Urlaute der Konvention

9. Juli 2012, 17:07
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Der US-Pianist Keith Jarrett im Trio beim Jazzfest Wien im Konzerthaus

Wien - Seit endlos vielen Jazzjahren sind Keith Jarretts Konzerte nicht einfach Konzerte. Sie kommen als Gottesdienste spontaner Improvisation daher, und dies rührt natürlich auch vom kapriziösen Gehabe des Künstlers her. Da werden Noten, besonders bei Soloabenden, nicht einfach gespielt. Sie scheinen in einem schmerzhaften Prozess von höheren Musenmächten empfangen zu werden. Was Wunder, dass Jarrett dabei Leidenslaute von sich gibt und es ihn, wie nun im Wiener Konzerthaus, ungern auf dem Klavierhocker hält.

Typisch Jarrett: Er vermittelt das Gefühl, mit dem ganzen Körper zu improvisieren; fast scheint es, als würde er am liebsten die Grenze zwischen Spieler und Instrument sprengen und selbst zum Klavier werden wollen. Da dieser Zugang keine Show darstellt, vielmehr Ausdruck eines von Jarrett als sehr heikel, ernst und fragil empfundenen Kreativprozesses ist, gilt bei Konzerten immer striktes Fotografierverbot, das bei Gesetzesübertretung mit sofortigem Konzertabbruch geahndet wird.

Im Konzerthaus war kein Abbruch nötig. Ohnedies spielt Jarrett präventiv nahezu mit dem Rücken zum Publikum, was zur Folge hatte, dass man den wackelnden Allerwertesten des Künstlers ständig vor sich sah. Es hält ihn ja, wie gesagt, nicht auf dem Hocker.

Solche Tänzchen waren und sind als Teil eines unterhaltsam-produktiven Gesamtkunstwerks natürlich hinzunehmen - wenn daraus subjektive, ausufernde und spontan neue Formen schaffende Momente hervorgehen.

Erforschte Standards

Nun jedoch, zumindest, was seine Trioarbeit mit Schlagzeuger Jack DeJohnette und Bassist Gary Peacock anbelangt, zeichnet sich eine ästhetische Wende in Richtung Klassizität ab. Hat Jarrett mit seinen Kollegen immer schon die gute alte Form des Jazzstandards erforscht, so tat er dies mit dem Ziel, diese Welt voller Klischees und Normen durch Dehnungen rhythmischer, harmonischer und formaler Art zu sprengen. Doch siehe da: Als würde ihn nun das Bedürfnis nach strikter Traditionsnacherzählung dominieren, setzt Jarrett Themen wie "Autumn Leaves" recht bieder um, ganz brav kommt auch bluesiges Material rüber. Und selbst bei Improvisationen ist ein Übermaß an bekannten Licks zu hören, die einen mitunter unfreiwillig komischen Kontrast zu dem ekstatischen Verrenkungen stehen.

Hier und da geht Jarrett zwar von einem Standard direkt in ein für ihn typisches Riff über und begibt sich in Bereiche modaler Improvisation. Auch hier allerdings kein wirklicher Ausbruch ins extrem Persönliche, eher hört man die Reproduktion bekannter Ausdrucksvaleurs. Und: Durch die etwas sehr gelassene und wenig interventionsfreudige Trio-Kollegenschaft wird der Eindruck des Konventionellen noch verdichtet.

So hört man staunend, wie es sich Jarrett im braven Mainstream gemütlich macht, hört ein nettes Konzert und einen Musiker, der, so er weiter brav an dieser Formstrenge festhält, zum Nachfolger von Oscar Peterson mutieren wird. Wäre nicht schlimm, Peterson war ein Großer. Aber überrascht darf man schon sein, dass ein Unangepasster nun mit solider Improvisationsware den historischen Rückwärtsgang einlegt. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 10.7.2012)

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    Pianist Keith Jarrett im Raum der Klassizität. 

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