Nach Wimbledon ist vor Olympia

9. Juli 2012, 15:41

Keine drei Wochen nach dem siebenten Triumph von Roger Federer muss der Rasen wieder in perfektem Zustand sein

London/Wien - Mag sein, dass auch Eddie Seaward kurz eine Träne zerdrückt hat. Da stand der Schotte Andy Murray mit hängendem Kopf auf dem Centre Court und trauerte mit tränenerstickter Stimme seiner vergebenen Chance nach, der erste britische Wimbledonsieger seit Fred Perry vor 76 Jahren zu werden. Seaward freilich machte noch etwas anderes traurig: Grasnarben, Trampelspuren, braune Flecken entlang der beiden Grundlinien.

Seaward, 68 Jahre alt und seit 1990 Chefgärtner in Wimbledon, hat diesmal nicht wie üblich ein ganzes Jahr Zeit, um diese Makel gänzlich zum Verschwinden zu bringen. Von 27. Juli bis 12. August finden die Olympischen Spiele statt. Und die Athleten und Zuschauer sollen zumindest zu Beginn des Turniers ein nicht minder perfekt gepflegtes Grün an der Church Road vorfinden.

Nur einen Tag nach dem Rekordtriumph des 30-jährigen Schweizers Roger Federer ist in Wimbledon Ruhe eingekehrt. Seit heute, Dienstag, wird alles auf Olympia getrimmt - der Rasen zum Beispiel. Wie beim Grand-Slam-Turnier werden die Grashalme nicht länger als exakt acht Millimeter lang sein.

Was insofern eine Aufgabe ist, weil die Rasenflächen bei dem täglichen Mähgang nur um zwei Millimeter gestutzt werden dürfen. An den braunen Grundlinien werden vorgekeimte Kulturen eingesetzt. Rollrasen ist für Seaward ein No-Go: Säume könnten aufplatzen, Profis über Graskanten stolpern. Nach Olympia macht Seaward übrigens Schluss. Dann setzt er, der für seine Verdienste mit einem Orden geehrt wurde, seine Kenntnisse in Sachen Sähen, Wässern, Bürsten und Mähen höchstens für die Rasenpflege vor seinem eigenen Haus ein. "Das Einzige, das mich wirklich nervös machen kann", sagt Seaward, "ist Regen."

Davon ist in diesem Sommer in London noch sehr viel zu erwarten. Nach dem feuchtesten Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und einem bisher nicht minder miserablen Juli prognostizieren Meteorologen auch einen völlig verwässerten August. Einen Vorgeschmack bekamen Fans und Sportler in Großbritannien in den vergangenen Tagen: Neben Regenpausen und Verschiebungen in Wimbledon gab es rund um den Formel-1-GP in Silverstone vor allem am Freitag und Samstag ein Regenchaos.

Was die Freude von Federer auf die Spiele nicht mindert. "Es wird wohl einen Hype um mich geben", sagte der Schweizer, der seit Montag wieder an der Spitze der Weltrangliste steht. Federer, der 2008 in Peking mit Stanislas Wawrinka die Goldmedaille im Doppel holte, fehlt der Einzel-Triumph.

Bunt ist das neue Weiß

Ein bisschen unterscheidet sich der olympische Event vom traditionellen Grand-Slam-Turnier. Es wird nur auf zwei anstatt auf drei Gewinnsätze gespielt. Am Turnier nehmen nur halb so viele Athleten teil. Und die Spieler werden ermutigt, anstatt im obligatorischen Weiß in bunter Kleidung - etwa gemäß den Nationalfarben - anzutreten.

Schon vor Wimbledon wird sich Federer den nächsten Rekord gesichert haben. Weil die Tennis-Stars diese Woche pausieren, wird Federer der erste Spieler sein, der zumindest 287 Wochen an der Spitze der Weltrangliste steht. Über Federers Sieg in Wimbledon hat sich auch die karitative Organisation Oxfam gefreut. Nick Newlife hatte 2003 gewettet, dass der Schweizer siebenmal in Wimbledon gewinnen wird. Den Wettschein hat der 2009 verstorbene Brite Oxfam vermacht. Diese durfte jetzt 128.000 Euro in Empfang nehmen. "Das ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen wir lächeln, wenn wir zahlen müssen", sagte Rupert Adams, Sprecher von Wettanbieter William Hill. (krud, DER STANDARD, 10.7.2012)

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Olympia Pressekonferenz in London:
R. Federer: 500 Journalisten anwesend
N. Djokovic: 50 Journalisten anwesend

Noch Fragen?

Tennis vom Feinsten. Hier eine kleine Nachlese: http://www.youtube.com/watch?v=MqExjxCJr4Q

Die letzten 2 Punkte im 2. Satz gegen Murray! Der Hammer!

Danke Federer!

kann mich erinnern meine Tochter war gerade 2,5j. - 3j. da habe ich eifrig Tennis geschaut und selbstvestaendlich (!) zu Federer gehalten. Sie hat oft nach mir wiederholt..... "BLAVO FEDELEL". Sie kann mittlerweile "R" gut aussprechen aber ab & zu sage ich ihr "Blavo" beim Tennisspielen.... und sie lacht so herzig!!!
Danke Fedelel!

Federer oder Nadal als Lebenseinstellung?

Könnte etwa so eine Persönlichkeitsstruktur der Federer- bzw Nadal-Fans ausschauen?
Federer-Fans:
- lieben begnadete Genies eher als eifrige Arbeiter
- sind bereit unnötige Fehler zu akzeptieren, wenn dafür einzelne Zaubereien gebracht werden
- bewundern, wenn Leistungen unter außergewöhnlichen Rahmenbedingungen erbracht werden (zB einhändige Rückhand, kleiner Schlägerkopf)
- beziehen bei der Leistung auch das Umfeld ein (zB Familie, Kinder, Fremdsprachenkenntnisse)
Nadal-Fans:
- lieben die Kraftästhetik des Arbeiters eher als zierliche Striche
- fordern erbarmungslos konstante Leistung ohne unnötige Fehler
- gut ist, was dem Endergebnis nützt
- wenn das Endergebnis passt, ist es egal, ob derjenige noch andere Interessen hat
???

Hm, der letzte Punkt von Federer müsste ja korrekterweise bei Nadal stehen. Nadal lebt quasi mitten in seiner Großfamilie, Federer lebt abseits des Großteils seiner Familie in Dubai. Federer kann Englisch seit seiner Kindheit, er hat es also nicht für das "Tennisumfeld" erlernt wie aufgeführt. Nadal ist dafür wohl einer der ganz wenigen bedeutenden spanischen Tennisspieler der halbwegs fließend Englisch extra für den Sport erlernt hat.

Auch wenn Sie sich sicherlich bemüht haben,

in diesem Zusammenhang selten etwas Seichteres gelesen. Man könnte genauso blöd argumentieren, dass Nadal-Fans eher langweilige Buchhalter-Typen sind, weil er ein so grandios sicheres, verlässliches Topspin-Spiel hat. Federers Rückhand dagegen wäre dann etwas für Börsenzocker und Hasardeure, weil man bei jedem Versuch mit einem "mishit" rechnen muss. Oder einem Riesengewinn. Dieses Spiel könnte ich endlos lange fortsetzen ...

Das Argument mit dem Buchhalter/Börsenzocker ist gut - nur beweist es genau mein Argument.
Der Buchhalter weiß genau was er zu tun hat und bändigt mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln seine Aufgaben. Er wird einen leistungsfähigen Rechner dem leistungsschwachen Designermodell vorziehen, weil er einfach seine Rechnungen schnell lösen will (oder er wählt das Designermodell, weil er zeigen will, dass er eigentlich für Höheres geschaffen ist...).
Wie auch immer, die Rivalität zwischen Federer- und Nadal-Fans lässt sich sicher auch anders erklären, aber mit Sicherheit nicht allein auf der Tennisebene.

so einfach ist das nicht! :)

anders als im fußball, wo es auf der einen seite die kreativen künstler und auf der anderen seite der skala den wenig attraktiven ergebnisfußball gibt, kann ich im tennis beiden seiten was abgewinnen.

es ist lässig, dem eleganten künstler zuzusehen, der mit blitzsauberer, wunderschöner technik und leichtigkeit tennis zaubert.

genauso fasziniert mich aber auch der kämpfer, dessen shirt nach dem 2. game waschelnass ist, bei dem man die hingabe u leidenschaft sieht und hört, der die gegner mit seinen unglaublichen topspinpeitschen u winkelbällen systematisch über den platz scheucht, dessen beinarbeit eine augenweide ist (sidesteps beim rückhandumlaufen) usw. usf.

warum entweder/oder?

Die Frage ist nicht: katholisch oder buddhistisch,

sondern Atheist oder Gläubiger. Darum gibt es kein Sowohl-als auch!

PS: Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht Postings schreiben? Ihre Postings ausdrucken?

nein! deine ausdrucken und studieren! :)

Stimmt schon, beides ist faszinierend und beides kann man bewundern. Aber nur ein Beispiel: Wimbledon-Finale 2007 (glaub ich) - Federer und Nadal stehen am Netz fürs Foto; Federer trägt einen weißen Anzug mit langer Hose, Nadal ein ärmelloses Shirt und kurze Hose. Klar, man kann beides peinlich (den Anzug snobby und das Shirt prollig) finden, aber gemeinsam mit dem Spiel der beiden, trennen sich die Fangruppen recht schnell. Und nein, Federer-Fans sind ganausowenig Snobs wie Nadal-Fans Prolos sind.
Aber: Ob man zu Federer oder Nadal hält, sagt manchmal (nicht immer!) mehr über sich selbst aus, als einem lieb ist.

also ich fand beides cool und diesen gegensatz das coolste überhaupt.

wenn ich in meinem tennisclub jemanden sehen würde, der so wie damals nadal rumläuft, würd ich den kopf schütteln und ihn für den letzten prolo, aber irgendwie passt alles zusammen:

da, der elegante gentleman, mit langer weißer hose, handschuhen und dem schönen tennis, der fließend 3 sprachen spricht.

auf der anderen seite der tänzelnde, kämpferische, schwitzende, langhaarige rocky, mit mucki-shirt, dreiviertelhose und dem gebrochenem englisch!

herrlich! besser hätte es hollywood auch nicht inszenieren können.

diese ärmellosen prolo-t-shirts waren aber auch wirklich das letzte.

und als wir das dann auch noch als mannschafts-dress hatten... grauenhaft. was daran "gemütlicher" gewesen sein soll und vor allem was daran "besser" ausgeschaut haben soll als ein normales t-shirt, das hab ich mich schon immer gefragt...

aber geschmäcker sind eben anscheinend sehr verschieden

Sie spielen Tennis? :O

zu behaupten, dass federer kein eifriger arbeiter ist

ist schon sehr forsch.

ich kann mir gut vorstellen, dass keiner so viel arbeitet wie er.

ich kann mir vorstellen, dass nadal, federer und djokovic in etwa gleich hart arbeiten, möchte auch den dahinter liegenden die harte arbeit aber nicht absprechen.

federers spiel schaut am schönsten aus, keine frage - ich schaus mir unglaublich gerne an.

nadals spiel ist eben ganz anders, ich schau mir das aber auch unglaublich gern an.

einhändig schaut halt meistens schöner aus als beidhändig - deshalb schau ich auch haas unglaublich gerne zu.

aber ich würde mich als neutral einstufen, wenngleich ich nadal - trotz seiner nicht so guten englischkenntnisse (die mit dem tennis aber auch nix zu tun haben) schon sehr gerne gewinnen sehe.

in wimbledon hätte ich aber trotzdem zu federer gehalten, den nr.-1-rekord hat er sich einfach verdient.

Nette Überlegung ;)

Vielleicht noch eine kleine Änderung, wenn auch Federer unbestritten ein begnadetes Genie ist, so ist er dennoch auch ein unglaublich eifriger Arbeiter. Es wirkt bei ihm nicht so, aber gerade darum kann man davon ausgehen, dass da extrem viel Arbeit dahinter steckt!

Stimme ich zu. Aber es ist ja auch bei Künstern nicht anders, dass wir zB die Leichtigkeit eines gemalten Bildes bewundern, aber genau wissen, dass dahinter viel Arbeit steckt. Es ist eben auch eine Kunst, diese Arbeit nicht nach außen treten zu lassen.
Ich weiß es natürlich nicht, aber ich könnte mir trotzdem eher vorstellen, dass Toni seinen Rafa auch mal 200 Topspinvorhände in ein kleines Feld spielen lässt...und wenn er sich unter der mallorquinischen Sonne dabei ankotzt, dann gehört das eben dazu. Kann man sich das bei Federer vorstellen?
Wie gesagt: Just saying, no judging

im prinzip ist das hegels klassische ästhetik, in der schönheit als "schein absichtsloser zufälligkeit" bezeichnet wird. mit anderen worten: das kunstwerk ist nur dann schön, wenn es hoch konstruiert ist, aber das sollte man ihm bitte nicht (gleich) ansehen.
was federer anbelangt, ist es geradezu verblüffend, wie sehr er diesem ideal entspricht, denn alles wirkt bei ihm "mühelos" resp. "effortless". man vergleiche nur die gesichtsausdrücke zwischen nadal und RF mittels eines simplen google-experiments: einfach z.b. mal bildersuche "federer forehand" und danach "nadal forehand" eingeben und dann den gesichtsausdruck vergleichen.
und sorry, für das intellektuelle geschiss, aber federer ist eben auch mehr als tennis...

Hegel hat hier nichts zu suchen.

Was Sie meinen, ist der Schiller'sche Spieltrieb gepaart mit dem Kant'schen "absichtslosen Wohlgefallen" - als Exkurs vielleicht noch Huizingas "Homo ludens" ...

nein, ich meinte schon den guten alten hegel, das kleine kapitel über das "kunstschöne" in band 1 der ästhetik.
aber mit schiller bist du sicher auch am richtigen weg.
whatever, wir müssen genießen, solangen wir eine verkörperung dessen als anschauung haben. bow to the king, amen ;)

Jetzt wird es interessant, Hegel kommt ins Spiel! :D

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