Bosnien: Ein Frieden mit Konflikten

  •  "Derzeit versuchen wir, mit Konflikten einen Frieden zu machen. Das geht nicht", sagt Ivo Markovic.
    foto:derstandard.at/pumberger

    "Derzeit versuchen wir, mit Konflikten einen Frieden zu machen. Das geht nicht", sagt Ivo Markovic.

Zwei Jahrzehnte nach Beginn des Bosnien-Kriegs wagen Opferverbände erste gemeinsame Schritte - Noch immer werden Menschen vermisst

Es ist eine kalte Nacht in Sarajevo, der Nebel sitzt tief über der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Von "99 Luftballons" singt Nena im Radio des Volkswagen. Das Taxi fährt entlang dem Fluss Miljacka vom Flughafen ins Zentrum, Hochhäuser und Plattenbauten säumen den Weg.

Zur Zeit der Belagerung von Sarajevo erlangte die Ulica Zmaja od Bosne, die den Fluss entlang ins Zentrum führt, als "Sniper Alley" traurige Berühmtheit. In den Hochhäuser und auf den Hügeln rund um die Straße verschanzten sich Heckenschützen, gleichzeitig mussten die eingesperrten Bewohner Sarajevos entlang der Straße in die Altstadt, um Trinkwasser zu bekommen. Hunderte Menschen wurden hier ermordet.

In Sarajevo, der am längsten belagerten Stadt des 20. Jahrhunderts, sind 15 Jahre nach dem Ende des Bosnien-Kriegs und dem Abkommen von Dayton Krieg und Verfolgung immer noch präsent. Wie eine Narbe durchzieht der Krieg die Stadt und das Land Bosnien-Herzegowina. Nach wie vor werden tausende Personen vermisst, sie sind in den Massengräbern des Jugoslawien-Kriegs verscharrt.

Allein in Bosnien-Herzegowina waren es am Ende des Konflikts 30.000 Personen, über deren Verbleib Unklarheit herrschte. Rund 22.000 Personen wurden seither gefunden, viele davon durch DNA-Abgleich identifiziert. Rund 70.000 DNA-Proben von Angehörigen wurden in Bosnien genommen, die nun nach und nach mit Knochenteilen aus den Massengräbern abgeglichen werden. So konnte in Bosnien bis Ende Juni die Identität von 13.964 Personen ermittelt werden. In archäologischer Kleinarbeit werden die Leichenteile ausgegraben, zusammengesetzt, dokumentiert. Es ist ein langsamer, mühsamer Prozess, der zur Aufarbeitung beitragen soll.

Schmerz und Versöhnung

Opfer des Bosnien-Kriegs gibt es in allen ethnischen Gruppen. Was die Familien der Angehörigen eint, ist der Schmerz darüber, eine Person verloren zu haben - und über ihren Verbleib nicht Bescheid zu wissen. "Es gibt keinen Unterschied im Schmerz", sagt Klaudija Kuljuh von der International Commission on Missing Persons (ICMP), die sich unter anderem mit der Identifizierung der vermissten Personen beschäftigt. Je länger der Konflikt zurückliegt, desto schwieriger werden die Suche und die Identifizierung - auch weil Informationen der betroffenen Staaten nur spärlich ankommen.

Doch gleichzeitig ist die Suche nach den Opfern einzigartig, die Fachleute der ICMP kommen mittlerweile in der ganzen Welt zum Einsatz, sind Spezialisten der Identifizierung von Menschen, die Opfer blutiger Auseinandersetzungen wurden. Ob im Irak oder in Srebrenica. Die ICMP schätzt, dass allein beim Genozid in Srebrenica im Juli 1995 8.100 Personen ermordet wurden. Nicht alle von ihnen wurden bisher gefunden.

Gemeinsamer Kampf der Opferfamilien

Doch die ICMP, die mit internationalen Geldern finanziert wird, will einen Schritt weiter gehen. Vor rund fünf Jahren begann sie damit, Familien aus den verschiedenen Opfergruppen an einen Tisch zu bringen. Ende der 1990er Jahre wäre das noch unmöglich gewesen, so Kuljuh.

Gemeinsam fordern die Familien von den Regierungen Informationen über den Verbleib ihrer Angehörigen. "Die Familien und ihre Verbände sind eine Erinnerung an unsere Gesellschaft, an uns alle, dass es noch immer Menschen gibt, die gefunden werden können", sagt Kuljuh.

Zusammen sollen die Opferfamilien für ihre Anliegen kämpfen - und so auch ein bisschen zur Versöhnung beitragen. Ein Versöhnungsprozess, der inmitten der wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes zu ersticken droht.

Kuljuh ist überzeugt: Erst wenn es zu einer Aussöhnung kommt, kann der Staat auf ein gesundes Fundament gestellt werden. "Die Vergangenheit holt dich ein, sie wird dich immer einholen. Vor allem wenn man bedenkt, dass noch immer Täter frei auf der Straße gehen, die dutzende, hunderte, tausende Menschen getötet haben. Das macht es nicht angenehm", so Kuljuh. In den 1990er Jahren war für die Angehörigen die Identifikation der Opfer das Wichtigste. Heute wollen sie hingegen Gerechtigkeit. "Und so sollte es sein", sagt Kuljuh.

Erinnerung und Entschädigung

Menschen brauchen Orte der Erinnerung und Gewissheit über den Verbleib. "Nicht jedes Opfer wird gefunden werden", sagt Kuljuh. Aber auch die Überlebenden der Lager, die während des Bosnien-Kriegs errichtet wurden, versuchen zusammenzuarbeiten. Ihnen werden die Orte der Erinnerung genommen. Lager werden nicht als Gedenkstätten erhalten, Überlebende bekommen ungenügend Entschädigung. "Wir sind nicht zufrieden", sagt Murat Tahirovic, der Präsident des Verbands der Überlebenden der Konzentrationslager in Bosnien-Herzegowina.

"Die Regierung hat nichts getan, um die Opfer zu entschädigen", sagt Tahirovic. Die Opfergruppen schlossen sich zusammen, um gemeinsam in Klagen ihre Rechte einzufordern. Sie bekamen Recht, aber kein Geld.

15 Jahre nach dem Bosnien-Konflikt ist die Situation im Land verfahren. Vor allem auf politischer Ebene gibt es eher einen Prozess der Separation als der Versöhnung. Der Vertrag von Dayton versuchte, Nationalismen in ein Staatsgebilde zu gießen, und schrieb so eine Situation fest, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl nur langsam entstehen lässt. Die Kriegsverbrecherprozesse dauern nach wie vor an. Die Anführer der ethnischen Säuberungen werden am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt, die unteren Ebenen in Bosnien selbst.

Identität und Konflikte

"Die Politiker wollen die Menschen nicht von den Wunden des Krieges heilen, sie leben von den Wunden", sagt Ivo Markovic. Seit 1996 versucht er das Zusammenleben über die Grenzen der Ethnien hinweg mit dem Chor Pont-anima zu fördern.

Der bosnische Franziskanerpater hat Pont-anima selbst gegründet. Das Besondere: Es handelt sich nicht um einen katholischen Chor, sondern um ein Projekt, das Interessierte aus allen Religionen zusammenbringen soll. "Ich frage nicht, welche Religion sie haben", sagt Markovic.

Dabei werden Lieder aus der Liturgie der verschiedenen Religionen einstudiert und gemeinsam gesungen. Derzeit hat der Sarajevoer Chor mehr Muslime als Christen in seinen Reihen. "Es ist ein Projekt der positiven Provokation", so Markovic über seinen Chor. Rund 80 Mitglieder zählt der Chor, der zweimal in der Woche probt und schon mehrere CDs aufgenommen hat.

Mechanismen des Zusammenlebens

Doch der Chor, der bereits auf der ganzen Welt aufgetreten ist, wurde nicht ohne Widerstände gegründet. Markovic wurde bedroht, von den bosnischen Kroaten angefeindet. Noch heute ist es schwierig für das anerkannte Projekt, von den Führern der Religionen in Bosnien Unterstützung zu bekommen. Trotz aller politischen Widrigkeiten sieht Markovic eine Tradition des Zusammenlebens im Land: "Bosnien hat eine sehr gefährliche negative Erinnerung. Aber wir haben auch seit Jahrhunderten zusammengelebt, wir haben Mechanismen des Zusammenlebens."

Die Altstadt von Sarajevo zeugt von dieser Kultur des Zusammenlebens. Moscheen, Kirchen und Synagogen finden sich hier auf engstem Raum, osmanische wie habsburgische Bauten prägen die Stadt. Doch viele, die vor dem Krieg in der Stadt gewohnt haben, sind weggezogen. Und viele, die heute in der Stadt leben, sind hier gestrandet. Sie haben ihre Erinnerung an die Traumata des Krieges mitgebracht.

Ein Problem sei nach wie vor die politische Auseinandersetzung, die noch immer eine Identitätspolitik von Religion und Nationalismen sei, sagt Markovic: "Ich erwartete nach dem Krieg, dass wir mit verantwortlichen politischen Programmen, nicht mit der Identitätspolitik diese Konflikte heraushalten würden. Derzeit versuchen wir, mit Konflikten einen Frieden zu machen. Das geht nicht." (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 10.7.2012)

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines JournalistInnen-Austausches zwischen dem renommierten Netzwerk BIRN (Balkan Investigative Reporting Network) und derStandard.at. Dabei stellen die Partnermedien einander Infrastruktur wie Büroräumlichkeiten und Computer zur Verfügung. Die Reisekosten werden von der Erste Stiftung übernommen.

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