Zinsmanipulation "mit einem Augenzwinkern"

9. Juli 2012, 21:20
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Der für Finanzmarktreformen zuständige EU-Kommissar Barnier will solche Absprachen künftig unter Strafe stellen

Immer weitere Kreise zieht die Affäre um Manipulation von Marktzinsen. Der für Finanzmarktreformen zuständige EU-Kommissar Barnier will solche Absprachen künftig unter Strafe stellen.

London Der Libor-Manipulationsskandal beschleunigt die Rufe nach einer gründlichen Reform des international wichtigen Finanzzentrums London. Großbritannien dürfe nicht länger "ein leichtes Ziel für Wirtschaftskriminelle" sein, sagte Labour-Oppositionsführer Edward Miliband am Montag in London und forderte eine härtere Strafverfolgung durch die britische Betrugsbehörde.

Auch der für Finanzmarktreformen zuständige EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier will Marktmanipulationen ausdrücklich kriminalisieren: Die zutage getretene Fälschung von Indices wie Libor stelle einen "Verrat mit möglicherweise systemischen Konsequenzen" dar, sagte Barnier in Brüssel. Mit der Aufnahme von Zinsmanipulationen in den Katalog von Straftaten solle ein Schlupfloch in der EU-Gesetzgebung geschlossen werden.

Vor dem Finanzausschuss des Londoner Unterhauses musste sich am Montagnachmittag der Vizegouverneur der Zentralbank rechtfertigen: Die Fragen der Abgeordneten zielten auf Paul Tuckers Rolle auf dem Höhepunkt der Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008, als eine Anzahl schlingernder Banken ihre Position besser darstellten, als es der Realität entsprach.

Tucker war damals innerhalb der Bank of England für die Marktbeobachtung zuständig, intensive Kommunikation mit Geschäftsbanken und Regierung gehörten für ihn zum Tagesgeschäft. Ein Aktenvermerk des zurückgetretenen Barclays-Vorstandschefs Bob Diamond über ein Telefonat mit Tucker im Oktober 2008 hatte nahegelegt, dass der Zentralbanker Libor-Manipulationen durch Barclays-Trader sein Plazet erteilte. Tucker wies das am Montag zurück, die Bank of England sei keine Regulierungsbehörde gewesen und habe keine Verantwortung für den Libor-Satz gehabt. Von der Regierung sei er nicht ermutigt worden, die Bank Barclays unter Druck zu setzen, niedrigere Libor-Angebote einzureichen.

Das 322 Jahre alte Institut musste Ende Juni eine Strafe von 360 Millionen Euro durch die Aufsichtsbehörden in New York und London hinnehmen. Seither sind CEO Bob Diamond sowie der COO Jerry del Missier und Chairman Marcus Agius zurückgetreten. Wie sehr das Ansehen der Bank sowie des gesamten Finanzplatzes London unter der Affäre gelitten hat, machte gestern eine Äußerung des demokratischen US-Kongressabgeordneten Barney Frank deutlich: Die "empörende Sache" stelle "die gesamte Struktur von Libor infrage", sagte der Finanzexperte der britischen Financial Times. Die vom Kongress verabschiedete schärfere Aufsicht des US-Finanzsektors trägt Franks Namen (Dodd-Frank-Act).

FMA ermittelt wegen Euribor

Bisher wird der Libor (London interbank offered rate) täglich aus den Meldungen von 16 global tätigen Banken ermittelt; der Zinssatz beeinflusst weltweit Sparverträge, Hypotheken und andere Finanzdeals. Neben Barclays stehen etwa auch Deutsche Bank oder HSBC, Citibank und Schweizer UBS unter Verdacht.

Die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) nimmt nun auch mögliche Manipulationen beim kontinentalen Libor-Pendant Euribor (Euro interbank offered rate) ins Visier, berichtet Die Presse. Noch gebe es zwar "keine Indizien" auf Manipulationen beim Euribor, bestätigte FMA-Sprecher Klaus Grubelnik, aber man werde erheben, was die "zwei der am Euribor beteiligten österreichischen Banken (Erste Bank und Raiffeisen Bank International; Anm.) gemacht haben", so der FMA-Sprecher.

Seit vergangener Woche kooperiere die FMA bereits mit mehreren europäischen Behörden und suche nach einer rechtlichen Grundlage, um von den am Euribor beteiligten heimischen Instituten die relevanten Infos einzuholen. Die Sprecher der zwei Banken verneinen, dass ihre Institute jemals manipulierte Daten an die Euribor-Meldestelle in Brüssel gesendet haben.  (sbo, APA, DER STANDARD, 10.7.2012)

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    Die Bank of England dürfte von den Zinsmanipulationen gewusst haben und könnte aktiv mitgewirkt haben.

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