Beton-BH für Silikon-Fraktion

29. Juni 2003, 20:58
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Die 34. Art Basel brachte wieder einmal die beste Kunst der Welt unter ein Dach - und spürbare Angst vor der wirtschaftlichen Lage

Die Sammler kommen nach wie vor - vor allem aus den Vereinigten Staaten. Die 34. Art Basel, die am Montag zu Ende ging, brachte wieder einmal die beste Kunst der Welt unter ein Dach. Doch auch hier macht sich eine gewisse Angst vor der wirtschaftlichen Lage (Deutschlands) breit.


Hat die Art Basel im 34. Jahr Rost angesetzt? Die rot-rostig geschwungene Stahlwand Richard Serras, direkt vor dem Messeeingang von der "Galerie mBochum" installiert, könnte ein Hinweis sein. Andererseits gastiert gleich gegenüber der Zirkus Knie. Hier wie dort Jongleure. Im Falle der Art Basel, immer noch öfter als anderswo auf dem globalen Kunstmarkt, mit Dollar-, Euro- und Frankenmillionen. Die internationalen Sammler aus Europa, vor allem aber aus Amerika, kommen nach wie vor.

Karsten Greve, europäisch agierender Galerist (Köln, St. Moritz, Mailand, Paris) konnte gleich zum ganz frühen Auftakt eine kleinformatige Papierarbeit Barnett Newmans, Bedeutendes von Soulages, vor allem aber zwei Arbeiten höchster Museumsqualität von Lucio Fontana in Privatsammlungen Europas und Amerikas platzieren. Amerika muss nach Basel kommen, um viele Vertreter absoluter Spitzenkunst erwerben zu können. Schwitters-und Fautrier-Verkäufe bei Gmurzynska unterstrichen dies nicht minder. Heuer kamen Offerte aus der Klassischen Moderne hinzu, durch Landau Fine Art, mit einem Modigliani von 1906 (Braut und Bräutigam) für 11,5 Mio. Dollar, ebenso ein geometrisch reduzierter Drei-Farb-Mondrian (1935/42) für 18 Mio. Dollar beim New Yorker Pace Wildenstein.

Andererseits diagnostiziert Greve, der selber jahrelang Beiratsmitglied der Art Basel war, "auch hier eine gewisse Angst vor der wirtschaftlichen Lage. Seit zwei Jahren befürchtet man ein Abbrechen deutscher Käufer". Bereits im vergangenen Jahr sank der Besucheranteil um zehn Prozent auf 50.000, nicht zuletzt bei Gästen aus Deutschland. Im sehr nahen Stuttgart entsteht eine neue Messe für 800 Mio. Euro. Und sehr laut dachte Basels Messechef René Kamm im Frühjahr über eine vom örtlichen Gewerbe zu zahlende Messetaxe nach, dies für jeden Besucher, den die Messe in die Region zieht.

A-Kunden-Trias

Keine Frage, die "A"-Kunden-Trias (Ärzte-Anwälte-Architekten) ist auch auf der Art Basel stark eingebrochen, und so versucht man sehr verstärkt, das breite Staune-Publikum zu locken, zu enthemmen. Etwa mit dem Hinweis, dass laut interner Umfrage über 25 Prozent des Kunstangebots bei 5000 Euro liegen. Was natürlich, außerhalb des High-End-Gettos auf Ebene 2.0, schon immer so war, nämlich auf der zunehmend quirligen 1. Etage.

Hilger aus Wien, von Kukje/ Seoul durch Richter (850.000 US-Dollar), Warhol (740.000 Dollar) und Ed Ruscha (550.000 Dollar) pompös flankiert, geht mit Nikolaus Moser und Multiples von Leo Zogmayer, die gleich zu Beginn für rund 10.000 Euro verkauft wurden, einen "jungen" Weg. Hilger: "Man muss auf der Art Basel, die zu clean geworden ist, wieder Dinge entdecken können. Es ist ein Fehler, diese Messe zunehmend zur Museumskonkurrenz werden zu lassen."

Aber auch das Projekt Art Unlimited, in separater Halle, sollte in diesem Jahr die Massen zu pilgernder Freizeitaktivität animieren, den Hinguckereffekt auslösen, eben außerhalb gediegener De-Kooning-Kojen (One-Man-Show bei Ammann/Zürich), Manzoni-Trouvaillen (Werner) sowie den offensichtlich diesjährigen Malereibeherrschern Dubuffet und Basquiat, der gleich mehrfach, etwa bei Krugier/ Genf, zwischen einer und vier Millionen US-Dollar feilgeboten wird. Art Unlimited präsentiert ein weitläufiges Gehege mit "Elefanten"-Kunst, darunter nochmals Serra-Wände, gleißende Riesenboliden von Anish Kapoor, ein hierorts tatsächlich wohltuendes, sanft geometrisch durchwirktes Riesenformat von Helmut Federle (Galerie nächst St. Stephan), eine weiße Figurentruppe aus der Pop-Werkstatt George Segals oder etwa Vito Acconcis Adjustable Wall Bra: ein Riesen-BH aus Betonschalen auf Drahtgeflecht, der indes allerhöchstens die am Premierentag in Basel stark vertreten gewesene Silikon-Fraktion zum gestylten Nachdenken gebracht hat, wenn sie denn hier überhaupt aufgetaucht ist.

Abgesehen von der Tatsache, das der Düsseldorfer Hans Mayer, Alt-Art-Basler der ersten Stunde, das zunehmende Entstehen einer jungen amerikanischen Sammlerschaft spürt und eine Max-Bill-Plastik und ein Kippenberger-Gemälde (je um 125.000 €) erfolgreich anbieten konnte, kann Basel unerschütterlich guten schlechten Zeiten vertrauen: Bereits seit einem Jahr konstatiert das britische Fachblatt Art Newspaper die Flucht, nicht nur der Superreichen Amerikas, in die ästhetischen Sachwerte, vor allem Judd, Richter, Yves Klein, Struth, Ruff, Gursky, (im Branchen-Jargon "Struffsky") - sowie Dubuffet und Basquiat: das Angebot 2003 hat's bewiesen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2003)

Roland Groß aus Basel
  • Einblick in die 34. Art Basel, hier bei der Marks Gallery, New York: "The Dealer/Der Händler" von Katharina Fritsch, angeboten für 275.000 Dollar.
    foto: roland groß

    Einblick in die 34. Art Basel, hier bei der Marks Gallery, New York: "The Dealer/Der Händler" von Katharina Fritsch, angeboten für 275.000 Dollar.

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