Auf nach Tibet!

Blog10. Juli 2012, 13:42
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Der Zugang zur autonomen Region Tibet ist für China-Touristen streng beschränkt. Doch in den Bergspitzen gibt es keine Kontrollen

Was wir im Westen als Tibet kennen, gibt es in der Form in China nicht. Die chinesische Regierung kennt verschiedene Tibets: die "Autonome Region Tibet" (TAR) wäre wohl das, was wir als "echtes" Tibet bezeichnen würden, mit Lhasa als Hauptstadt. Die TAR ist eine der am strengsten regulierten und entwicklungspolitisch investitionsintensivsten Regionen Chinas. In den vergangenen Jahrzehnten flossen unglaubliche Regierungssubventionen in diese wirtschaftlich immer noch unterentwickelte Region.

Tourismus in der TAR wird einerseits von der Regierung als Entwicklungsweg gefördert, andererseits aber durch politische Hemmnisse immer wieder unterbunden. Weniger bekannt und für Tibeter genauso Teil Tibets sind die Gebiete im Norden der Provinz Yunnan, im Westen Sichuans und Qinghais sowie Gansu. Diese Regionen verfügen kaum über Beschränkungen für Touristen.

Reisen nach Tibet ist vor allem eines: Teuer

In die autonome Region zu reisen ist dagegen ein mühsames Unterfangen. Seit den Vorfällen in Tibet im Jahr 2008 ist es für Nichtchinesen immer schwieriger geworden, einzureisen. Die Vorgaben der Regierungen sind zahlreich und ändern sich häufig; zudem gibt es parallel zu den offiziellen Vorgaben mindestens genauso viele inoffizielle Möglichkeiten, diese zu umgehen.

Chinesen müssen zwar eine Genehmigung beantragen, dürfen aber ansonsten in die TAR einreisen und sich dort relativ frei bewegen. Ganz anders Ausländer. Als ich vergangenen Herbst in Shangri-la nach den Einreisebestimmungen fragte, drückte mir die Angestellte des Reisebüros eine dicke Broschüre in die Hand mit den Worten: "Das ist der offizielle Weg. Lesen Sie das, und danach sprechen wir über weitere Möglichkeiten."

Die Broschüre erschlug mich regelrecht mit Richtlinien: Man musste eine so und so große Gruppe sein, immer in der Gruppe unterwegs sein, in von der Regierung vorgegebenen Hotels übernachten, einen Führer, Fahrer und deren Unterkunft und Verpflegung bezahlen. Anscheinend müssen die Gruppenmitglieder auch alle die gleiche Nationalität haben, man muss zum Beantragen der Genehmigung eine exakte Reiseroute vorlegen, an die man sich minutiös zu halten hat, und weitere solche Scherze. Ich entschied mich recht schnell, dass mich das zu viel Mühe und Geld kosten würde. Damals wusste ich noch nicht, dass ich dennoch in Tibet landen würde - unbeabsichtigt und vollkommen illegal.

Hoppla, wir sind in Tibet ...

Denn da unsere Reise in die Dulongjiang-Schlucht so lange dauerte und so mühsam war, freuten wir uns, als man uns sagte, es gebe eine Möglichkeit, von dort direkt nach Bingzhongluo im Norden der Nujiang-Schlucht zu trekken. Die beiden Schluchten trennt ein langgezogenes Massiv von schwer passierbaren Schneebergen, weswegen es keinerlei Straßenverbindung gibt. Drei Tage Trekking wäre sicher besser, als drei Tage in öffentlichen Bussen zu vergeuden, dachten wir uns und machten uns auf die Suche nach Bergführern. Wir waren etwas erstaunt, als diese uns als günstigsten Preis etwa 90 Euro für drei Tage Trekking nannten - alle anderen Guides waren bisher billiger gewesen. Aber wir hatten wenig Wahl und willigten ein.

Die Guides sprachen kaum Mandarin und redeten generell sehr wenig. Sie tranken von früh bis spät und führten uns ohne Erklärungen am angegebenen Morgen aus dem Dorf in die Berge. Wir wussten also vor dem Aufbruch wenig über den Weg und noch weniger über die Route. So waren wir nicht wenig erstaunt, als wir nach dem Erklimmen des Schneeberges auf dessen Spitze tibetische Gebetsflaggen fanden - und unsere Guides uns in ihrer kurz angebundenen Art eröffneten: "Wir sind in Tibet."

... und niemanden interessiert's

Wie jetzt? Tibet? Also richtig, wirklich Tibet? Wir konnten nicht glauben, dass wir einfach so in die autonome Region hineinspaziert waren, ohne Vorbereitung, mit keinerlei Genehmigungen - und natürlich wusste auch kein Regierungsbeamter weit und breit, dass es uns gab. "Es gibt also keine Grenze? Keine Kontrollen?", fragten wir unsere Guides. Auf unsere Fragen ernteten wir verständnislose Blicke - sie hatten noch nie eine Kontrolle erlebt, und sie waren den Weg schon oft gegangen. 

Anfangs waren wir sehr nervös, denn man hört allerlei Horrormärchen über vollkommen astronomische Strafen und Verhöre, falls man als Ausländer ohne Genehmigung erwischt wird. Und unsere Gesichter würden uns natürlich sofort als Ausländer verraten - meine blonde, blauäugige Reisebegleiterin würde schwerlich als Tibeterin durchgehen und fällt selbst in großen Menschenmengen sofort auf. Aber nach einiger Zeit stellten wir fest: Es interessierte niemanden. Die Tibeter, denen wir begegneten, waren zwar neugierig, Ausländer zu sehen, machten aber keine Anstalten, deswegen etwas zu unternehmen. Wir wohnten in einem tibetischen Dorf, wo kein einziger jemals von Regierungsbeamten sprach - die Tibeter scheinen selbst nicht besonders glücklich über sie zu sein.

Nur ein kleines gelbes Schild

Wir erwarteten dennoch Probleme bei der Wiedereinreise nach China - doch auch da Fehlanzeige. Die Straße führte schnurgerade zurück nach China, und es gab weder einen Grenzübergang noch Kontrollen. Lediglich ein kleines gelbes Schild verkündete: Ausländer streng verboten! Wir standen die ganze Fahrt über weit sichtbar auf der Ladefläche eines Lastwagens, doch niemand interessierte sich für uns.

In China erfuhren wir, dass wir nicht nur in der TAR gewesen waren, sondern zudem in einem Gebiet, das für Ausländer vollkommen gesperrt ist, selbst wenn man eine Einreisegenehmigung hat. Dennoch gibt es immer wieder Ausländer, die sich von dort nach Tibet hineinmogeln können und ziemlich erfolgreich damit sind. Kontrollen gibt es bisher nur beim Busticketkauf, an bestimmten Straßenknotenpunkten und in größeren Ortschaften. Wenn man also per Anhalter fährt und sich an kleine Dörfer hält, gibt es eine ziemlich hohe Wahrscheinlichkeit, dass man durch die TAR reisen kann. Es ist zwar aufwendig, man weiß nicht, was passiert, und im schlimmsten Fall sitzt man einige Tage in einem chinesischen Gefängnis - doch die TAR ist nicht so hermetisch abgeriegelt, wie man denkt. (An Yan, daStandard.at, 10.7.2012)

  • Ein paar Stecken, ein paar Gebetsflaggen - das ist der Grenzpunkt zwischen China und der autonomen Region Tibet in den Bergen.
    foto: an yan

    Ein paar Stecken, ein paar Gebetsflaggen - das ist der Grenzpunkt zwischen China und der autonomen Region Tibet in den Bergen.

  • Unsere tibetischen Begleiter rasten am Wegrand.
    foto: an yan

    Unsere tibetischen Begleiter rasten am Wegrand.

  • Tibetische Dörfer sind mehrere Stunden Fußbmarsch voneinander entfernt mitten in der Berglandschaft verteilt. Hier gibt es weder Kontrollen noch Regierungsbeamte.
    foto: an yan

    Tibetische Dörfer sind mehrere Stunden Fußbmarsch voneinander entfernt mitten in der Berglandschaft verteilt. Hier gibt es weder Kontrollen noch Regierungsbeamte.

  • Die Straße entlang dem Nujiang-Fluss von China nach Tibet. Selbst tibetische Lastwagen sind mit China-Propaganda verziert.
    foto: an yan

    Die Straße entlang dem Nujiang-Fluss von China nach Tibet. Selbst tibetische Lastwagen sind mit China-Propaganda verziert.

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