Schulferien: Sowohl kürzen als auch verlängern

Leserkommentar9. Juli 2012, 19:33
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Eine Antwort auf die Pro- und Kontra-Artikel von Andrea Schurian und Günther Oswald

Schulferien: Die einen sagen, neun Wochen sind zu lange, die anderen behaupten, es ist gerade richtig; einige wollen sogar Verlängerungen. Wenn ich mich nicht täusche, ist das jedoch eine Minderheit.

Mein Problem mit der aktuellen Schuldebatte ist weniger, ob neun Wochen Ferien zu lang sind oder nicht, sondern dass hier, bis auf wenige wenig fundierte Pseudo-Argumente (zu lange, es komme Langeweile auf; wird gebraucht zum Erholen; bis jetzt habe ich noch keine wissenschaftliche Untermauerung solcher Behauptungen gelesen oder gehört) niemand auf die Bedürfnisse der Kinder eingeht, und das individueller als bisher. Und das auch bei Themen wie dem frühen Schulbeginn.

Wenn man sich einmal dazu verleiten lässt, über seine eigene Kindheit genauer nachzudenken, wird einem wahrscheinlich auffallen, dass sich die eigenen Bedürfnisse über die Jahre zwischen dem Beginn und dem Ende der schulischen Laufbahn ziemlich geändert haben.

In den Volksschuljahren war mir gegen Ende der Sommerferien wirklich auch öfter schon etwas langweilig, da hätten mir aus heutiger Sicht sechs oder sieben Wochen rein subjektiv gereicht. Auch bin ich in diesen Jahren nicht nur gerne, sondern auch leicht sehr früh aufgestanden, was mich den Schulbeginn um 7.50 Uhr nicht störend empfinden ließ, eher im Gegenteil, das hat ja dann auch bedeutet, dass man früher heimkommt.

In der Phase der Gymnasialunterstufe/Hauptschule/Mittelschule ist es wahrscheinlich am härtesten, einen Weg zu finden, der möglichst viele Bedürfnisse befriedigt, denn die hormonelle Umstellung, die das körperliche Erwachsenwerden einleitet, fängt bei jedem Kind zu unterschiedlichen Zeiten an und läuft sehr individuell ab. Damit ist das die zerwürfeltste Gruppe, was individuelle Bedürfnisse angeht.

Leichter wird es ab dem Oberstufenalter, da gibt es auch objektive Argumente mitunter selbst für noch längere Ferien, denn nicht wenige müssen, vor allem in berufsorientierten und technischen Schulen, regelmäßige Ferialpraktika machen. Dazu kommt, dass gerade in solchen Schulen auch noch der Zeitaufwand während der Schulzeit weit über jenem von bezahlten Werktätigen liegt, deren Standardarbeitszeit in den meisten Fällen auf 40 Wochenstunden beschränkt ist.

Abschließend betone ich, dass ich kein Bildungsexperte bin und auch kein Experte für die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen. Es erschreckt mich aber, wie viele "Experten" im Namen einer angeblichen Verbesserung glauben alleine ein System gefunden zu haben, das wieder nur ein einheitliches, starres System über die Gruppe mit den größten individuellen Unterschieden.

Meine Forderung an die Politik und deren Experten ist, dass man im Bildungsbereich generell differenzierter und individueller vorgeht, nicht nur im zeitlichen Bereich um Ferien, Schulbeginn- und Ende, sondern auch was Lehrpläne und Unterrichtsstrategien angeht. Es sollte, wie in vielen Bereichen, die Menschen und nicht das leblose System im Mittelpunkt stehen. (René Miklas, Leserkommentar, derStandard.at, 9.7.2012)

Autor

René Miklas, absolvierte ein HTL-Kolleg für Facility Management und eine Tontechnikerausbildung und spielt in der Band "Crazy Bugs"

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