Rundschau: Menschheit am Scheideweg

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coverfoto: heyne

Robert Charles Wilson: "Vortex"

Broschiert, 399 Seiten, € 9,30, Heyne 2012 (Original: "Vortex", 2011)

Ein kurzer Moment der Nostalgie: Mit dem Vorgänger-Band zu "Vortex", "Axis", hat die SF-Rubrik auf derStandard.at seinerzeit begonnen; vier Jahre ist das mittlerweile her. Soweit es den kanadischen Star-Autor Robert Charles Wilson betrifft, begann die Saga 2005 mit einem Roman, der SF-Kritik wie LeserInnen gleichermaßen faszinierte: "Spin".

In "Spin" wird die Erde von außerirdischen Von-Neumann-Maschinen, den Hypothetischen, in einen Energieschirm gehüllt, der sich als Stasis-Feld entpuppt. In fünf Jahren subjektiver Zeit vergehen draußen im Universum vier Milliarden Jahre - als der Spin endet und sich der Schirm wieder öffnet, findet sich die Menschheit nicht nur in einer neuen Welt wieder. Die Hypothetischen haben ihr auch ein Tor in den Ozean gebaut, durch das man auf einen anderen Planeten reisen kann. Und von diesem auf den nächsten. Und so weiter. Was für eine coole Prämisse! "Vortex" ist nun gewissermaßen die eigentliche Fortsetzung dieses Paukenschlags. Das dazwischenliegende "Axis" war zwar ein schön zu lesender Roman, inhaltlich aber ein vergleichsweise nichtiges Zwischenspiel, ehe Wilson nun wieder die ganz großen Kaliber auspackt. Und wir erfahren endlich auch, wofür die Menschheit über all die Jahrmilliarden hinweg aufgespart wurde.

"Axis" hat indessen den Weg in Sachen Stimmung vorgegeben. Denn schon im zweiten Band der Trilogie war die Entdecker-Euphorie rund um die Weltentore spürbar abgeflaut. In "Vortex" sieht es nun sogar ganz danach aus, als hätten die Menschen das Schlimmste aus ihrer Chance gemacht: Die Klimaerwärmung verstärkt sich rapide, weil nun die fossilen Brennstoffe gleich zweier Planeten in den Himmel gefeuert werden. Zudem ist die US-amerikanische State Care, die sich in den Spin-Jahren all derer annahm, die durch Weltuntergangsängste und deren sozioökonomische Folgeerscheinungen entwurzelt wurden, zu einer Art Verwahrungs- und Wegsperrsystem verkommen. Man munkelt sogar über Pläne, die Internierten zu Zwangsarbeit heranzuziehen. Wenn eine der Romanhauptfiguren den über die Atmosphäre hinausragenden Bogen des Weltentors als ein Lächeln zwischen den Sternen sieht, dann ist dies wie ein letzter Nachklang einstiger Hoffnungen. Längst ist die große Desillusionierung eingekehrt.

Die Psychiaterin Sandra Cole erstellt für die State Care Gutachten darüber, was mit aufgegriffenen "Vagabunden" geschehen soll. Ihr aktueller Fall ist der junge Orrin Mather, der Zeuge verbrecherischer Aktivitäten geworden ist. Dass verschiedene Personengruppen größtes Interesse an ihm haben, könnte aber auch daran liegen, dass Orrin ein höchst eigenartiges Tagebuch führt. Darin scheint er Erlebnisse aus einer 10.000 Jahre entfernten Zukunft zu channeln - und die sieht noch viel schlimmer aus als die Gegenwart. Wilson hat sich neuere Hypothesen zum Massenaussterben an der Perm-Trias-Grenze vor 251 Millionen Jahren zum Vorbild genommen und zeichnet das Bild einer Erde mit gekippten Ozeanen und vergifteter Atmosphäre, auf der nur noch Mikroben existieren können. "Vortex" pendelt zwischen diesen beiden Zeitebenen in rascher Abfolge hin und her. Fast jedes Kapitel endet übrigens mit einem Cliffhanger - rührend, dass auch ein Visionär wie Wilson nicht vor solchen Standardgriffen in die Trickkiste gefeit ist.

In der Zukunftsebene begegnen wir einer Figur aus "Axis" wieder. Der Pilot Turk Findley kam am Ende des Romans auf Äquatoria, der neuen Nachbarwelt der Erde, ums Leben ... oder er wurde in virtueller Form von den Hypothetischen aufgenommen. Wie auch immer - knapp 10.000 Jahre später findet er sich an derselben Stelle in körperlicher Form wieder und wird von Pilgern der besonderen Art aufgegriffen. Vox ist ein Archipel gigantischer künstlicher Inseln - in ihrem Inneren arbeiten Maschinen, die eher Landschaften als Objekte sind, wie der staunende Turk feststellt. Bevölkert wird Vox von einer limbischen Demokratie aus emotional vernetzten Menschen. Oder genauer gesagt Gläubigen, denn sie reisen mit ihrem Archipel über die Meere des Weltenrings, um letztlich auf die verlassene Erde zu gelangen, wo sie mit den Hypothetischen zu verschmelzen hoffen: Man giert nach der "Entrückung".

Schon "Spin" enthielt eine stark spirituelle Komponente - man halte sich nur das Motiv von übernatürlichen Mächten vor Augen, die der Menschheit gleichsam eine Welt schenken ... aber in keinster Weise daran denken, ordnend in den Alltag einzugreifen und menschengemachte Probleme zu beheben. In "Vortex" ist die Spiritualität zu organisierter Religion heruntergekommen - mit allen Folgeerscheinungen. Bald zeigt sich, dass das auf den ersten Blick beeindruckende Vox sehr dunkle Schattenseiten hat und auch nicht die zuverlässigste Quelle historischen Wissens darstellt. Vielleicht wäre Turk doch besser auf die im Off bleibenden Feinde von Vox getroffen, die hier nur als skrupellose Angreifer in Erscheinung treten.

Wilson zieht für den Abschluss seiner Trilogie den wirklich GANZ großen Rahmen auf - das lässt an Stephen Baxter oder Olaf Stapledon denken ... insbesondere was den vergleichsweise kursorischen Schlussteil des Romans anbelangt. (Was darin geschildert wird, lässt sich vermutlich aber auch nicht anders darstellen.) Auch Wilsons eigener Roman "Darwinia" klingt hier noch einmal an. Einer der Gründe, die Wilson so beliebt gemacht haben, ist aber, dass er Macroscale-Ereignisse stets auf eine sehr menschliche Dimension herunterbricht. Wir fiebern mit Orrin und Sandra, Turk und Treya mit ... letztere eine Angehörige von Vox, der man eine Impersona aufgeprägt hat, eine aus alten Dokumenten rekonstruierte Pseudopersönlichkeit namens Allison Pearl. Die sollte Treya eigentlich nur das Kontextverständnis historischer Informationen erleichtern, entwickelt aber ein Eigenleben - und zwar eines, das stark von Treyas eigentlichem Charakter abweicht.

Während Treya/Allison zunehmend mit ihrer Identität beschäftigt ist und Turk erst mit der Nase darauf gestoßen werden muss, dass er eigentlich dasselbe tun sollte, zeichnet sich bei Orrin langsam ab, wo alle Handlungsfäden schließlich zusammenlaufen werden: In der Sehnsucht nach Vergebung und einer zweiten Chance. Stärker denn je verknüpft Wilson so Makrokosmos und Mensch, bis Orrins und Turks persönliche Schicksale ebenso große Bedeutung erlangen wie das der Erde oder gar des Universums selbst.

"Vortex" mag wie die ernüchternde Antwort auf "Spin" wirken. Aber auch wenn da, wo ein Sinn gesucht wurde, nur ein Zweck gefunden wird, lässt Wilson doch einen Platz für Hoffnung. Das gehört ebenso zu seinem Erfolgsrezept wie der klare Stil ("Vortex" liest sich trotz der Thematik federleicht) oder die oben beschriebene Verknüpfung kosmischer Ereignisse mit dem nur allzu Menschlichen. Und noch ein wichtiger Faktor kommt meiner Meinung nach dazu: Zeitlosigkeit. Mag Wilson auch neuere wissenschaftliche Konzepte - wie z. B. die Medea-Hypothese, das suizidale Gegenstück zur freundlichen Vorstellung einer Gaia - einbauen, so lebt sein Roman doch letztlich von einer schwindelerregend großen Idee. Und die hätte auch vor 30, 40, 50 Jahren schon jemand haben können - wie das bei der zugrundeliegenden großen Frage nach dem WARUM halt so ist. Aber ob sie ein anderer auch so fantastisch umgesetzt hätte, sei dahingestellt. Außer vielleicht Arthur C. Clarke in seiner besten Zeit. Dem kommt Robert Charles Wilson jedenfalls so nahe wie kein anderer Autor unserer Tage.

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