Safariparks für Neureiche auf dem Land der Urväter

9. Juli 2012, 18:03
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Die heute russische Halbinsel Kola nördlich des Polarkreises ist die Heimat vieler indigener und anderer kleiner Völker. Jetzt fühlen sich viele in ihrer kulturellen und sozialen Existenz bedroht.

Lowosero - Die Samen und die Nenzen, die in einem "Einheitlichen Register indigener kleiner Völker Russlands" verzeichnet sind, sollten über einen privilegierten Zugang zu den natürlichen Ressourcen verfügen: Wald, Wild und Fischvorkommen. Die Wirklichkeit sieht jedoch ganz anders aus. Es gibt aber auch Völker, die im Widerspruch zur UN-Definition des Begriffs "Indigene Völker" nicht in das Register aufgenommen sind, weil sie mehr als 50.000 Angehörige aufweisen. Dazu zählen beispielsweise Karelier und Komi-Ishemzen. Gesetzeslücken, Willkür einer Schicht von Neureichen und rücksichtslos auf Profit orientierte Wirtschaft machen ihre traditionelle Wirtschaftsweise unmöglich.

Am Rande von Lowosero, der Hauptstadt der russischen Samen, auf dem ehemaligen Flughafengelände, weit vom Stadtkern entfernt, lebt der Karelier Jakow Michailowitsch zusammen mit der Komi-Ishemzin Ljudmila. Sie flohen hierher vor dem herrschenden Alkoholismus und Frust, werden aber durch ihre Abgeschiedenheit mit anderen Problemen konfrontiert. " Die Neureichen, die aus Moskau hier herkommen, kaufen riesige Grundstücke entlang der Flüsse auf. Die Flüsse selbst kaufen sie schlauerweise nicht, aber Zugang zum Wasser haben nur sie. Somit haben wir keine Möglichkeit zu angeln. Sie stellen dort Fischrechen auf, damit ihnen der ganze Fisch bleibt, und dadurch bedrohen sie die natürliche Fortpflanzung der Tiere. Sie gründen Safariparks für andere Neureiche auf dem Land unseren Urväter."

Das Angeln wird aber auch vom Gesetz eingeschränkt, da man eine sehr teure Erlaubnis benötigt, und am Ende rentiert es sich nicht. Um zu Überleben, sind die Menschen gezwungen zu wildern. Und das machen alle, die ihre Gewehre und Boote noch nicht gegen Alkohol eingetauscht haben.

"Es bleiben Trümmer, Abfall und Wracks"

"Der Sammlertätigkeit nachzugehen und Rentiere zu halten wird auch erschwert, da das Militär viele Gebiete in Beschlag genommen hat. Andere wurden vom Militär und der Industrie verseucht. Wenn Garnisonen umziehen oder aufgelöst werden, bleiben Trümmer, Abfall und Wracks. Es gibt auch Fälle von radioaktiver Verseuchung der Weiden, die von einer Wiederaufbereitungsanlage ausgeht", erzählt Jakow Michailowitsch.

Oft wartet Ljudmila tagelang auf Jakow, da er gezwungen ist, mit seinem Motorschlitten weit in die Tundra hinauszufahren, um Niemandsland aufzusuchen, obwohl "die ganze Tundra einmal uns gehörte". In den 1990ern fuhr er sogar nach Moskau, in der Hoffnung, dort die Wahrheit zu finden, kehrte aber mit leeren Händen zurück.

Der Komi Nikolai Filipow und seine Frau, die Samin Maria, verließen Lowosero und siedelten sich auf einer unbewohnten Insel an. Hier gab es keine Gasleitung, die ihre Rentiere verscheuchen könnte. Sie hielten Rens, lebten in einem Tschum, angelten und sammelten Beeren. "So haben wir immer gelebt, das können wir am besten, und so fühlen wir uns wohl. Wir leben abseits, so kann uns niemand etwas antun. Keiner kann uns unfaire Gesetze unter die Nase halten." Später waren sie gezwungen, ihre Insel zu verlassen, da dort plötzlich auf mysteriöse Weise Hunde auftauchten, die die Rentiere anfielen. So verloren sie ihr Paradies.

Neue Existenzbedrohungen für die Samen

Manche behaupten, dass es die zweite Welle des Genozids ist. Larissa Awdejewa, Direktorin des Samischen Nationalen Kulturzentrums in Lowosero, berichtet, dass während des Zweiten Weltkriegs Samen und Karelier als Staatsfeinde galten. Viele wurden in Lagern ermordet, viele wurden deportiert oder erschossen. In der Nachkriegszeit durfte man nur Russisch sprechen. Nun gibt es Organisationen, die die Samen unterstützen. Man darf wieder die samische Sprache lernen und sprechen, aber Gesetzeslücken, die Globalisierung, Willkür und Alkohol, der das Hauptangebot in vielen Läden darstellt, sind die neue Existenzbedrohungen.

Die in Lowosero lebende Nenzin Vera Koslowa und ihr Freund, der Same Wassili, sind alkoholkrank. Sie sehen aber keine Alternativen und schwärmen von den alten Zeiten. Die Anzahl der Alkoholerkrankungen in diesem Gebiet ist fast doppelt so hoch wie der russische Durchschnitt.

Vera lebt in einem Zimmer einer Wohnung, die von mehreren Familien bewohnt wird. Es wimmelt vor Kakerlaken. Es dauerte lange, bis sie endlich das Zimmer bekam. Strom kam erst später dazu. Wassili teilt die Wohnung mit seinem psychisch kranken Bruder und seiner alten Mutter. Wassilis Tochter studiert in Norwegen. Viele Jugendliche versuchen, dort und in Finnland einen Studienplatz zu bekommen. Andere heiraten europäische Samen, um zu fliehen.

Das haben auch Kinder von Petr und Tatjana Galkiny gemacht. Galkiny sind das älteste samische Ehepaar in Lowosero. Ihre goldene Hochzeit feierten sie im Samischen Nationalen Kulturzentrum. Obwohl nur ein Enkelsohn aus dem Ausland kam, um ihnen zu gratulieren, sind sie nicht traurig. " Unsere Kinder und Enkelkinder genießen dort staatlichen Schutz. Sie haben alles, was uns weggenommen wurde. Stattdessen hat man uns Alkohol gegeben, und schon allein davor müsste man fliehen. Ausländische samische Organisationen helfen und unterstützen uns zwar, dennoch können sie die internen Probleme nicht lösen."

Samen müssen sich nicht mehr schämen

Elina Waage und Hogne Rundberg, junge Samen in Tromsø, erzählen, dass in der Nachkriegszeit die Samen in Norwegen sehr stark diskriminiert wurden und deswegen ihre Herkunft verheimlicht haben. Nun sind sie wieder stolz auf ihre Nation, brauchen sich nicht mehr zu schämen und sind froh, dass man sich nicht mehr verstecken muss. "Es gibt samische Schulen, eine Universität und vor allem staatlichen Schutz zur Bewahrung unserer Kultur."

Menschen, die nationale Kleidung tragen, sieht man nicht nur an den Nationalfeiertagen. Turi Knutsen mit seiner Frau Hjardis und ihre Begleiterin Sara freuen sich, dass sie die Gelegenheit haben, ihre schöne Tracht anzuziehen. "Es kommen bald noch welche von uns, wir feiern nämlich samische Hochzeit", lächeln sie. Nationalbekleidung wird mit Stolz getragen.

Die Samin Arja Kustula besitzt einen Laden im finnischen Vuotso, wo sie samisches Kunsthandwerk verkauft so wie viele andere Ureinwohner. In Finnland können sie frei fischen, haben eigene Fischräuchereien und große Rentierherden, die ungehindert durch die Straßen der Städte ziehen und Vorrang vor den Autos haben. Die russischen Samen können davon nur träumen. (Alexandre Sladkevich, DER STANDARD, 10.7.2012)

  • Komi Nikolai Filipow zog sich mit seiner Frau, der Samin Maria, auf eine Insel zurück, von der sie dann vertrieben wurden. N
    foto: alexandre sladkevich

    Komi Nikolai Filipow zog sich mit seiner Frau, der Samin Maria, auf eine Insel zurück, von der sie dann vertrieben wurden. N

  • Samin Arja Kustula betreibt im finnischen Vuotso einen Kunsthandwerksladen.
    foto: alexandre sladkevich

    Samin Arja Kustula betreibt im finnischen Vuotso einen Kunsthandwerksladen.

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