Rundschau: Menschheit am Scheideweg

Ansichtssache | Josefson
21. Juli 2012, 10:19
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coverfoto: heyne

Robert Charles Wilson: "Vortex"

Broschiert, 399 Seiten, € 9,30, Heyne 2012 (Original: "Vortex", 2011)

Ein kurzer Moment der Nostalgie: Mit dem Vorgänger-Band zu "Vortex", "Axis", hat die SF-Rubrik auf derStandard.at seinerzeit begonnen; vier Jahre ist das mittlerweile her. Soweit es den kanadischen Star-Autor Robert Charles Wilson betrifft, begann die Saga 2005 mit einem Roman, der SF-Kritik wie LeserInnen gleichermaßen faszinierte: "Spin".

In "Spin" wird die Erde von außerirdischen Von-Neumann-Maschinen, den Hypothetischen, in einen Energieschirm gehüllt, der sich als Stasis-Feld entpuppt. In fünf Jahren subjektiver Zeit vergehen draußen im Universum vier Milliarden Jahre - als der Spin endet und sich der Schirm wieder öffnet, findet sich die Menschheit nicht nur in einer neuen Welt wieder. Die Hypothetischen haben ihr auch ein Tor in den Ozean gebaut, durch das man auf einen anderen Planeten reisen kann. Und von diesem auf den nächsten. Und so weiter. Was für eine coole Prämisse! "Vortex" ist nun gewissermaßen die eigentliche Fortsetzung dieses Paukenschlags. Das dazwischenliegende "Axis" war zwar ein schön zu lesender Roman, inhaltlich aber ein vergleichsweise nichtiges Zwischenspiel, ehe Wilson nun wieder die ganz großen Kaliber auspackt. Und wir erfahren endlich auch, wofür die Menschheit über all die Jahrmilliarden hinweg aufgespart wurde.

"Axis" hat indessen den Weg in Sachen Stimmung vorgegeben. Denn schon im zweiten Band der Trilogie war die Entdecker-Euphorie rund um die Weltentore spürbar abgeflaut. In "Vortex" sieht es nun sogar ganz danach aus, als hätten die Menschen das Schlimmste aus ihrer Chance gemacht: Die Klimaerwärmung verstärkt sich rapide, weil nun die fossilen Brennstoffe gleich zweier Planeten in den Himmel gefeuert werden. Zudem ist die US-amerikanische State Care, die sich in den Spin-Jahren all derer annahm, die durch Weltuntergangsängste und deren sozioökonomische Folgeerscheinungen entwurzelt wurden, zu einer Art Verwahrungs- und Wegsperrsystem verkommen. Man munkelt sogar über Pläne, die Internierten zu Zwangsarbeit heranzuziehen. Wenn eine der Romanhauptfiguren den über die Atmosphäre hinausragenden Bogen des Weltentors als ein Lächeln zwischen den Sternen sieht, dann ist dies wie ein letzter Nachklang einstiger Hoffnungen. Längst ist die große Desillusionierung eingekehrt.

Die Psychiaterin Sandra Cole erstellt für die State Care Gutachten darüber, was mit aufgegriffenen "Vagabunden" geschehen soll. Ihr aktueller Fall ist der junge Orrin Mather, der Zeuge verbrecherischer Aktivitäten geworden ist. Dass verschiedene Personengruppen größtes Interesse an ihm haben, könnte aber auch daran liegen, dass Orrin ein höchst eigenartiges Tagebuch führt. Darin scheint er Erlebnisse aus einer 10.000 Jahre entfernten Zukunft zu channeln - und die sieht noch viel schlimmer aus als die Gegenwart. Wilson hat sich neuere Hypothesen zum Massenaussterben an der Perm-Trias-Grenze vor 251 Millionen Jahren zum Vorbild genommen und zeichnet das Bild einer Erde mit gekippten Ozeanen und vergifteter Atmosphäre, auf der nur noch Mikroben existieren können. "Vortex" pendelt zwischen diesen beiden Zeitebenen in rascher Abfolge hin und her. Fast jedes Kapitel endet übrigens mit einem Cliffhanger - rührend, dass auch ein Visionär wie Wilson nicht vor solchen Standardgriffen in die Trickkiste gefeit ist.

In der Zukunftsebene begegnen wir einer Figur aus "Axis" wieder. Der Pilot Turk Findley kam am Ende des Romans auf Äquatoria, der neuen Nachbarwelt der Erde, ums Leben ... oder er wurde in virtueller Form von den Hypothetischen aufgenommen. Wie auch immer - knapp 10.000 Jahre später findet er sich an derselben Stelle in körperlicher Form wieder und wird von Pilgern der besonderen Art aufgegriffen. Vox ist ein Archipel gigantischer künstlicher Inseln - in ihrem Inneren arbeiten Maschinen, die eher Landschaften als Objekte sind, wie der staunende Turk feststellt. Bevölkert wird Vox von einer limbischen Demokratie aus emotional vernetzten Menschen. Oder genauer gesagt Gläubigen, denn sie reisen mit ihrem Archipel über die Meere des Weltenrings, um letztlich auf die verlassene Erde zu gelangen, wo sie mit den Hypothetischen zu verschmelzen hoffen: Man giert nach der "Entrückung".

Schon "Spin" enthielt eine stark spirituelle Komponente - man halte sich nur das Motiv von übernatürlichen Mächten vor Augen, die der Menschheit gleichsam eine Welt schenken ... aber in keinster Weise daran denken, ordnend in den Alltag einzugreifen und menschengemachte Probleme zu beheben. In "Vortex" ist die Spiritualität zu organisierter Religion heruntergekommen - mit allen Folgeerscheinungen. Bald zeigt sich, dass das auf den ersten Blick beeindruckende Vox sehr dunkle Schattenseiten hat und auch nicht die zuverlässigste Quelle historischen Wissens darstellt. Vielleicht wäre Turk doch besser auf die im Off bleibenden Feinde von Vox getroffen, die hier nur als skrupellose Angreifer in Erscheinung treten.

Wilson zieht für den Abschluss seiner Trilogie den wirklich GANZ großen Rahmen auf - das lässt an Stephen Baxter oder Olaf Stapledon denken ... insbesondere was den vergleichsweise kursorischen Schlussteil des Romans anbelangt. (Was darin geschildert wird, lässt sich vermutlich aber auch nicht anders darstellen.) Auch Wilsons eigener Roman "Darwinia" klingt hier noch einmal an. Einer der Gründe, die Wilson so beliebt gemacht haben, ist aber, dass er Macroscale-Ereignisse stets auf eine sehr menschliche Dimension herunterbricht. Wir fiebern mit Orrin und Sandra, Turk und Treya mit ... letztere eine Angehörige von Vox, der man eine Impersona aufgeprägt hat, eine aus alten Dokumenten rekonstruierte Pseudopersönlichkeit namens Allison Pearl. Die sollte Treya eigentlich nur das Kontextverständnis historischer Informationen erleichtern, entwickelt aber ein Eigenleben - und zwar eines, das stark von Treyas eigentlichem Charakter abweicht.

Während Treya/Allison zunehmend mit ihrer Identität beschäftigt ist und Turk erst mit der Nase darauf gestoßen werden muss, dass er eigentlich dasselbe tun sollte, zeichnet sich bei Orrin langsam ab, wo alle Handlungsfäden schließlich zusammenlaufen werden: In der Sehnsucht nach Vergebung und einer zweiten Chance. Stärker denn je verknüpft Wilson so Makrokosmos und Mensch, bis Orrins und Turks persönliche Schicksale ebenso große Bedeutung erlangen wie das der Erde oder gar des Universums selbst.

"Vortex" mag wie die ernüchternde Antwort auf "Spin" wirken. Aber auch wenn da, wo ein Sinn gesucht wurde, nur ein Zweck gefunden wird, lässt Wilson doch einen Platz für Hoffnung. Das gehört ebenso zu seinem Erfolgsrezept wie der klare Stil ("Vortex" liest sich trotz der Thematik federleicht) oder die oben beschriebene Verknüpfung kosmischer Ereignisse mit dem nur allzu Menschlichen. Und noch ein wichtiger Faktor kommt meiner Meinung nach dazu: Zeitlosigkeit. Mag Wilson auch neuere wissenschaftliche Konzepte - wie z. B. die Medea-Hypothese, das suizidale Gegenstück zur freundlichen Vorstellung einer Gaia - einbauen, so lebt sein Roman doch letztlich von einer schwindelerregend großen Idee. Und die hätte auch vor 30, 40, 50 Jahren schon jemand haben können - wie das bei der zugrundeliegenden großen Frage nach dem WARUM halt so ist. Aber ob sie ein anderer auch so fantastisch umgesetzt hätte, sei dahingestellt. Außer vielleicht Arthur C. Clarke in seiner besten Zeit. Dem kommt Robert Charles Wilson jedenfalls so nahe wie kein anderer Autor unserer Tage.

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Vortex

Hab jetz alle 3 Bücher der Spin-Reihe durch und muss sagen, dass Wilson im letzten Band nochmal ordentlich zugelegt hat (Spin war mMn ausgezeichnet, Axis teils etwas mühsam).
Bin echt begeistert, vor allem die letzten 50 Seiten von Vortex waren gewaltig.

danke für den "existence" tipp, sehr gutes buch.

Dem schließe ich mich an. Ausgesprochen lesenswert!

der verf.... drache kostet ja 40 von diesen euros... na prack. und dann ists ja auch nicht fadengebunden schätzungsweise.
na bumsti...

Als Taschenbuch vorbestellbar: 11,99

Der Kompromiss zwischen Taschenbuch und gebundener Ausgabe ist nach wie vor der Preis. Aber dass das Buch selbst auf Englisch so teuer ist, hätte ich auch nicht gedacht. D:

dabei ists doch eh nur ein wenig mehr papier und ein pappdeckel, von der Produktion her ists etwa 1 - 1,20 EUR teurer... Schutzumschlag nochmal 10 cent oder so... teuer ist nur fadengebunden, das ksotet in der produktion tatsächlich ein paar EUR... mal so als Richtwerte. in wirklcihkeit ists meistens noch billiger. kommt auf druck etc an...

Vortex

Braucht man Axis gelesen zu haben um bei Vortex mit zu kommen oder reicht Spin? Hab Axis irgendwie vergessen ;)

J. Josefson
00
25.7.2012, 13:55

Im Prinzip kann man es sogar ohne "Spin" lesen, was aber sehr schade wäre. Die Anknüpfung an "Axis" besteht im Wesentlichen aus zwei Figuren, die in "Vortex" wiederkehren, unbedingt notwendig ist der Vorgängerband also nicht. Allerdings war er auch nicht soooo schlecht. Nur eben vergleichsweise kleindimensional.

Haruki Murakami

1Q84 (ein episches Meisterwerk).

Abgesehen davon, dass es nicht hierher gehört, ist es Murakamis schlechtestes Buch. Er wollte zuviel und hat sich heillos verzettelt.

Und ich hab alle gelesen :)

Abgesehen davon, das es nicht hier her gehört, ist es Murakamis bestes Buch. Die Probleme der Welt und deren Lösung verpackt in 2 Büchern !

Iwoleits "Psyhack" ist ein toller Roman. Eine Kaufempfehlung.

"Außerdem werden wir uns entweder im August oder spätestens im September dem gefährlichsten Buch des Jahres 2012 widmen ..."

.

Aber dem Robert Charles Wilson vorwerfen, dass er nicht ohne Cliffhanger auskommt :-)

apropos sf

;) ich bin letztens auf amazon über eine im selbstverlag erschienenen geschichte gestoplert - dank ebooks ist das offenbar stark im kommen. wen es interessiert: "nefilim ki" - erscheint in fortsetzungen; kein clarke oder scalzi, aber durchaus gute unterhaltung und flüssig zu lesen...

jetzt bin ich neugierig geworden.

Kann ich Spin und darauf Vortex lesen, oder fehlt mir dann wesentliches von Axis?

Können schon, nur lohnt es mmn nicht. Gerade Axis ist der lesbare Teil.

In meiner Verwirrung wollte ich eigentlich aussagen, dass man sich die Teile, bis auf Spin, ersparen kann.

ad "Vortex"

Nicht bös sein, Freunde der Josefson'schen Rundschau, aber ich fand das Buch, gelinde gesagt, einfach nur grottenschlecht.
Es liest sich, als hätte jemand der für SF weder Freude noch Verständnis aufbringen kann, die 50 bestverkauften SF-Romane der letzten Jahre auf ihren Inhalt überprüft und damit eine Checkliste erstellt, die von einem (drittklassigen) Autor stur abgearbeitet wurde.
Und dann noch dieses peinliche Schlußkapitel: Eine sinnlose Aneinanderreihung von Metaphern. Irgendwann, gegen Schluß des Buches hin, taucht der Satz auf
"Ich liebäugelte mit dem Ende."
Die einzigen vernünftigen Worte auf fast 400 Seiten...

Ich will mal fragen ob man das zweite Buch lesen sollte um das dritte zu verstehen?

Auf Teil2 und 3 kann man getrost verzichten. Selten etwas schlechteres gelesen.

Keine Ahnung; "Vortex" war der erste Roman von R. Ch. Wilson den ich gelesen habe. Weil ich wußte, daß es ein "3. Teil" ist, habe ich vorher die Josefson-Rezension zu "Axis" (siehe den link in der "Vortex"-Rezension) gelesen.
Das hat es zwar leichter gemacht den Inhalt von "Vortex" zu verstehen, das Buch ist dadurch aber leider nicht besser geworden und ich vestehe noch immer nicht, warum der Autor in den meisten Medien so hoch gelobt wird.

Lieber Trurl! Es ist hier schon zur bewährten Tradition geworden,

dass ich bei allfälligen Enttäuschungen Deinerseits im Bereiche der fantastischen Literatur stets tröstend mit Alternativen aufzuwarten vermag.

Da wären denn:

1. Reynolds, „Blue Remembered Earth“

Eine Rezension findest du z.B. hier:

http://www.scifinet.org/scifinetb... _p__228569

2. Und weil wir schon bei Earth sind: „The Long Earth“.
Ausgesprochen originelle Parallelwelt SF von Baxter & Pratchett. Gut geschrieben, sehr spannend, kräftige Prise Ironie. Köstliche Dialoge ...

Ein Waisenknabe erkundet in einem Luftschiff begleitet von einer KI-Reinkarnation eines tibetischen Fahradmechanikers unzählige menschenleere Parallelerden ...

Wie immer: danke für die Tipps!

Ich vermute die Rezension auf 'scifinet' ist von Dir?
Der "Trurl" der darauf geantwortet hat...wie soll ich's sagen... also, ääh, das bin nicht ich.
Der Nick scheint wohl doch beliebter zu sein als ich gedacht hatte.
:))

ad "The long Earth":
Eine Koprodunktion von Stephen Baxter und Terry Pratchett!?! Also DAS klingt nun wirklich interessant! Obwohl ich zugeben muß, daß mir Pratchett's frühe Versuche in der SF (z.B. "Strata") nicht so gut gefallen haben wie seine "Scheibenwelt-Romane", ist das auf jeden Fall einen Versuch wert.

Glaube mir bitte, der Roman ist wirklich gut. Die beiden Autoren harmonieren perfekt.

Baxters klassisch-wissenschaftlicher Zugang und Pratchett – nun ja, Pratchett eben. Es fängt schon damit an, dass der Apparat zum „Steppen“ in diverse Parallelerden in einem minutiös ausgearbeiteten Schaltplan am Anfang des Buches präsentiert wird. Widerstände, Kondensatoren, Spulen, alles. Und, (nix Duracell) – es geht nur damit – eine Kartoffel als Spannungsquelle. Leider fehlt die Stückliste, deswegen bin ich noch hier.

Dieser Plan taucht im Internet auf, und ab dann geht es rund. Die Weltwirtschaft steht Kopf, viele Menschen hauen ab. Ein Transfer geht aber nur schrittweise und hat auch sonst einige Hürden ...

Schau Dir den Bauplan in der Leseprobe an. Aber bleib bitte noch da, oder komm wenigstens zurück. :-)

Fein ...

... sind wie immer ein paar dabei, die ich mir bestellt habe, und ein paar, von denen ich jetzt die Finger lassen werde!

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