16 Türkeifreunde und ein Suderer

Markus Bey, 9. Juli 2012, 20:39
  • Faruk Loğoğlu hat mal ausgeteilt.
    foto: epa/stephen jaffe

    Faruk Loğoğlu hat mal ausgeteilt.

Ein guter Teil der Außenminister in der EU hat etwas Freundliches für Ankara geschrieben und sich damit den Zorn des außenpolitischen Sprechers der türkischen Oppositionspartei zugezogen

Am Ballhausplatz hat man es wohl bemerkt, ein wenig geseufzt vielleicht, gedankenverloren in der feinen Porzellantasse gerührt: Die Vierer-Bande ist dahin. Guido Westerwelle - von Beginn an ein unsicherer Bundesgenosse - ist aus dem Grüppchen der Türkeibremser ausgeschieden; die Syrienkrise und die Rolle, die Ankara im sich abzeichnenden Endspiel um Bashar al-Assad übernimmt, haben am Ende wohl den Ausschlag gegeben. Auch Frankreich ist eher draußen seit der Abwahl des Türkei-Antipathikers Sarkozy. Bleiben noch die aufrechten Holländer und die Österreicher, wobei es in Wahrheit weniger um den Ballhausplatz als um die Herrengasse geht, nicht so sehr um das Außen- als um das Innenministerium, welches einen EU-Beitritt der Türkei von der langen Bank gern gleich ins Aus befördern würde, wenn es könnte.

16 Außenminister der EU haben dieser Tage ihren Namen unter einen Gastbeitrag in der offiziösen Internetzeitung EUoberserver.com setzen lassen. Der Titel: "Die EU und die Türkei: Gemeinsam stärker", die Botschaft: Ein neues "Momentum" muss her in den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei in den nächsten Monaten. Ein Rad greift da in das andere, liest man: Handel-Wirtschaft-Energie-Demokratisierung-Nachbarn-Syrien-Europa-Weltwirtschaft-undwiedervonvorne. Das kennt man auch alles längst. Die Schrift der 16 Minister, natürlich als große Parallelaktion zur Übernahme der EU-Präsidentschaft der Republik Zypern am 1. Juli geplant, soll die Regierung in Ankara bei der Stange halten. Sechs Monate Zypern-EU-Präsidentschaft gehen auch vorbei, steht zwischen den Zeilen. In den großen energiepolitischen Fragen bitte Umsicht wahren (das alte Nabucco-Projekt hat die türkische Regierung im Verein mit dem aserbaidschanischen Bruderstaat gerade gekilled und durch ein Neues ersetzt; so viel zur "Türkei als Energiedrehscheibe für Europa"). Beim Thema Visa-Liberalisierung nicht die Nerven verlieren, die Lösung kommt., heißt es Stärkere Wirtschaftsbeziehungen der unsicher gewordenen Eurozone mit der Türkei generieren mehr Wachstum, steht auch im Subtext. Die Türkei ist viel zu groß und zu nützlich, als dass sie von den Europäern noch übersehen werden könnte.

Das hört man in Ankara natürlich gern. Den Beitrag der 16 EU-Außenminister feierten Regierung und treue Medien als Erfolg. Dann kam Faruk Loğoğlu (Lo-o-lu) und begann alle anzupatzen.

Wie die EU-Außenminister nur zu dem Schluss kommen könnten, die Türkei sei ein "inspirierendes Beispiel eines säkularen und demokratischen Landes", schrieb Loğoğlu, ehemaliger Außenstaatssekretär, Botschafter in Washington und heute Abgeordneter, außenpolitischer Sprecher der Oppositionspartei CHP und einer ihrer stellvertretenden Vorsitzenden, Anfang Juli nun seinerseits in einem Brief an die 16 Minister. Zurückhaltung legt sich der einstige Karrierediplomat nicht mehr auf. So lernen die Außenminister in seinem Brief:

"Today, democracy exists in Turkey largely in the abstract. The executive controls both the legislative and the judicial branches of government. Freedoms of expression and of the press are severely restricted. All opposition is silenced. Those who raise their voices are put in jail."

Loğoğlus Intervention ist insofern bedeutsam, als es sie überhaupt gibt: Erst seit dem erzwungenen Führungswechsel an der Spitze der CHP - ein Sex-Video, das in Umlauf gebracht wurde, führte zum Rücktritt von Deniz Baykal und der Wahl von Kemal Kilicdaroglu - interessiert sich die Republikanische Volkspartei für die EU und taucht auch in Brüssel und Straßburg auf. Auf die kleinen Unebenheiten im Demokratisierungsprozess der Türkei ging die Außenministerbrigade in ihrer gemeinsamen Erklärung allerdings schon auch ein. Ein wenig.

Der Brief des CHP-Außenpolitikers wurde natürlich flugs durch eine Stellungnahme der regierenden AKP beantwortet: Schmierkampagne, Verschwörung, Beweis der eigenen Unzulänglichkeit. Wir lesen im Brief des Ömer Çelik, außenpolitischer Sprecher der AKP:

"The "letter of complaint" composed by Mr Faruk Loğoğlu, vice Chairman of CHP responsible for Foreign Affairs as a response to the article "The EU and Turkey: Stronger together" penned by 16 distinguished FMs of EU depicting Turkey's high prestige reveals one of the fundamental problems in Turkish politics: the lack of a serious and credible opposition."

Und so kam es, dass die große außenpolitische Türkei-Erklärung der Außenminister im innenpolitischen Häcksler endete. Wahrscheinlich hätten sie sich die nun schon viel benutzte Formel vom "inspirierenden Beispiel" der Türkei sparen sollen. Manchmal ist weniger mehr. Und hier ist die aktuelle Liste der Türkeifreunde in der EU: Bulgarien, Estland, Finnland, Großbritannien, Deutschland, Italien, Lettland, Litauen, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Schweden und Ungarn.

  • Markus Beys Blog

    Blick in die Protesthochburg Varna [2]

    TitelbildDubiose Unternehmergruppen, eine Selbstverbrennung und ein Rücktritt. Der bulgarische Politiologen und Umweltaktivisten Nikolai Marinow zeichnet vor den Wahlen ein düsteres Bild seiner Heimatstadt Varna.

    • Markus Beys Blog
      7.5.2013, 12:19
      Markus Bernath

      Erdogans autoritärer Moment [35]

      TitelbildDer Massenbann über Istanbul vom 1. Mai, als die Regierung die Millionenstadt lahmlegte, um eine Demonstration zu verhindern, beschäftigt weiter die türkische Politik. Eine Klage vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof wird folgen

    • Markus Beys Blog
      28.4.2013, 19:34
      Markus Bernath

      Blitzschlag bei der Zeitung "Taraf" [10]

      TitelbildEine Entlassung zeigt offenbar den stillen Machtkampf zwischen Regierungschef Erdogan und dem Netzwerk des Predigers Gülen in der Türkei. Der Herausgeber der Zeitung "Taraf" entließ den Vizechefredakteur wegen eines Kommentars

    • Markus Beys Blog
      17.4.2013, 19:57
      Markus Bey

      Fazil Say - Der ungläubige Pianist [5]

      TitelbildDu sollst nicht twittern: Der Atheist und Musiker Fazil Say ist wegen Herabwürdigung des Islam verurteilt worden, die Minister der konservativ-religiösen Regierung in Ankara erklären das nun

    • Markus Beys Blog
      10.4.2013, 05:30
      Markus Bernath

      Zypern glaubt an die Urlauber [6]

      TitelbildSchon einmal hat das Tourismusgeschäft Zypern aus der Wirtschaftskrise geholt. Das war nach dem Krieg 1974. Ob das noch einmal funktioniert, ist nicht so sicher.

    • 6.4.2013, 18:29
      Markus Bey

      Griechen und Türken vereint im Spott [1]

      Tristesse in Griechenland, Grübeln in der Türkei, aber beiderseits Häme gegen die Politiker. Die binationale Cartoon-Schau dieser Woche.

Ja bitte die Türkei in die EU

dann ists endlich aus mit dem Verein. Exodus durch finanzielle Selbstzerstörung. Eine Bankenkrise in der Türkei und ein nettes Rettungspaket von 500 Milliarden und aus ists

Das ist schon lustig

Für alle die es nicht verstanden haben, der Weg ist das Ziel. Wenn ich mich nicht täusche liegen die Verhandlungen doch gerade komplett auf Eis. Mit der EU verhandelt die Türkei gerade selbst nicht. Seit der Aufnahme von Gesprächen hat sich das BIP in der Türkei verdreifacht, die Schulden liegen bei 40%. Sie wird sich die Öffnung ihrer Märkte halt nur bezahlen lassen. Ach ja knapp 70% der Türken wollen selbst nicht mehr in die EU vielleicht kann man die mitzählen?

Ihr Posting ist schon lustig.....Von 2006 bis 2011 hat sich der BIP verfreifacht ?

Sie lesen auch nur die Werbeanzeigen ueber die Tuerkei oder ? Sonst waere Ihnen aufgefallen d die Tuerkei schon seit Jahren eine Zollfreizone mit der EU bildet und die Importe und Exporte nur maessig gestiegen sind. D die Tuerkei eine Bankenkrise 2001 erlebt hat, wo 21 Banken pleite gingen und der BIP eingebrochen ist. Das der IWF noch immer auf die Rueckzahlung einiger Mrd USD Hilfen von damals wartet.
Und zu Guter letzt d d Pro Kopf BIP in den Jahren 2009 2010 und 2011 nur um ca 250 USD gestiegen ist, was einen jaehrlichen Durchschnitt von 0.9% ausmacht, was ganz einfach fuer ein Entwicklungsland mit ca 10 500 USD Pro Kopf BIP zu wenig ist.

"verfreifacht" ist schon lustig..Udys oder wie auch immer..

Ihr Zahlenwirrwarr ist ja echt interessant...
aber das Öcalan einen Griechisch-Zyprischen-Pass hatte und das Griechenland die pkk massiv unterstützt hat,wussten sie nicht...
schon lustig..

"Frankreich ist eher draussen"

Ach Markus, vor einigen Tagen hat Hollande angekuendigt sein Wahlversprechen einzuhalten: "Es werde schon an einem neuen Entwurf /zum Genozid Gesetz/ gearbeitet". Der Aussenminister Laurent Fabius hat wohl zu voreilig gehandelt.

1.Hat das armenier-gesetz nichts mit dem EU-Beitritt zu tun..

2. Geben sie also selber offiziell zu,auch wenn die Türkei ein Musterland wäre,würde sie nicht aufgenommen werden...

Also ist die EU doch ein Christenclub auch wenn man sich nicht so geben möchte..

Dann darf auch niemand den Missmut der Türken übel nehmen..
Die Entscheidungen der letzten Jahre der EU:
-Partei für die Griechen auf Zypern zu ergreifen
- nicht EU-fähige Länder trotzdem aufzunehmen aber die Türkei hingegen ständig vor den Kopf zu stossen,
schürt nur Hass und schafft böses Blut..

Die EU wird auf lange Zeit im Nahen und Mittleren Osten nichts mehr zu melden haben,deshalb ist sie jetzt wieder auf Schmusekurs mit den Türken..

Also ganz erlich jetzt,,,ich sehe in der EU kein land der Türkei freundlich gesinnt ist...

nicht einmal die hier aufgezählt sind,es ist eine liebe mit zwang zwischen der EU & der Türkei alles andere ist nur diplomatische geplapper!

Würde ich nicht so sagen..

Grossbritannien,Schweden,Spanien und die Ost-EU-Länder haben eine sehr grosse Sympathie für die Türken.
Auch ein Teil der Deutschen und Holländer sind sehr Türkei freundlich...
Bei den Österreichern bin ich eher skeptisch..
Kann man aber auch nicht verallgemeinern..

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.