Pro und Kontra: Diskriminieren Versicherer?

26. Juni 2003, 13:58
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Pro: Mathematik ist nicht alles - Von Erhard Stackl - Kontra: Welche Diskriminierung? - Von Michael Moravec

Mathematik ist nicht alles - Von Erhard Stackl

Für Aufregung in der Versicherungswirtschaft sorgt die EU-Kommission derzeit mit ihrem Plan, die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in der privaten Vorsorge zu untersagen. Gegenwärtig ist es für Anbieter von Lebensversicherung noch rechtens - bei gleichen Einzahlungen - an Frauen wegen der höheren Lebenserwartung geringere Beträge pro Pensionsjahr auszuzahlen. Die Versicherer sagen, dass eine Umstellung des Systems enorm viel kosten und zulasten der Männer gehen würde.

Das mag sein. Tatsache ist aber auch, dass Frauen, wegen ihres im Schnitt geringeren Einkommens, schon bei den staatlichen Pensionen weniger heraus bekommen als Männer. Dass, in der großen Zahl gesehen, Frauen länger Pensionen beziehen als die - risikoreicher und ungesünder lebenden - Männer, ist ein Kriterium, von dem die Einzelne nichts hat. Mann kann Risikogruppen ja auch nach Wohnort und Lebensweise (Übergewicht, Sportausübung) oder nach den Berufsanforderungen unterscheiden. Es liegt an der Gesellschaft, in diesem Fall repräsentiert durch die EU, festzulegen, was zulässig ist. Und die EU-Sozialkommissarin Anna Diamantopoulous, die mit starker öffentlicher Unterstützung für die Gleichstellung der Frauen kämpft, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Unterscheidung von Risikogruppen nach Geschlechtszugehörigkeit abzuschaffen. Die Beiträge aller Lebensversicherten kämen eben in einen Pool und würden dann, wie bisher nach der Versicherungsmathematik, aber ohne Geschlechtertrennung, ausgezahlt.

Übrigens hätten Männer durch die Neuregelung ebenfalls Vorteile: Auch die in manchen EU-Staaten üblichen höheren Autoprämien für Männer (die öfter als Frauen Unfälle verursachen) fielen bei Umsetzung der Direktive weg.

Welche Diskriminierung? - Von Michael Moravec

Würden Frauen eine niedrigere Privatpension bekommen, einzig weil sie Frauen sind, wäre dies eine schlimme Diskriminierung. Dahingehende Ängste der EU sind aber unbegründet. Denn bei Pensionsverträgen mit gleichen Monatsraten und gleicher Laufzeit haben Männer wie Frauen gleich viel auf ihrem Pensionskonto angespart. Dass Frauen dann monatlich weniger herausbekommen, liegt an ihrer deutlich höheren Lebenserwartung: Das Geld muss einfach länger reichen. Die Differenzen im Börsel ergeben sich also nicht durch Ungleichbehandlung von Frauen und Männern, sondern viel mehr durch strikte Gleichbehandlung.

Wenn EU-Politiker nun dennoch gleich hohe Pensionen auf Monatsbasis für Frauen und Männer fordern, bedeutet dies nichts anderes als eine - auf die Lebenszeit gerechnet - deutlich höhere Rente für die Frauen, die durch die Prämien der Männer mitfinanziert werden müsste.

Erst dadurch ergäbe sich eine echte Ungleichbehandlung: Männer bekämen eine geringere Gesamtpension und eine schlechtere Verzinsung ihrer Einlagen als Frauen. Um nicht Versicherungen zu bevorzugen, müssten dann natürlich auch andere Vorsorgeprodukte - wie Lebensversicherungen, Fonds und Sparbücher - mit verschiedenen Zinssätzen für Männer und Frauen ausgestattet werden. Einer Versicherung überdies die Definition ihrer Risikogruppen vorzuschreiben, wäre ein schwerwiegender Eingriff in die unternehmerische Freiheit.

Dass Frauen noch immer niedrigere Löhne für die gleiche Arbeit bekommen als Männer, ist eine Schande - hier sollte die EU massiv ansetzen. Die Reparatur solch untragbarer Zustände über private Vorsorge und die Finanzmärkte anzugehen - weil der Staat versagt - ist aber eine richtige Schnapsidee. (DER STANDARD Printausgabe, 26.6.2003)

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