Liebeserklärung an den ORF

26. Juni 2003, 12:17
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Von einem, der der "Anstalt" über 34 Jahre in einer durchaus wechselvollen Beziehungsgeschichte verbunden war: Eine Dankesrede von Peter Huemer

Von einem, der der "Anstalt" über 34 Jahre in einer durchaus wechselvollen Beziehungsgeschichte verbunden war: Dokumentation der Dankesrede, die Peter Huemer am Mittwoch bei der Verleihung des Axel-Corti-Preises in Wien gehalten hat.

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Ehe ich der Jury für diesen Preis danke, der für mich schon deswegen eine besondere Ehre ist, weil er den Namen Axel Cortis trägt, möchte ich mich bei jener Institution bedanken, der ich viel von dem schulde, was mir in meinem Leben beruflich gelungen ist, nämlich dem ORF. 34 Jahre habe ich dort gearbeitet, nicht nur tagsüber, sondern auch viele Nächte durch in den elf Jahren des "Club 2".

Das klingt schrecklicher, als es war. Und zwar deswegen, weil ich meine Arbeit geliebt habe. Zuerst bei Alfred Payrleitner in der Dokumentationsabteilung des Fernsehens, dann mit Claus Gatterer im "teleobjektiv", dann mit Chefredakteur Kuno Knöbl und Intendant Franz Kreuzer im "Club 2" und schließlich beim Ö1-Chef Alfred Treiber mit meinen Gesprächen im Radio. Das waren für mich die wichtigsten Personen. (...)

Der ORF hat mir wundervolle Chancen geboten und dafür habe ich dieses Haus geliebt - auch dann, wenn ich dort gelegentlich mit Personen zu tun hatte, die ich verachtet habe. Und diese Liebe hat bis heute nicht nachgelassen. Ich weiß, Liebe zu einer Sendeanstalt klingt verschroben, aber es ist so. Daher auch mein Zorn, wenn der ORF von seinem Daseinsgrund, dem öffentlich-rechtlichen Auftrag, abrückt.

Ein kleines Beispiel, weil dies heute der Axel-Corti-Preis ist. Der ORF hatte sich entschlossen, zu Cortis 70. Geburtstag vor wenigen Wochen dessen grandiose Trilogie "Wohin und zurück" zu wiederholen. Sendebeginn der drei Folgen sollte etwa 22 Uhr sein. So weit, so gut. Doch dann hat offenbar jemand im ORF gemeint, das sei für Corti zu früh und hat eine Dreiviertelstunde "Weißblaue Geschichten", eine bayerische Unterhaltungssendung, dazwischengeschoben. Und das finde ich entschieden weniger gut.

Die vorangegangene Geschäftsführung des ORF ist von der Regierung abgeschafft und die neue eingesetzt worden mit der Begründung, dass diese das kulturelle und intellektuelle Niveau des ORF-Programms anheben möge. Ich bezweifle, dass damit die "Weißblauen Geschichten" gemeint waren und die Verschiebung von Corti in die Nacht.

Alarmsignal

Und noch etwas: Wenn es stimmt, was der gegenwärtige Chefredakteur des Fernsehens behauptet, nämlich: dass vonseiten der Regierung nicht mehr interveniert wird, dann halte ich das für zutiefst alarmierend. Denn es ist doch in einer Demokratie die natürlichste Sache der Welt, dass die Regierung ihre Position und Sichtweise in Radio und Fernsehen durchzusetzen versucht und dass sich die Anstalt nach Leibeskräften dagegen wehrt - jedenfalls sollte sie das. Beim "Club 2" zu meiner Zeit ist immer wieder interveniert worden und bei anderen Formaten auch.

Wenn nicht mehr interveniert wird, gibt es nur zwei mögliche Ursachen. Entweder ist ein überirdischer Zustand eingetreten, wie ihn im Diesseits noch keine öffentlich-rechtliche Anstalt je erreicht hat, nämlich: Die Mächtigen halten jede Intervention für aussichtslos und führen trotzdem keinen Krieg gegen das Unternehmen - oder sie sind mit der laufenden Abwicklung so zufrieden, dass sich jede Intervention erübrigt. Ich kann daher nur hoffen, dass nicht stimmt, was der gegenwärtige Chefredakteur des Fernsehens behauptet. Ich sage das aus Respekt vor den vielen hoch qualifizierten Kolleginnen und Kollegen, die im ORF ausgezeichnete Arbeit leisten und die es zuweilen nicht leicht haben.

Das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen ist das wundervollste audiovisuelle System der Welt und wer sagt, das sei altmodisch, überholt und den Anforderungen der Zeit nicht gewachsen, der oder die hat den Auftrag nicht begriffen. Deswegen ist für den ORF Österreich 1 von besonderer Bedeutung - unter anderem, weil es mit seinem Anspruch und seinem Niveau die Gebühren legitimiert. Daher hoffen wir alle, die diese Station lieben, dass die drohenden finanziellen Probleme von Österreich 1 in einem Stil gelöst werden, der der Bedeutung des Senders angemessen ist. Im Übrigen hat auch Axel Corti für Österreich 1 gearbeitet. Wir alle erinnern uns mit Respekt und Vergnügen an den "Schalldämpfer", und Sie haben sicherlich nicht vergessen, dass er auch den "Club 2" moderiert hat.

Es war nicht immer einfach mit ihm - Gott sei Dank, würde ich sagen, denn es waren seine besonderen Qualitätsansprüche, mit denen er uns ständig herausgefordert hat. Für den "Club 2" war die Mitarbeit Axel Cortis ein Glücksfall und ich selber war ihm sehr dankbar dafür.

Wenn ich von meiner Liebe zum ORF spreche, die nimmer aufhöret, dann will ich allerdings nicht verhehlen, dass diese geliebte Anstalt die Eigenheit hat, mich von Zeit zu Zeit abzuschaffen. Das war beim "Club 2" im Fernsehen nicht anders als bei "Im Gespräch" im Radio.

Es geht dann allerdings so aus, dass meine Abschaffung der betreffenden Sendung mehr schadet als mir selber, weil sich für mich immer interessante Arbeit findet. Ich ersuche Sie daher höflich, mich in keiner Weise als Opfer zu betrachten. Denn das wäre mir peinlich.

Dies ist der Axel-Corti-Preis. Vergessen wir nicht, dass Axel Cortis wundervolle Arbeit möglich geworden ist, weil Gerd Bacher in Österreich ein funktionierendes öffentlich-rechtliches System aufgebaut hat und weil Bacher diesen Auftrag ernst genommen hat. Ebendiese Gesinnung und Mut und Witz und Intelligenz wünsche ich dem ORF für die Zukunft ... (Beitrag leicht gekürzt; DER STANDARD; Printausgabe, 26.6.2003)

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    Peter Huemer

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