Bosnien: Ein Frieden mit Konflikten

Sebastian Pumberger
10. Juli 2012, 14:28
  •  "Derzeit versuchen wir, mit Konflikten einen Frieden zu machen. Das geht nicht", sagt Ivo Markovic.
    foto:derstandard.at/pumberger

    "Derzeit versuchen wir, mit Konflikten einen Frieden zu machen. Das geht nicht", sagt Ivo Markovic.

Zwei Jahrzehnte nach Beginn des Bosnien-Kriegs wagen Opferverbände erste gemeinsame Schritte - Noch immer werden Menschen vermisst

Es ist eine kalte Nacht in Sarajevo, der Nebel sitzt tief über der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Von "99 Luftballons" singt Nena im Radio des Volkswagen. Das Taxi fährt entlang dem Fluss Miljacka vom Flughafen ins Zentrum, Hochhäuser und Plattenbauten säumen den Weg.

Zur Zeit der Belagerung von Sarajevo erlangte die Ulica Zmaja od Bosne, die den Fluss entlang ins Zentrum führt, als "Sniper Alley" traurige Berühmtheit. In den Hochhäuser und auf den Hügeln rund um die Straße verschanzten sich Heckenschützen, gleichzeitig mussten die eingesperrten Bewohner Sarajevos entlang der Straße in die Altstadt, um Trinkwasser zu bekommen. Hunderte Menschen wurden hier ermordet.

In Sarajevo, der am längsten belagerten Stadt des 20. Jahrhunderts, sind 15 Jahre nach dem Ende des Bosnien-Kriegs und dem Abkommen von Dayton Krieg und Verfolgung immer noch präsent. Wie eine Narbe durchzieht der Krieg die Stadt und das Land Bosnien-Herzegowina. Nach wie vor werden tausende Personen vermisst, sie sind in den Massengräbern des Jugoslawien-Kriegs verscharrt.

Allein in Bosnien-Herzegowina waren es am Ende des Konflikts 30.000 Personen, über deren Verbleib Unklarheit herrschte. Rund 22.000 Personen wurden seither gefunden, viele davon durch DNA-Abgleich identifiziert. Rund 70.000 DNA-Proben von Angehörigen wurden in Bosnien genommen, die nun nach und nach mit Knochenteilen aus den Massengräbern abgeglichen werden. So konnte in Bosnien bis Ende Juni die Identität von 13.964 Personen ermittelt werden. In archäologischer Kleinarbeit werden die Leichenteile ausgegraben, zusammengesetzt, dokumentiert. Es ist ein langsamer, mühsamer Prozess, der zur Aufarbeitung beitragen soll.

Schmerz und Versöhnung

Opfer des Bosnien-Kriegs gibt es in allen ethnischen Gruppen. Was die Familien der Angehörigen eint, ist der Schmerz darüber, eine Person verloren zu haben - und über ihren Verbleib nicht Bescheid zu wissen. "Es gibt keinen Unterschied im Schmerz", sagt Klaudija Kuljuh von der International Commission on Missing Persons (ICMP), die sich unter anderem mit der Identifizierung der vermissten Personen beschäftigt. Je länger der Konflikt zurückliegt, desto schwieriger werden die Suche und die Identifizierung - auch weil Informationen der betroffenen Staaten nur spärlich ankommen.

Doch gleichzeitig ist die Suche nach den Opfern einzigartig, die Fachleute der ICMP kommen mittlerweile in der ganzen Welt zum Einsatz, sind Spezialisten der Identifizierung von Menschen, die Opfer blutiger Auseinandersetzungen wurden. Ob im Irak oder in Srebrenica. Die ICMP schätzt, dass allein beim Genozid in Srebrenica im Juli 1995 8.100 Personen ermordet wurden. Nicht alle von ihnen wurden bisher gefunden.

Gemeinsamer Kampf der Opferfamilien

Doch die ICMP, die mit internationalen Geldern finanziert wird, will einen Schritt weiter gehen. Vor rund fünf Jahren begann sie damit, Familien aus den verschiedenen Opfergruppen an einen Tisch zu bringen. Ende der 1990er Jahre wäre das noch unmöglich gewesen, so Kuljuh.

Gemeinsam fordern die Familien von den Regierungen Informationen über den Verbleib ihrer Angehörigen. "Die Familien und ihre Verbände sind eine Erinnerung an unsere Gesellschaft, an uns alle, dass es noch immer Menschen gibt, die gefunden werden können", sagt Kuljuh.

Zusammen sollen die Opferfamilien für ihre Anliegen kämpfen - und so auch ein bisschen zur Versöhnung beitragen. Ein Versöhnungsprozess, der inmitten der wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes zu ersticken droht.

Kuljuh ist überzeugt: Erst wenn es zu einer Aussöhnung kommt, kann der Staat auf ein gesundes Fundament gestellt werden. "Die Vergangenheit holt dich ein, sie wird dich immer einholen. Vor allem wenn man bedenkt, dass noch immer Täter frei auf der Straße gehen, die dutzende, hunderte, tausende Menschen getötet haben. Das macht es nicht angenehm", so Kuljuh. In den 1990er Jahren war für die Angehörigen die Identifikation der Opfer das Wichtigste. Heute wollen sie hingegen Gerechtigkeit. "Und so sollte es sein", sagt Kuljuh.

Erinnerung und Entschädigung

Menschen brauchen Orte der Erinnerung und Gewissheit über den Verbleib. "Nicht jedes Opfer wird gefunden werden", sagt Kuljuh. Aber auch die Überlebenden der Lager, die während des Bosnien-Kriegs errichtet wurden, versuchen zusammenzuarbeiten. Ihnen werden die Orte der Erinnerung genommen. Lager werden nicht als Gedenkstätten erhalten, Überlebende bekommen ungenügend Entschädigung. "Wir sind nicht zufrieden", sagt Murat Tahirovic, der Präsident des Verbands der Überlebenden der Konzentrationslager in Bosnien-Herzegowina.

"Die Regierung hat nichts getan, um die Opfer zu entschädigen", sagt Tahirovic. Die Opfergruppen schlossen sich zusammen, um gemeinsam in Klagen ihre Rechte einzufordern. Sie bekamen Recht, aber kein Geld.

15 Jahre nach dem Bosnien-Konflikt ist die Situation im Land verfahren. Vor allem auf politischer Ebene gibt es eher einen Prozess der Separation als der Versöhnung. Der Vertrag von Dayton versuchte, Nationalismen in ein Staatsgebilde zu gießen, und schrieb so eine Situation fest, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl nur langsam entstehen lässt. Die Kriegsverbrecherprozesse dauern nach wie vor an. Die Anführer der ethnischen Säuberungen werden am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt, die unteren Ebenen in Bosnien selbst.

Identität und Konflikte

"Die Politiker wollen die Menschen nicht von den Wunden des Krieges heilen, sie leben von den Wunden", sagt Ivo Markovic. Seit 1996 versucht er das Zusammenleben über die Grenzen der Ethnien hinweg mit dem Chor Pont-anima zu fördern.

Der bosnische Franziskanerpater hat Pont-anima selbst gegründet. Das Besondere: Es handelt sich nicht um einen katholischen Chor, sondern um ein Projekt, das Interessierte aus allen Religionen zusammenbringen soll. "Ich frage nicht, welche Religion sie haben", sagt Markovic.

Dabei werden Lieder aus der Liturgie der verschiedenen Religionen einstudiert und gemeinsam gesungen. Derzeit hat der Sarajevoer Chor mehr Muslime als Christen in seinen Reihen. "Es ist ein Projekt der positiven Provokation", so Markovic über seinen Chor. Rund 80 Mitglieder zählt der Chor, der zweimal in der Woche probt und schon mehrere CDs aufgenommen hat.

Mechanismen des Zusammenlebens

Doch der Chor, der bereits auf der ganzen Welt aufgetreten ist, wurde nicht ohne Widerstände gegründet. Markovic wurde bedroht, von den bosnischen Kroaten angefeindet. Noch heute ist es schwierig für das anerkannte Projekt, von den Führern der Religionen in Bosnien Unterstützung zu bekommen. Trotz aller politischen Widrigkeiten sieht Markovic eine Tradition des Zusammenlebens im Land: "Bosnien hat eine sehr gefährliche negative Erinnerung. Aber wir haben auch seit Jahrhunderten zusammengelebt, wir haben Mechanismen des Zusammenlebens."

Die Altstadt von Sarajevo zeugt von dieser Kultur des Zusammenlebens. Moscheen, Kirchen und Synagogen finden sich hier auf engstem Raum, osmanische wie habsburgische Bauten prägen die Stadt. Doch viele, die vor dem Krieg in der Stadt gewohnt haben, sind weggezogen. Und viele, die heute in der Stadt leben, sind hier gestrandet. Sie haben ihre Erinnerung an die Traumata des Krieges mitgebracht.

Ein Problem sei nach wie vor die politische Auseinandersetzung, die noch immer eine Identitätspolitik von Religion und Nationalismen sei, sagt Markovic: "Ich erwartete nach dem Krieg, dass wir mit verantwortlichen politischen Programmen, nicht mit der Identitätspolitik diese Konflikte heraushalten würden. Derzeit versuchen wir, mit Konflikten einen Frieden zu machen. Das geht nicht." (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 10.7.2012)

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines JournalistInnen-Austausches zwischen dem renommierten Netzwerk BIRN (Balkan Investigative Reporting Network) und derStandard.at. Dabei stellen die Partnermedien einander Infrastruktur wie Büroräumlichkeiten und Computer zur Verfügung. Die Reisekosten werden von der Erste Stiftung übernommen.

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Bosnien=failed State

Ich hoffe das jetzt durchgeht zu kritisch darf man ja nicht sein oder?

Ja, es gibt auf jeder Seite Opfer und somit auch Täter,

aber für Bosnien ist die Frage nach der Quantität entscheidend. Wer war wie viel Täter, wer wurde wie viel Opfer?
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Der serbische Teil von Bosnien entstand aufgrund einer klaren ethnischen Säuberung. Es geht hier nicht nur um die 8000 Ermordeten von Srebrenica - generell wäre die Frage zu stellen - wie viel Bosnier, Kroaten und Serben in Bosnien leben würden und vor allem wo, hätte es den Krieg nicht gegeben? Wenn die Rep. Srpska das Ziel war - wird man sich hier sofort einig werden, wer das grösste Interesse gehabt haben muss am Krieg.
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Ja, es ist offensichtlich: Die Serben muten allen anderen das Leben als Minderheit in einem mehrheitlich serbischen Staat zu - akzeptieren aber niemals selber eine Minderheit zu sein.

sie sind einfach nur

bigott.

übrigens

"Die Serben muten allen anderen das Leben als Minderheit in einem mehrheitlich serbischen Staat zu - akzeptieren aber niemals selber eine Minderheit zu sein."

Klingt lustig das von jemanden zu lesen der den Albanern nich zumuten wollte als Minderheiten in Serbien zu leben nun aber genau das von den im Kosovo lebenden Serben fordert.

Es ist immer wieder interessant welch verlogene Doppelmoral Sie an den Tag legen

Naja Stani, Sie wissen ja selbst, dass es anders war im Kosovo.

Dort hatte man Jahrelang als Minderheit in Serbien gelebt.

Man hatte aber Probleme damit in der eigenen Heimat als Minderheit getötet zu werden.

Ich habe nicht davon gesprochen wie es im Kosovo war sondern darüber was kuqi ständig prädigt

Lernen Sie lesen

Typisch kuqi. Man kennt Sie ja nicht anders

Vor lauter Hass verlieren Sie sich in Anschuldigungen.

Der Bericht ist toll geschrieben. Und eine Kernaussage sollten Sie sich hinter die Ohren schreiben: "Was die Familien der Angehörigen eint, ist der Schmerz darüber, eine Person verloren zu haben -und über ihren Verbleib nicht Bescheid zu wissen. Es gibt keinen Unterschied im Schmerz.

Das ist was Grundlegendes.
Es ist unerheblich welche Seite wieviel Menschen ermordet hat. Dafür gibt es Gründe die leicht nachvollziehbar sind.
Es gibt keine bösen Mörder und keine weniger bösen oder gar guten Mörder wie Sie es ständig versuchen darzustellen.

markovic sagt das man jahrhundertelang zusammengelebt hat

ja aber wie? immer unter zwang und fremdherschaft.... lasst das volk frei aus diesem zwangseheähnlichen völkerkerker. die menschen wollen nicht mehr zusammen und jeder versuch das bosnische zwangskonstrukt mit zwang ohne die bürger zusammenzuhalten wird den hass und die unterschiede zwischen den volksgruppen nur noch mehr stärken.... wer das nicht begreift und auf ein wunder hofft oder ein kolektiven stockholm syndrom, der hat wirklich nichts im leben begriffen. undemokratische zwangsehen sind meinermeinung nach zu verachten und aufzulösen.

Etwas was ich

schon seit Jahren fordere, Opferverbände zusammenlegen, denn nur die die wirklich trauern und betroffen sind, werden auch bereit sein ihr Leid mit anderen zu teilen, die dasselbe erlebt haben.

Heute ist es nämlich so, dass die Opferverbände national politisiert werden und dass sich viele radikale Nationalisten solcher Organisationen für ihre weitere Hasspropaganda bedienen

gegnerische verluste ausblenden

das ist wahrhaft etwas, das ALLE seiten machen...

denn es ist ja nicht so schlimm, in relation dazu was die anderen gemacht haben... blablubb.

Bosnien

schon beim ersten schuß zerfällt es wie ein kartenhaus in sich zusammen. weil es gibt nichts schützenswertes gibt.die unterschiede sind einfach zu groß.etwas was mit gewalt zusammen gehalten wird ist zum scheitern verurteilt.heißt ja auch nicht umsonst protektorat oder besser gesagt das größte freiland gehege.

nun ja. es gibt das leben von kindern, jugendlichen, erwachsenen, alten menschen in bosnien. Werten Sie das nicht als schützenswert?

den frieden schau ich mir an, wenn über ein drittel der bevölkerung nicht mit dem rest in einem staat zusammenleben will...

was früher oder später sein wird, ist eh jedem klar.

war vor ein paar monaten in sarajevo

und die treffenste aussage die ich gehört habe war: das was wir jetzt hier erleben ist kein frieden sondern nur die zeit zwischen zwei kriegen.

und wenn man mit den leuten unten redet steigt die gefahr eines neuen krieges eher als dass sie in der letzten zeit gesunken ist.

die gefahr eines neuen krieges besteht meiner meinung nach nicht

beide seiten hätten zu viel zu verlieren UND keiner will sterben oder angehörige verlieren.

dachte man 1989 auch so

wie naiv muss man sein um an märchen zu glauben.... die meisten menschen in bih wollen kein bosnien und das das alles mit geld und angstmacherei zusammengehalten wird ist jedem klar.... aber wie lange will der westen diese zwangsehe aufrechterhalten, wie lange kann der westen sich das leisten wenn man bedenkt das der freiheitswunsch der eizelnen ethnien steigt und somit der hass gegenüber der anderen. wie lange 5, 10 50 jahre , und was kommt dann??? es ist in bosnien nicht so wie im kosovo das man eine ethnie komplett vertreibt um ein pseudostaat betreiben zu können. in bosnien sind weniger wie 50% der bürger für diesen staat.

außerdem Leben in Bosnien mehr als 1,5 Mio. Serben. Die kann man nicht so schnell vertreiben wie die 300.000 Serben in der Krajina (Kroatien) oder die 200.000 im Kosovo...

Sonst wäre Bosnien halb leer.

sie haben vergessen zu schreiben, wer die gefahr eines neuen krieges kommen sieht, und warum.

das wäre in so einem umfeld schon wichtig dazu zu sagen, anstatt es der spekulation zu überlassen.

also ich habe dort fast nur mit serben gesprochen. und das sagt eigentlich alles aus...

sie waren in sarajevo und haben fast nur mit serben gesprochen?!?!?!

dieser widerspruch sagt ja schon viel aus...

vielleicht

können sich ja gerade die serben am wenigsten vorstellen dass es ewigen frieden gibt (....)

Jaja ;-)

Das ist die Propaganda die man hier in sicherer Entfernung verbreitet... weil man den Nachbar des Cousins eines arbeitslosen Freundes kennt der alle anderen für seine Misere schuldig sieht. Wenn man aber mal eine Zeitlang in Banja Luka Mostar Doboj oder Sarajevo lebt... dann sieht man sehr wohl dass - wenn man sich nicht zwanghaft mit Nationalisten abgibt - dass die Menschen zusammenleben wollen - wenn man sie nur lässt. und zwar alle ethnien! solange aber irgendwelche Vollkoffernationalisten gegen dieses Zusammen arbeiten wird es Probleme geben.Mich wundert halt nur dass die tollsten Kenner der Lage die sind die im behüteten Ausland leben und gerade mal zur Sommerfrische in die RS oder die Föderation kommen und dann Nostradamus spielen ;-)

bei tisch gemütlich zusammensitzen ist eine sache

einen gemeinsamen staat zu formen, der keinen widerspruch in sich darstellt, eine andere.

wenn wir schon bei nationalisten sind: es gibt auch die, die ein zusammenleben wollen. nur eben zwanghaftes.

Nun ja...

...ich lebe seit inzw. 6 Jahren bis zu 5 Monate im Jahr in Bosnien... habe eine breit gefächerte Familie in ganz Bosnien zerstreut, Angehörige aller Religionen - meine Erfahrungen gehen weit über Stammtischpolitik hinaus. Wie gesagt - die die draussen hocken sind diejenigen die am lautesten suggerieren dass keiner mit keinem will...

sie sind halt ein mischling

ihre denkweise verwundert keineswegs.

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