Zähflüssige Sounds aus den Kellern der Nacht

30. Juni 2003, 12:38
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Die britischen TripHop-Pioniere Massive Attack retteten sich vor allem dank spektakulärer Visuals über die Runden

Der Musik gebrach es bei ihrem Auftritt an sich selbst und der Saalakustik.


Wien - Winston Blissett hat den dankbarsten Job bei Massive Attack. Er spielt Bass. Das bedeutet, dass er in eher faulen Zeitabständen Daumenkontakt mit einer von vier Saiten hat: Wummer - Wummer - Wummer. Und wenn er einmal auslässt, weil er sich die Sicht vom Schweiß frei wischen muss - auch egal. Die Grundmotive, die aus nachtschwarzen Kellern an die Oberfläche geförderten Beats werden ohnehin vom Synthesizer zugeführt.

Zäh und monoton strömte der Sound der TripHop-Miterfinder aus dem britischen Bristol am Dienstag in den seit Wochen ausverkauften Konzertsaal im Wiener Prater. Profiliert wurden die ursprünglich im HipHop und Dub hauptgemeldeten Soundkonglomerate einzig durch die von Angelo Bruschini aus seiner Gitarre gerissenen Riffs.

Mit dem Song Future Proof eröffnete Massive Attack Schlag neun einen Abend, der mehr sein wollte als bloß ein Konzert. Und damit war die Band gut beraten. Zumal die Last, ein Pionier zu sein und damit deutlich höhere Erwartungshaltungen erfüllen zu müssen, auf dem aktuellen Album 100th Window den Rücken des dafür fast im Alleingang verantwortlichen Robert Del Naja ziemlich beugte.

Das Werk ist ein eigenartig höhepunktloser Brocken aus vor sich hin mäandernden Sounds, die sich Songstrukturen versagen und ziemlich lauwarme Kritiken erntete.

Diese den ersten Konzertabschnitt dominierenden neuen Stücke benötigten die von Chris Bird und Matt Clark verantworteten spektakulären Visuals dann auch viel mehr als später dargebotene Hits wie Teardrop: Eine eigens für Massive Attack programmierte Software namens Mosquito übersetzte Texturen an eine LED-Anzeigenwand, die die Tour der Band protokollierte, Echtzeitstatistiken über den Wahnsinn der Rüstungsindustrie präsentierte, landesspezifische Headlines in neue Zusammenhänge setzte und in eine viel umjubelte Friedensbotschaft mündete. Acht Stunden tägliche Programmierarbeit benötigt diese, an die Zahlenreihen der Matrix angelehnte Ästhetik zur Musik der Band.

Doch diese Spezialeffekte trösteten nicht über den verheerend abgemischten Sound hinweg. Weder waren Del Najas Ansagen zwischen den Songs zu verstehen, noch war sein Gesang besser als ein akustisch kaum vorhandenes Etwas zu vernehmen. Ein Umstand, der bei seinen oder Grant Marshalls Gesangsparts weniger ausmachte als bei Goldkehlchen Horace Andy.

Tapsiger Tanzbär

Der Langzeitkollaborateur des Massive-Kollektives - live beschäftigt man rund zehn Personen - gilt mit seiner charismatischen Kopfstimme nicht nur auf der Insel als Reggae-Gott. Ob seiner tapsigen Tanzbärerscheinung gilt er als Publikumsliebling und kann an einem guten Abend den Saal im Alleingang nehmen - so man ihn hören kann!

Erträglicher wurde der Sound in der zweiten Hälfte. Zwar gratwanderte Drummer Andrew Small beim Song Angel in die Nähe des In The Air Tonight-Abgrunds von Phil Collins, die stärker in den Vordergrund drängenden Gitarren, die die älteren Songs wesentlich charakterisieren, halfen der Show aber doch noch auf die Beine. Titel wie Safe From Harm von dem heute als Meilenstein gehandelten Debüt Blue Lines aus 1991, verdeutlichten zudem, dass die Band ihre Wurzeln auch im Soul hat und erinnerten daran, dass sich Massive Attack vor der aktuell präsentierten überladenen Schwere schon auch um das Fortkommen im Dancefloor verdient gemacht hat. Ein Umstand, der live mehr Beachtung hätte finden können.
(DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2003)

Von Karl Fluch
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