streifen und zwei bis drei Jahre später die nordamerikanische Küste erreichen. Anders als an der Meeresoberfläche schwimmende Trümmerteile, die auch durch den Wind vertrieben werden, wird das radioaktive Wasser allein durch die Strömungen unterhalb der Meeresoberfläche transportiert. Die weitere damit einhergehende Verdünnung wird sich nun aber deutlich verlangsamen, da die ozeanischen Wirbel im Ostpazifik viel schwächer als in der Kuroshio-Region sind. Daher werden die Strahlungswerte im Nordpazifik noch über Jahre hinweg deutlich über denen vor der Katastrophe liegen.

Sehr interessiert wären Claus Böning und sein Team an direkten Vergleichsmessungen. "Dann könnten wir unmittelbar sehen, ob wir auch bei den absoluten Größen der Konzentrationen richtig liegen", so Böning. Solche Daten seien für die Kieler Wissenschaftler derzeit aber nicht verfügbar. (red, derStandard.at, 14.7.2012)

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