Terrorismus in konzentrischen Kreisen

25. Juni 2003, 19:16
posten

UN: Kampf gegen Al-Kaida wirkungslos - "Dirty Bomb"-Attacken höchstwahrscheinlich

Wien - Als die alte Boeing 727 vom Flughafen Luanda abhob, hatte sie keinen Flugplan, der Tower wusste weder, wer die Maschine flog, noch, wohin sie unterwegs war. Im Cockpit war der Transponder für die Radarortung ausgeschaltet, letzten Funkkontakt mit dem aus Angola kommenden Jet hatte der Flughafen der Seychellen im Indischen Ozean. - Das war vor gut einem Monat.

Seither fehlt jede Spur von dem Flugzeug, das einer Leasingfirma in Miami gehört. Und seither suchen die amerikanischen Geheimdienste fieberhaft danach. Denn neben vielen möglichen Erklärungen für das mysteriöse Verschwinden der Boeing befürchtet das US-Außenministerium, die Maschine könnte von islamistischen Terroristen für einen großen Anschlag in der Manier des 11. September 2001 gekapert worden sein.

Zwar haben die USA nach dem Memorial Day Ende Mai die Alarmstufe von "Hoch" auf "Erhöht" heruntergesetzt, die nachdrücklichen Terrorwarnungen blieben aber aufrecht. Und fast wie zur Bestätigung häufen sich - nach den blutigen Anschlägen der Al-Kaida in Riad und Casablanca im Mai - derzeit Meldungen über weltweit vermehrte terroristische Aktivitäten: US-Justizminister John Ashcroft etwa präsentierte vor wenigen Tagen den pakistanischstämmigen US-Bürger Iyman Faris, der gestanden hat, in Al-Kaidas Auftrag einen Anschlag auf die New Yorker Brooklyn Bridge geplant zu haben.

Asien und Afrika

In Singapur und sogar im bisher friedlichen Thailand flogen Islamisten der Jeemah Islamiah auf, die Attentate unter anderem auf den Gipfel des Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsforums (APEC) vorbereitet haben. Vor einer Woche ließ das saudische Königshaus in Mekka Terrorzellen ausheben, die den Anschlag von Riad im Mai organisiert haben sollen. In Kenia war unlängst die US-Botschaft für Tage geschlossen, weil es laut Pentagon sehr konkrete Hinweise darauf gab, dass kenianische Islamisten eine größere Aktion vorhatten.

Und zuletzt tauchte die ominöse "Baltic Sky" auf. Der in Griechenland festgesetzte Frachter hatte 680 Tonnen Sprengstoff und 8000 Zeitzünder geladen, die angeblich für friedliche Zwecke im Sudan bestimmt waren. Die griechischen Behörden bezweifeln das allerdings und vermuten einen terroristischen Hintergrund - der Sudan gilt als eine der Operationszentralen des Al-Kaida-Netzwerkes.

Laut dem jüngsten Terrorismusbericht der UNO stehen in der Organisation Osama Bin Ladens derzeit weltweit mindestens 800 Kämpfer für Anschläge bereit. Eine "dritte Generation" von Attentätern bereitet dem französischen Terrorismusexperten Roland Jacquard zufolge derzeit neue Aktionen vor. Al-Kaida sei inzwischen in "konzentrischen Kreisen" organisiert, jeder Ableger arbeite unabhängig von den anderen. Dies sei gefährlicher, weil jede Gruppe ihre Ziele selbst aussuche. Bevorzugt würden wirtschaftliche und touristische Anlagen. Auch westliche Medien wurden in einem Al-Kaida-Video als Anschlagsziele genannt.

Die Wahl der Mittel ist dabei scheinbar unbegrenzt: Eliza Manningham-Buller, die Chefin des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5, erklärte unlängst, ein Angriff mit einer "schmutzigen Bombe" (Nuklearmaterial mit konventionellem Sprengkopf) sei höchstwahrscheinlich.

Nutzlose Sanktionen

Die Al-Kaida könne sich "Waffen und Explosivstoffe besorgen, wo und wann sie wollen", heißt es im Entwurf des Berichts für den Weltsicherheitsrat, der kommenden Donnerstag in New York diskutiert wird. Auch vor bewachten Angriffszielen schreckten Terroristen nicht zurück. Geld fließe der Organisation unter anderem aus illegalem Drogenhandel, dem Schmuggel von Zigaretten und organisiertem Betrug mit Kreditkarten zu.

Die nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon verhängten UN-Sanktionen gegen mutmaßliche Mitglieder und Helfershelfer von Al-Kaida sind laut den UN-Experten vielfach wirkungslos geblieben.
(DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2003)

von Christoph Prantner
Share if you care.