Was Medien (schnell) lernen müssen, um zu überleben

Analyse10. Juli 2012, 13:58
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Der "Scoop" ist tot, was zählt, sind interdisziplinäre Teams, mehr visuelle Kommunikation, offener Journalismus und ein Fokus auf Artikellayout - Erfolgversprechende Ansätze im Überblick

Ob als Journalist, als Blogger, als Medienmanager oder als Leser: Dass die Medienwelt einen drastischen Umbruch erlebt, ist schwer zu übersehen. Veränderte Lesegewohnheiten, wirtschaftliche Herausforderungen, neue technische Möglichkeiten - eigentlich die ideale Ausgangssituation für Medienunternehmen, um Innovation voranzutreiben und auch in einer sich verändernden Welt relevant zu bleiben. Stattdessen wird aber oft nur lamentiert und resigniert. Dabei bieten einige Trends mehr Chancen als Risiken, um besseren Journalismus zu machen. Ein Überblick über Wege und Ansätze, die Erfolg versprechen.

Interdisziplinäre Teams

Der klassische Newsroom ist heute im Großen und Ganzen immer noch so zusammengesetzt wie in Vor-Internet-Zeiten. Journalisten arbeiten vorrangig mit anderen Journalisten zusammen, Techniker, Entwickler und Programmierer sind nur selten integraler Teil des redaktionellen Prozesses. Dabei läge genau darin eine große Chance. Onlinejournalismus nützt heute nur einen Bruchteil der Möglichkeiten, die technisch zur Verfügung stehen - unter anderem deshalb, weil diese zwei Welten nicht miteinander kommunizieren. Computational Journalism eröffnet ganz neue Möglichkeiten für Investigativ- und Watchdog-Journalismus, wie etwa das amerikanische Non-Profit ProPublica vormacht.

Visuelle Kommunikation

Journalismus im Netz ist immer noch zum großen Teil textgetrieben. Dafür gibt es gute Gründe: Kein anderes Mittel als das geschriebene Wort ist besser geeignet, komplexe Sachverhalte zu erklären, Wissen zu vermitteln und Geschichten zu erzählen. Allerdings gibt es ebenso gute Gründe, dem visuellen Teil des Onlinejournalismus mehr Aufmerksamkeit zu widmen, also Fotos, Grafiken, Videos und Zeichnungen.

Studien zeigen, dass Videos und Fotos viel häufiger betrachtet und in Social Networks geteilt werden als Textlinks. Neue Medienunternehmen wie Buzzfeed setzen voll auf Visualisierungen, um ihre Inhalte besser unters Volk zu bringen - allerdings fehlt ihnen der qualitätsjournalistische Anspruch.

The Scoop is dead

Eigentlich ist es skurril: Immer noch zählt dasjenige als gutes Onlinemedium, das möglichst viele "Exklusivmeldungen" verbuchen kann - auch wenn das in Zeiten des Internets oft nur einen Vorsprung von einigen Minuten, ja sogar Sekunden vor der Konkurrenz bedeutet. Geboren wurde der "Scoop" in einer Zeit, als eine Exklusivmeldung noch eine Halbwertszeit von vielen Stunden bis zur nächsten Ausgabe oder den Abendnachrichten hatte, während der die Print-Konkurrenz sich nur verzweifelt die Haare raufen konnte.

Heute ist das Konzept nicht nur veraltet, sondern auch fehleranfällig: Das ständige Rennen um den Sekundenvorsprung führt zu Situationen wie der, dass selbst CNN ins Fettnäpfchen tappte und das Urteil des US-Gerichtshofs zur Health-Care-Reform zunächst falsch wiedergab.

Mit dem Aufstieg von Echtzeit-Microblogs wie Twitter wird immer klarer, dass Qualitätsmedien das Rennen nicht mit Geschwindigkeit, sondern nur mit Analyse, Recherche, Kontrolle und Kontext gewinnen können.

Open Journalism

Journalismus ist die einzige Branche, die sich um ihre Kunden nicht nur nicht kümmert, sondern sie gerne auch offiziell schlechtmacht. Es ist keine Seltenheit, dass Medienmanager öffentlich über ihre User schimpfen oder beklagen, dass "der Leser" eben nicht zu schätzen weiß, was man ihm bietet. Kein Wunder, dass kaum ein Medium sich in einen echten, offenen Dialog mit seinen Lesern, Zusehern oder Usern begibt. Dabei wäre es höchst an der Zeit, das zu tun. Wer will, dass er weiter relevant bleibt, muss wissen, was seine User in ihm sehen, was sie stört, welche Themen sie vermissen, was sie hoffen und was sie fürchten. Viele Journalisten haben verlernt, "einfach so" mit Menschen zu sprechen; wenn sie es tun, geht es um Zitate oder Recherche. In den USA ("Journal Register") und Großbritannien ("Guardian") versucht der Ansatz des Open Journalism, dieses Kommunikationsmanko auszugleichen.

Der vernachlässigte Artikel

Medienunternehmen widmen ihrer Startseite unglaublich viel Aufmerksamkeit. Sie relaunchen, basteln und testen unaufhörlich - und vergessen dabei, dass immer weniger Menschen diese Startseite jemals sehen. Je nach Medium klicken schon bis zu 50 Prozent der User über Suchmaschinen oder Social Networks auf einen direkten Artikellink. Und dennoch wird dem Artikellayout so gut wie keine Aufmerksamkeit gewidmet. Facebooks Journalist Program Manager Vadim Lavrusik ist einer der Medienmanager, die einen Fokus auf die Artikelebene fordern: "I completely agree with this idea of re-thinking the article page design. The way news pages are designed is still the traditional way. It doesn't line up with how people are discovering that content." (Anita Zielina, derStandard.at, 10.7.2012)

Anita Zielina war Ressortleiterin Innenpolitik und Bildung bei derStandard.at. 2011 studierte sie im Rahmen eines Knight Journalism Fellowship ein Jahr an der Elite-Uni Stanford Journalismus. Sie schreibt einen Blog ("More Than Paper") und hat das Projekt The Engagement Lab gestartet. Am Werbeplanung.at Summit spricht Zielina über Disrupting News und Innovation im Newsroom (Freitag, 13.45 Uhr, Wiener Hofburg).

  • Immer mehr Leser kommen über Suchmaschinen. Medienunternehmen sollten dem Artikellayout mehr Aufmerksamkeit widmen, fordert Anita Zielina (re.) in einem  Knight Fellowship Seminar mit Richard Gingras (li.) von Google News.
    foto: knight fellowship

    Immer mehr Leser kommen über Suchmaschinen. Medienunternehmen sollten dem Artikellayout mehr Aufmerksamkeit widmen, fordert Anita Zielina (re.) in einem Knight Fellowship Seminar mit Richard Gingras (li.) von Google News.

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