Geigenhändler: "Ich erschlanke finanziell"

9. Juli 2012, 18:01
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Machold hielt OeNB-Präsident über die Misere auf dem Laufenden

Wien - In der Causa Stradivari rund um Geigenhändler Dietmar Machold könnte bereits im Herbst vor Gericht verhandelt werden - vorausgesetzt, der Einspruch eines mitangeklagten Exgeschäftspartners gegen die Anklage ist bis dahin erledigt. Der gebürtige Deutsche Machold hat mit kreditfinanziertem An- und Weiterverkauf von Geigen eine Art Pyramidenspiel aufgezogen und dabei Kunden wie Banken geschädigt. Ihm wird unter anderem schwerer Betrug und betrügerische Krida vorgeworfen. Er sitzt derzeit in Wien in Untersuchungshaft und ist in etlichen Punkten geständig. Bis zu einer allfälligen rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.

Aus dem Gutachten von Wirtschaftsprüfer Gerd Konecny, der im Auftrag der Staatsanwaltschaft Wien Deals wie Zahlungsflüsse unter die Lupe genommen hat, erschließt sich, wie früh die finanziellen Probleme begonnen haben. Beschwerden und Mahnungen häuften sich bereits 2001, als ein Kunde Macholds laut Schreiben eines Mitarbeiters an den Chef "ausrastete, da das versprochene Geld nicht auf seinem Konto ist. Er verlangte die Geige zurück, nach sieben Jahren, attestierte dir schlechte Manieren und fragte, ob du nicht liquide bist."

Zur Erinnerung: Erst im Herbst 2010, also neun Jahre später, wurde die Insolvenz über den damaligen Schlossbesitzer und seine Gesellschaften eröffnet. In der Zeit dazwischen haben die Banken (hauptsächlich österreichische) Machold noch zig Millionen Euro an Krediten gegeben. Der Schaden aus der Insolvenz beträgt laut Masseverwalter 156 Mio. Euro.

Machold selbst jonglierte mit Millionen, verschob Gelder von vollen Firmen- auf leere Privatkonten. Aus einer Notiz seiner Schweizer Mitarbeiterin nach einem Gespräch mit einem Erste-Banker im März 2004: " Er sagte mir, dass Herr Machold mit der Ersten vereinbart habe, dass alle Zürcher und Privatkonten, die im Soll sind, vom Firmenkonto Machold ... aufgefüllt werden sollen." Drei Monate später schuldete Macholds Zürcher Gesellschaft der Ersten 3,4 Millionen Franken, daraufhin brachte die Bank Klage ein.

"Betteln um Geld"

Ähnlich erging es Mitarbeitern und Geschäftsvermittlern, denen Machold Provisionen für ihre Dienste zahlte oder zumindest versprach. Aus einem Fax der Mitarbeiterin der Zürcher Gesellschaft (sie war laut Gutachter " die Wohnung der einzigen Mitarbeiterin. Der Rest des Hauses war ein Nobelbordell."): "Wir haben Sie schon mehrmals gefragt, ob wir H. zahlen sollen... Von unserem Firmenkonto aus geht nichts, da warten schon etliche reine Wiener Rechnungen. ... Es ist uns peinlich, wenn H. immer wieder um Geld bettelt bei uns." Das Zürcher Firmenkonto war im Anfang 2005 tatsächlich sehr leer: Per 19. Jänner 2005 hatte die GmbH 27,8 Mio. Euro an Bankverbindlichkeiten.

Machold selbst war offenbar bestens vernetzt. In einem Schreiben an den ehemaligen Chef der Uniqa-Versicherung, Herbert Schimetschek (er war zuvor Aufsichtsratschef der Erste Bank gewesen), von 24. Februar 2005 besang Machold seine Lage so: "Mittlerweile erschlanke ich finanziell und bin den Nachfragen meiner Banken doch erheblich ausgesetzt."

Zur Orientierung: Schimetschek war damals Präsident der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Als große Geigensammlerin war diese jahrzehntelang zentrale Kundin von Machold. Der Kontakt des Geigenhändlers zum Chef des OeNB-Kontrollgremiums war offenbar rege. Schon am 6. Juni 2005 schrieb Machold ihn erneut an - um diesmal einzuräumen, "dass meine Schwimmfähigkeit meinen Banken gegenüber stark eingeschränkt ist".

Die Nationalbanker schreckte die Untergangsgefahr offenbar nicht. 2006 kauften sie Machold zwei weitere Violinen ab; drei Millionen Euro legten sie allein für eine Stradivari auf den Tisch. Der Schlussakkord des kakofonen Liedes: Im Machold-Insolvenzverfahren hat die OeNB fast 826. 000 Euro an Forderungen angemeldet. (Renate Graber, DER STANDARD, 10.7.2012)

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