Prozess in Wien: Toter Onkel und teures Auto

9. Juli 2012, 18:09
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22-Jähriger wegen schweren Betrugs bedingt verurteilt

Wien - Wenn eine Richterin "lassen Sie nicht irgendwelche Leute sterben" sagt, handelt es sich meist um einen Mordprozess. Nicht so am Montag im Wiener Landesgericht. Martin E. und Michaela W. sitzen wegen schweren Betruges vor Richterin Michaela Röggla-Weisz. Weil sie ein Auto gekauft haben, das nötige Geld aber fehlte.

Der 22-jährige E. ist recht entspannt, Verteidiger hat er sich keinen genommen. Seine 23 Jahre alte Bekannte, zu der er eine Beziehung "wie Bruder und Schwester" hatte, wollte im Vorjahr ein neues Auto. Und er ihr die Kreditkosten ersparen. "Da mein Großonkel gestorben ist, habe ich ein Erbe von 30.000 Euro erwartet", erklärt er Röggla-Weisz.

Man ging zum Autohändler und unterschrieb den Kaufvertrag. Das Auto sollte es geben, sobald die 22.000-Euro-Rechnung bezahlt war. "Mein Vater hat gesagt, dass das Geld spätestens in zehn Tagen kommt." E. benutzte Online-Banking, datierte die Überweisung in die Zukunft und gab seiner Bekannten den Überweisungsbeleg.

"Mir hat er gesagt, dass alles erledigt ist und ich das Auto holen kann" , erzählt die Zweitangeklagte. Das machte sie und fuhr nach Deutschland. Wo sie der Händler zwei Wochen später erreichte und mit einer Diebstahlsanzeige drohte. Denn das Geld traf nie ein.

Über die Herkunft der Mittel hatte ihr E. etwas ganz anderes erzählt. " Als wir uns nach Jahren wieder getroffen haben, hat er gesagt, sein Vater sei gestorben, und er erwarte bald das Erbe."

Auch der Autohändler schildert Interessantes. Er habe den Angeklagten aufgespürt und sein Geld verlangt. "Da hat er erst gesagt, das sei in einer anderen Wohnung. Dort hatte er dann keinen Schlüssel dafür. Einen Aufsperrdienst hat er angeblich gerufen, der kam aber nicht. Und dann sagte er, er müsse in die Wohnung seines 14-jährigen behinderten Bruders, dort hat er mich dann auf der Straße stehen gelassen."

Tatsächlich fuhr E., der kein klar nachvollziehbares Motiv für den Betrug hat, noch in der Nacht 900 Kilometer nach Deutschland, holte den Audi A6 und brachte ihn zurück. Geputzt und vollgetankt, wie er sagt, verschmutzt und beschädigt, sagt der Autohändler.

Der allerdings selbst ein wenig in Erklärungsnot kommt. Denn in den Tagen nach der Rückgabe fuhr der Wagen, der immer noch auf W. angemeldet war, viermal in Radarfallen. Die Schlüssel hatte nur der Händler, erklären kann er sich die Strafen aber überhaupt nicht.

Das Urteil: Freispruch für W., die tatsächlich glaubte, das Auto sei bezahlt. Die bedingte Mindeststrafe von drei Monaten für E. Das Erbe hat er nach seinen Angaben noch immer nicht. (Michael Möseneder, DER STANDARD; 10.7.2012)

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