Was Medien (schnell) lernen müssen, um zu überleben

Analyse | Anita Zielina, 10. Juli 2012, 13:58
  • Immer mehr Leser kommen über Suchmaschinen. Medienunternehmen sollten dem Artikellayout mehr Aufmerksamkeit widmen, fordert Anita Zielina (re.) in einem  Knight Fellowship Seminar mit Richard Gingras (li.) von Google News.
    vergrößern 600x332
    foto: knight fellowship

    Immer mehr Leser kommen über Suchmaschinen. Medienunternehmen sollten dem Artikellayout mehr Aufmerksamkeit widmen, fordert Anita Zielina (re.) in einem Knight Fellowship Seminar mit Richard Gingras (li.) von Google News.

Der "Scoop" ist tot, was zählt, sind interdisziplinäre Teams, mehr visuelle Kommunikation, offener Journalismus und ein Fokus auf Artikellayout - Erfolgversprechende Ansätze im Überblick

Ob als Journalist, als Blogger, als Medienmanager oder als Leser: Dass die Medienwelt einen drastischen Umbruch erlebt, ist schwer zu übersehen. Veränderte Lesegewohnheiten, wirtschaftliche Herausforderungen, neue technische Möglichkeiten - eigentlich die ideale Ausgangssituation für Medienunternehmen, um Innovation voranzutreiben und auch in einer sich verändernden Welt relevant zu bleiben. Stattdessen wird aber oft nur lamentiert und resigniert. Dabei bieten einige Trends mehr Chancen als Risiken, um besseren Journalismus zu machen. Ein Überblick über Wege und Ansätze, die Erfolg versprechen.

Interdisziplinäre Teams

Der klassische Newsroom ist heute im Großen und Ganzen immer noch so zusammengesetzt wie in Vor-Internet-Zeiten. Journalisten arbeiten vorrangig mit anderen Journalisten zusammen, Techniker, Entwickler und Programmierer sind nur selten integraler Teil des redaktionellen Prozesses. Dabei läge genau darin eine große Chance. Onlinejournalismus nützt heute nur einen Bruchteil der Möglichkeiten, die technisch zur Verfügung stehen - unter anderem deshalb, weil diese zwei Welten nicht miteinander kommunizieren. Computational Journalism eröffnet ganz neue Möglichkeiten für Investigativ- und Watchdog-Journalismus, wie etwa das amerikanische Non-Profit ProPublica vormacht.

Visuelle Kommunikation

Journalismus im Netz ist immer noch zum großen Teil textgetrieben. Dafür gibt es gute Gründe: Kein anderes Mittel als das geschriebene Wort ist besser geeignet, komplexe Sachverhalte zu erklären, Wissen zu vermitteln und Geschichten zu erzählen. Allerdings gibt es ebenso gute Gründe, dem visuellen Teil des Onlinejournalismus mehr Aufmerksamkeit zu widmen, also Fotos, Grafiken, Videos und Zeichnungen.

Studien zeigen, dass Videos und Fotos viel häufiger betrachtet und in Social Networks geteilt werden als Textlinks. Neue Medienunternehmen wie Buzzfeed setzen voll auf Visualisierungen, um ihre Inhalte besser unters Volk zu bringen - allerdings fehlt ihnen der qualitätsjournalistische Anspruch.

The Scoop is dead

Eigentlich ist es skurril: Immer noch zählt dasjenige als gutes Onlinemedium, das möglichst viele "Exklusivmeldungen" verbuchen kann - auch wenn das in Zeiten des Internets oft nur einen Vorsprung von einigen Minuten, ja sogar Sekunden vor der Konkurrenz bedeutet. Geboren wurde der "Scoop" in einer Zeit, als eine Exklusivmeldung noch eine Halbwertszeit von vielen Stunden bis zur nächsten Ausgabe oder den Abendnachrichten hatte, während der die Print-Konkurrenz sich nur verzweifelt die Haare raufen konnte.

Heute ist das Konzept nicht nur veraltet, sondern auch fehleranfällig: Das ständige Rennen um den Sekundenvorsprung führt zu Situationen wie der, dass selbst CNN ins Fettnäpfchen tappte und das Urteil des US-Gerichtshofs zur Health-Care-Reform zunächst falsch wiedergab.

Mit dem Aufstieg von Echtzeit-Microblogs wie Twitter wird immer klarer, dass Qualitätsmedien das Rennen nicht mit Geschwindigkeit, sondern nur mit Analyse, Recherche, Kontrolle und Kontext gewinnen können.

Open Journalism

Journalismus ist die einzige Branche, die sich um ihre Kunden nicht nur nicht kümmert, sondern sie gerne auch offiziell schlechtmacht. Es ist keine Seltenheit, dass Medienmanager öffentlich über ihre User schimpfen oder beklagen, dass "der Leser" eben nicht zu schätzen weiß, was man ihm bietet. Kein Wunder, dass kaum ein Medium sich in einen echten, offenen Dialog mit seinen Lesern, Zusehern oder Usern begibt. Dabei wäre es höchst an der Zeit, das zu tun. Wer will, dass er weiter relevant bleibt, muss wissen, was seine User in ihm sehen, was sie stört, welche Themen sie vermissen, was sie hoffen und was sie fürchten. Viele Journalisten haben verlernt, "einfach so" mit Menschen zu sprechen; wenn sie es tun, geht es um Zitate oder Recherche. In den USA ("Journal Register") und Großbritannien ("Guardian") versucht der Ansatz des Open Journalism, dieses Kommunikationsmanko auszugleichen.

Der vernachlässigte Artikel

Medienunternehmen widmen ihrer Startseite unglaublich viel Aufmerksamkeit. Sie relaunchen, basteln und testen unaufhörlich - und vergessen dabei, dass immer weniger Menschen diese Startseite jemals sehen. Je nach Medium klicken schon bis zu 50 Prozent der User über Suchmaschinen oder Social Networks auf einen direkten Artikellink. Und dennoch wird dem Artikellayout so gut wie keine Aufmerksamkeit gewidmet. Facebooks Journalist Program Manager Vadim Lavrusik ist einer der Medienmanager, die einen Fokus auf die Artikelebene fordern: "I completely agree with this idea of re-thinking the article page design. The way news pages are designed is still the traditional way. It doesn't line up with how people are discovering that content." (Anita Zielina, derStandard.at, 10.7.2012)

Anita Zielina war Ressortleiterin Innenpolitik und Bildung bei derStandard.at. 2011 studierte sie im Rahmen eines Knight Journalism Fellowship ein Jahr an der Elite-Uni Stanford Journalismus. Sie schreibt einen Blog ("More Than Paper") und hat das Projekt The Engagement Lab gestartet. Am Werbeplanung.at Summit spricht Zielina über Disrupting News und Innovation im Newsroom (Freitag, 13.45 Uhr, Wiener Hofburg).

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 49
1 2
Guter Artikel!

Jetzt bitte an JEDEN weiterleiten, der hier auf derStandard.at Artikel schreibt. Denn auch hier hängen wohl noch viele im vergangenen Jahrhundert fest.

form f o l l o w s function - für mich immer noch, will damit sagen der Inhalt zählt

ehrlich gesagt

finde ich Blogs weitaus informativer. Die meisten größeren Medien sind Newsschleudern. Es steht ja mehr oder weniger überall dasselbe mit ein paar kleinen Unterschieden in den Konnotationen. Der Mainstream halt, eine platte Oberfläche der Ereignisse.
Insofern finde ich es vielsagend, dass man sich nun auf das Layout und visuelle Reize konzentrieren möchte.

"finde ich Blogs weitaus informativer."

heißt: dir kann man alles erzählen.

ein guter Journalist muss ein Marschflugkörper sein. Eine Drohne.

Zielsicher muss er im Ziel ein Licht entfalten und analysieren und bis in die Wurzeln aufdecken. Und dann einen leicht verdaulichen Babybrei dem Leser absondern.

Kann es sein, dass ich hier kein einziges Wort über die Bildung, das Wissen, die Kenntnisse, die Kompetenz

von Journalisten lese, sondern bloß über Methoden und Techniken?
Doch genau das ist heute die Crux. Irgendwas zusammenschreiben oder vor einer Kamera zu faseln, kann (fast) jeder. Aber: Um Ereignisse und Personen sinnvoll einordnen, kommentieren, kritisieren zu könne, dazu bedarf es persönlicher Eigenschaften der Journalisten, die eben nicht so einfach durch Methoden und Techniken zu ersetzen sind.
Jeder Kommentar etwa über die Finanzkrise oder das letzte Bob-Dylan-Konzert ist sinnlos und überflüssig, wenn die Kommentierenden einschlägig komplett unbeleckt sind.
Was übrigens auch den Unterschied zwischen Qualitätsmedien und Trash ausmacht. Erstere bilden auch die Leser weiter, letztere spekulieren, hetzen, käuen längst Bekanntes wieder.

Vollkommen richtig. Und ich glaub, Frau Zielina hat Sie nicht ganz verstanden.

Es geht halt nicht um die nächste zertifizierte Ausbildung.

Ich denke an Menschen, die Lebenserfahrung mitbringen, sei es, dass sie mal am Bau gearbeitet haben und in einer Küche, die sich grundsätzlich mal für alles interessieren, von mir aus 15 Jahre Geschichte studiert haben, die Welt gesehen haben und in der Lage sind, sich mit irgendeinem CEO genau so auf Augenhöhe zu unterhalten wie mit einer Putzfrau.

Und die sich die Zeit nehmen, das was sie schreiben zu durchdenken, auch den stilistischen Feinschliff nicht scheuen (da wo ich schreib, macht das fast keiner, da werden im Grunde Rohtexte abgegeben) und die sich auch überlegen, wie man den Leser auch gut unterhaltet, das ist auch sehr wichtig. die meiste Schreibe hat keinen Esprit.

Sie haben

völlig recht, der Aspekt der Ausbildung ist extrem wichtig, und ich glaube dass es wichtig waere, Journalisten Aus- und Weiterbildung noch mehr zu thematisieren und zu professionalisieren. Ich habe mich in dem Artikel auf Methoden konzentriert, aber ich bin ganz Ihrer Ansicht - das Thema Ausbildung und Kenntnisse wäre einen eigenen Text wert. Danke für die Anregung.
mfg Anita Zielina

Innovation oder Bildung? Beides!

Freuen uns über jede Weiterbildungsdiskussion. Wünsche, Anregungen sehr willkommen! http://www.fjum-wien.at

ein plädoyer für 'verpackung vor inhalt'?

als betreiber eines blogs kann ich nur sagen: inhalte werden geschätzt.

und an den standard: kompliment für das forum, echter mehrwert. ertappe mich beim lesen der printausgabe immer wieder beim suchen nach dem 'kommentar posten' - button.

warum bin ich hier (und net bei der Presse)?

wegen der Poster.
Und warum sind die hier?

Was meint ihr?
Themenauswahl?
Webdesign?

sorry, hab sie falsch verstanden.

Wegen der anderen Poster.

Das ist zumindest meine Antwort. Als Blatt ist der Standard austauschbar. So eine Art Kurier mit einem bissl anders getuneten Image.

Weil ja sonst immer geschimpft wird und kritisiert: ich finde den standard.at super und sage jetzt einfach mal danke.

Hmm ...

... "Allerdings gibt es ebenso gute Gründe, dem visuellen Teil des Onlinejournalismus mehr Aufmerksamkeit zu widmen, also Fotos, Grafiken, Videos und Zeichnungen."

Naja, werte Fr. Zielina, ein "Tipp" mal vorweg:

Wie wäre es, die Bilder im Standard in vernünftigen Größen anzubieten. Zumindest in einer Größe, dass man nicht das Gefühl hat, die "vergrößerte" Ansicht wäre eigentlich eine Verkleinerung.

Einfach mal mit den Technikern - wie in Ihrem Artikel von Ihnen angesprochen - reden. Die bringen das sicher zusammen :-)

Ich

arbeite ja nicht mehr beim Standard.at, aber ich bin sicher die Kollegen werden Ihre Anregung gerne annehmen - und bin ihrer Ansicht dass auch hier, wie bei so gut wie allen Medien, eine Neuorientierung hin zu optisch ansprechenderen Bildern und Grafiken gut wäre. Danke für Ihren Hinweis!
Mfg
Anita Zielina

Hmmm...

.... einerseits sinkt die Aufmerksamkeitsspanne (ob jetzt die Leute wg. den Medien 'verblöden' oder die Medien nur auf diesen Trend eingehen sei mal dahingestellt),

andererseits erwisch' ich mich selber -speziell hier- bei "uuh, der is lang, runterscrollen zu den Kommentaren" (sieht man ja am Scrollbalken), wiederum offen ob das reiner Selbstschutz ist weil ich mich sonst zu sehr aufrege (Uwe!) oder weil -wiederum hier- die Kommentare um einiges mehr an relaxans (sp?) bieten als der Artikel selber.

Andersrum hab' ich bei 'Fachthemen' (e.g. Job) auch gleich wieder den Rappel wenn <CTRL>+F nix findet weil der Editor meinte es muß alles happengerecht (Pageviews?) zerfetzt werden.

Wie sie's auch machen es scheint falsch zu sein.

C.

"der scoop ist tot" ist eine ausrede der faulheit und vorgegebener ohnmacht.

Wenn man will, dass gute Artikel geschrieben werden

dann sollte man die Autoren ordentlich honorieren.

Ich bastel schon an meinem Ausstieg, diese Branche hat meine Qualität nicht verdient.

Wahrscheinlich werden Sie Ihrer Qualität entsprechend entlohnt.

Ich werde branchenüblich entlohnt. Also weit unter meiner Qualität.

Es ist eine Freude zu wissen, dass Leute Ihres Schlages früher oder später über ihre Borniertheit stolpern. Wenn ich ganz viel Glück hab, denken Sie sogar an mich, wenn Sie sich wehtun.

Schönen Tag!

Was Medien lernen müssen:

A: Wos kimmt denn heit im Fernsehn?
B: Scheiße mit Erdbeeren!
A: Ahhh geeeeehhhh! Net scho wieda Erbeeren!! :(

Die Analyse ist aber schon ein bissi

eine Selbstdarstellung der Autorin. Im Zentrum des Aufmacher Bildes ist Frau Zielina in interessierter Pose, auch der Hinweis sie habe "ein Jahr an der Elite-Uni Stanford" studiert darf nicht fehlen.

Die Analyse selbst liest sich - wenn mich mir das erlauben darf (ich habe leider an keiner eiltären Hochschule studiert) - sehr banal bis oberflächlich dünn.

Sie verfügen über eine gute Menschenkenntnis. Sie haben vollkommen Recht

das ist ein spannendes thema - die analyse hätte für meinen geschmack ruhig länger und detaillierter ausfallen dürfen. oder kommen da noch mehr artikel, gar eine artikelreihe?
ich persönlich halte nicht so viel von videos, dabei fühle ich mich zu passiv, beim lesen hingegen habe ich das gefühl, die information aktiv zu erlangen. geht es nur mir so?
außerdem - schon wieder so ein gefühl - erscheint mir text im vergleich zu video ernsthafter und glaubwürdiger.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 49
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.