Nanobiotechnologie-Pionier Uwe Sleytr wird 70

10. Juli 2012, 12:29
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Wiener Forscher fand "Basisplatte des molekularen Legospiels"

Wien - Mit gleich drei Professoren besetzte man seine Stelle nach, als Uwe Sleytr im September 2010 an der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien emeritierte. Sein Forschungsgebiet - Nanobiotechnologie - gehört zu den Schwerpunkten, auf die die Boku auch in Zukunft setzen will. Das sagt wohl einiges über die Bedeutung des österreichischen Spitzenforschers aus, der am Sonntag (15. Juli) seinen 70. Geburtstag feiert.

Sleytr wurde mit winzigen Bausteinen erfolgreich. Er nennt seine Arbeit gerne "molekulares Legospiel". Die Bausteine werden von der Natur beigestellt, teilweise im Labor verändert oder ganz und gar künstlich hergestellt. "Daraus können wir, wie bei einem Legosatz, die unterschiedlichsten Sachen zusammenbauen", erklärte er im Gespräch mit der APA.

Bereits Ende der 1960er Jahre entdeckte Sleytr, worauf er später sein Lebenswerk aufbauen konnte: die sogenannte S-Schicht, mit der sich viele Bakterien und Archaeen vor der Außenwelt schützen - Archaeen sind bakteriengroße Einzeller, die oft in sehr extremen Milieus wie bei 120 Grad Celsius und extrem säurehaltigen Bedingungen leben. Die Eiweißstoffe der S-Schicht können von selbst symmetrische Gitter bilden - für Sleytr die optimale Basisplatte für die molekularen Legosteine. "Diese S-Schicht kann man auch auf unterschiedliche Oberflächen wie Metalle, Halbleiter und Polymere aufkristallisieren und mit Biomembranen kombinieren", so Sleytr. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig, so kann man etwa winzig kleine Biosensoren und Biokatalysatoren konstruieren sowie extrem dünnmaschige Filter.

Zukunft der Evolution

Sleytr forscht weiterhin über die Anwendungen der S-Schichten, doch er findet nun auch Zeit, sich "intensivst" künstlerisch zu betätigen. "Wir haben eine unglaublich gute Vorstellung, wie die Evolution bisher verlaufen ist, können aber nicht ansatzweise sagen, wie sie weitergeht - das ist schlagartig Science-Fiction", so Sleytr. Mit vergoldeten Skulpturen aus Ton, bei denen vermehrte Sinnesorgane und veränderte Skelettkomponenten zu sehen sind, zeigt er, dass die Evolution weitergehen muss. Denn dass die Menschen die Krone der Schöpfung sein sollen, findet er "sehr arrogant".

Gemeinsam mit dem Fotografen Fritz Simak hat er die Skulpturen mit färbigen Lösungen beschüttet und mit einer hochauflösenden Kamera fotografiert. Die Werke schmücken das Vienna Institute of Biotechnology in der Muthgasse in Wien-Döbling.

Sleytr wurde am 15. Juli 1942 in Wien geboren. Er studierte an der Boku Gärungstechnik und bekam 1970 die Doktorwürde verliehen. Mehrere Jahre lang forschte Sleytr in Cambridge (England) und an der Temple University in Philadelphia (USA). Zwischendurch habilitierte er sich 1973 an der Boku und wurde dort 1977 außerordentlicher Professor für Allgemeine Mikrobiologie.

1982 wurde Sleytr als Universitätsprofessor für Ultrastrukturforschung an die Boku berufen, wo er dem gleichnamigen Zentrum bis zu seiner Emeritierung im September 2010 vorstand. 1986 wurde das Ludwig Boltzmann-Institut für Molekulare Nanotechnologie unter seiner Leitung eingerichtet. Aktuell forscht Sleytr als Professor emeritus am Department für Nanobiotechnologie, dem ehemaligen Zentrum für Ultrastrukturforschung.

Sleytr veröffentlichte etwa 380 wissenschaftliche Arbeiten, er ist Inhaber internationaler Patente sowie Autor und Herausgeber mehrere Bücher. Zu seinen wissenschaftlichen Auszeichnungen gehören Ehrenprofessuren in China und zahlreiche nationale und internationale Preise. (APA, 10.7.2012)

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