"Eine gedruckte Rarität": "Die Gute Presse"

  • "Neuland", aber "keine Wende": "Die Gute Presse"
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    "Neuland", aber "keine Wende": "Die Gute Presse"

Die "Presse"-Redakteure testeten einen Tag selbstquälerisch "positiven Journalismus"

Der "Presse" vom Samstag, dem 7. Juli, konnte man entnehmen, dass "Die Presse" vom vorhergehenden Samstag "Neuland" betreten hätte. Die Mitteilung klang glaubhaft, stammte sie doch von Dr. Engelbert Washietl, der nicht nur regelmäßiger Kolumnist des Blattes ist, sondern auch ein würdiger "Sprecher der 'Initiative Qualität im Journalismus'". Sein Zeugnis ist daher über jeden Zweifel derart erhaben, dass sich eine externe Bewertung des Ausflugs schon deshalb erübrigt, weil er sie eine Woche, nachdem "Die Presse" das "Neuland" längst wieder verlassen hat, selbst lieferte. Es habe sich um "eine gedruckte Rarität" gehandelt, "'Die Gute Presse', in der auf 40 Druckseiten um die schöneren Seiten der Wirklichkeit gerungen wird (30. 6.). Für die Redakteure waren das regelrechte 'Exerzitien', wie Chefredakteur Michael Fleischhacker im Kommentar sagt."

In dem "positiven Journalismus", den die "Presse"-Redakteure einen Tag selbstquälerisch testeten, konnte Washietl vor allem erkennen, das Experiment sei zwar "lehrreich" gewesen, aber "eine Wende wird das nicht". Und woran liegt's? Vor allem am Geld. "Auf Seite 2 springt mir das Inserat einer Bank ins Auge. Banken schätzen für ihre Werbung ein 'positives Umfeld', 'Die Gute Presse' kommt ihr sehr gelegen. Im Inserat wird für ein 'TopZinsKonto oder Sparbuch' mit den 'hohen Zinsen' von 2,1 Prozent Reklame gemacht." Und jetzt fragte Washietl "die Sparbuchbesitzer: Möchten Sie wirklich auf kritische Journalisten verzichten, die die 'hohen Zinsen' aller Bankinstitute längst als mickrige Anlageform entlarvt haben, die unter Abzug der Kest nicht einmal die Inflation abdeckt, also Kapital frisst?"

Die Frage geht am Thema "guter" versus "kritischer" Journalismus ein wenig vorbei. Denn den "Sparbuchbesitzer" dürfte es kaum geben, der einen "kritischen Journalisten", zumal einen der "Presse", benötigt, um zu erkennen, dass "2,1 Prozent" bei KeSt. und gegenwärtiger Inflation alles andere als ein "Topzins" sind und mit den "schöneren Seiten der Wirklichkeit" nichts zu tun haben.

An diesem Beispiel enthüllt sich eine leichte kognitive Dissonanz zwischen dem Chefredakteur der "Presse" und dem "Sprecher der 'Initiative Qualität im Journalismus'. Fleischhacker, der in seinen Kommentaren den Wirklichkeitshorizont zumeist über die zur Verfügung stehenden 360 Grad hinaus abzutasten sucht, wagt sich an einen 'Grenzfall der journalistischen Ethik': Es sei Normalität, 'durch Produkte Leserinteresse zu erzeugen, das auch Anzeigenkunden mit einer Grundaufmerksamkeit versorgt'. Prinzipiell stimmt das für alle Zeitungen, die einen Inseratenteil haben" - die Frage ist nur, wie weit die "Normalität" jeweils die Grenzen "der journalistischen Ethik" überschreitet. Wo ein "Grenzfall der journalistischen Ethik" kurzerhand in "Normalität" umdeklariert wird, gehört auch das Abtasten des "Wirklichkeitshorizonts über die zur Verfügung stehenden 360 Grad hinaus" zum Tagesgeschäft eines Chefredakteurs, sei es der "Guten Presse", sei es der "Presse", wie man sie kennt. Eine Befähigung dazu steht der Kombination des "Leserinteresses mit einer Grundaufmerksamkeit für Anzeigenkunden" sicher nicht im Wege.

Washietl bleibt streng, will indes die Hoffnung nicht aufgeben. "Es ist aber unethisch und sogar kontraproduktiv, rund um die Werbefläche eine künstlich positive Stimmung zu erzeugen. Da sich das chefredakteurliche Gewissen erkennbar regt, wird 'Die Presse' vielleicht noch schärfer auf den Inhalt mancher ihrer Sonderprodukte achten, die ohne ein im Voraus ausgehandeltes Werbebudget oder Druckkostenbeiträge gar nicht erscheinen würden." Wenn darunter nur nicht die Abtastung des "Wirklichkeitshorizonts" leidet!

Etwas von der "Guten Presse" hat sich erfreulicherweise über die Woche gerettet. Nach all der durch keinerlei substanzielles "Leserinteresse" gerechtfertigten "Grundaufmerksamkeit", die Frank Stronachs Geschäftsidee "Kaufe Partei - im Ganzen oder als Hampelmann-Set!" seit Wochen in den Medien zuteilwird, hat Anneliese Rohrer die Sache in einer Shortlist auf den Punkt gebracht: "Diese Männer nerven, aber wirklich: Stronach, Scheuch, Lauda." Die Auswahl ist treffend, nur die Kombination scheint ein wenig beliebig. Wo der "Kurier" noch immer, schon wieder, den "mystischen Magna-Milliardär, drollig bis bedrohlich", servierte, erinnert sie an die Dreistigkeit, in der Stronach gegen "das System" in Österreich tobt - und eben dieses "System" für seine Zwecke nützt. Arm in Arm mit der "Kronen Zeitung" wird er damit noch einige Zeit nerven. (Günter Traxler, DER STANDARD, 10.7.2012)

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