EU-Kommissarin will billigere Versicherungen für Frauen

27. Juni 2003, 11:04
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Gegen Diskriminierungen bei privaten Pensions-, Kranken- und auch Kfz-Versicherungen will EU-Sozialkommissarin Anna Diamantopoulou vorgehen

Brüssel/Wien - Diskriminierung in allen gesellschaftlichen Bereichen abschaffen - das ist das Ziel des jüngsten Richtlinienentwurfs von EU- Sozialkommissarin Anna Diamantopoulou. Doch das Dokument hat nicht nur sexistische Werbung und frauenfeindliche Klischees im Fernsehen im Visier: Große wirtschaftliche Folgen hätte die Richtlinie vor allem für Versicherer.

Sie müssten ihre Beiträge geschlechtsneutral kalkulieren. Frauen würden dann für ihre Pensions- und Krankheitsvorsorge erheblich weniger zahlen als bisher. Für die Kfz-Haftpflichtversicherung müssten sie aber mit Aufschlägen rechnen.

"Frauen zahlen höhere Beiträge zur Krankenversicherung. Da gibt es statistische Belege für eine Diskriminierung", verteidigt eine Diamantopoulou-Sprecherin die Pläne. Auch Pensionsbeiträge und steuerliche Regelungen müssten untersucht werden, betont sie.

Der Entwurf der Sozialkommissarin, über den derzeit innerhalb der Brüsseler Behörde beraten wird, würde Assekuranzen verbieten, das Geschlecht ihrer Versicherten als Kriterium für die Beitragsberechnung heranzuziehen.

In der Versicherungsmathematik spielen Geschlechterstatistiken allerdings eine große Rolle. So wird bei Pensionsversicherungen in Betracht gezogen, dass Frauen im Durchschnitt eine erheblich höhere Lebenserwartung haben als Männer - in Österreich zum Beispiel 81,2 Jahre gegenüber 75,4 Jahren: Frauen beziehen also länger Geld. Auch bei der Krankenversicherung zeigt sich, dass Frauen nicht nur wegen Schwangerschaft und Geburt durchschnittlich öfter Leistungen in Anspruch nehmen müssen.

Auf der anderen Seite genießen Autobesitzerinnen Rabatte, weil sie - rein statistisch gesehen - weniger und weniger unfallträchtig fahren.

Der Diamantopoulou-Entwurf für mehr Gleichberechtigung, der Schadenersatzpflichten bei Diskriminierungen und eine Beweislastumkehr zugunsten der Opfer vorsieht, würde zwar nicht nur Versicherungen treffen, sondern auch die Werbewirtschaft und Medienunternehmen. Doch der größte Widerstand formiert sich wegen der Folgen für die Assekuranzen.

Die Sozialkommissarin wurde daher nun zunächst einmal ausgebremst, denn bei den internen Konsultationen über Diamantopoulous Richtlinientext gab es starken Widerspruch in mehreren Generaldirektionen der EU-Kommission. Eine politische Entscheidung, wie es mit dem Entwurf weitergehen soll, wird nicht vor der Sommerpause fallen. Damit ist der 9. Juli als Termin, zu dem die 20 EU-Kommissare den Text hätten beschließen sollen, nichtig. Massive Bedenken gegen den Entwurf hatte schon Ende Mai der europäische Versichererverband CEA in einem Brief an die Sozialkommissarin angemeldet. Die Lobbyisten warnten vor einem "ungerechtfertigten Eingriff in die Vertragsfreiheit" und steigenden Versicherungsbeiträgen für Männer und Frauen.

"Attraktive Frauen"

In Österreich ist die Versicherungswirtschaft unisono gegen die Vorschläge der EU- Kommissarin. Günter Geyer, Chef der Wiener Städtischen meinte, auch die EU könne die Naturgesetze nicht außer Kraft setzen. "Frauen sind nicht nur attraktiver als Männer, sie leben auch länger. Daher müssen sie auch länger in eine Rentenversicherung einzahlen oder sie bekommen am Ende weniger ausbezahlt." Generali-Vorstand Ernst Schmid findet die Diskussion "originell", zumal die Sozialkommissarin in der EU für Versicherungen gar nicht zuständig sei. Außerdem könnten Unisex-Tarife nur Pflichtversicherungen machen. Bei Individualverträgen hingegen sei eine Gleichbehandlung - bei unterschiedlichem Risiko - unmöglich.

Günther Reisel, Chef des Raiffeisen Versicherungsmakler Dienstes (RVD), verglich für den Standard die Krankenzusatzversicherungstarife für eine 18-jährige Frau von Uniqa, Städtischer und Merkur: Bei der Uniqa zahlt das Mädchen um 70 Prozent mehr als ein gleichaltriger Mann, bei der Städtischen um 84 Prozent und bei der Merkur um 90 Prozent. Wenn das Risiko Schwangerschaft wegfällt, wird der Unterschied geringer. Bei Städtischer und Merkur zahlt eine Frau mit 46 Jahren gleich viel wie ein Mann. Allerdings nur dann, wenn sie zu diesem Zeitpunkt eine Versicherung neu abschließt.

Die längere Lebenserwartung von Frauen wird von der Statistik genau dokumentiert: Ein Mann, der 1970 geboren wurde, hat heute eine Lebenserwartung von 65 Jahren, die von Frauen liegt bei 73,4 Jahren. Interessant ist die Prognose für 2030. Ein zu diesem Zeitpunkt geborener Mann hat eine Lebenserwartung von 80 Jahren, die der Frauen liegt aber "nur mehr" bei 85,5 Jahren. Reisel führt diese Annäherung von Männern und Frauen bei der Lebenserwartung darauf zurück, dass immer mehr Frauen in Managerpositionen arbeiten und sich daher auch die Risiken an die der Männer angleichen. Übrigens: Laut Statistik hat ein dann 60-jähriger Mann eine Lebenserwartung von 103 Jahren. (Jörg Wojahn, Claudia Ruff, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 26.6.2003)

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    Anna Diamantopoulou: "Frauen zahlen höhere Beiträge zur Krankenversicherung. Da gibt es statistische Belege für eine Diskriminierung"
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