"Charme - ich weiß gar nicht, was das ist"

Interview9. Juli 2012, 17:02
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Der langjährige Intendant der Mörbischer Seefestspiele, Harald Serafin, verabschiedet sich am Donnerstag mit einer Inszenierung der "Fledermaus"

Daniel Ender befragte ihn über Geheimnisse der Operette.

STANDARD: Nach 20 Jahren Intendanz verlassen Sie die Seefestspiele Mörbisch. Unvermeidlich ist daher die Frage, wie es Ihnen geht.

Harald Serafin: Ich gehe mit Stolz und ohne Wehmut. Die 20 Jahre habe ich genützt und empfinde sie als wirklich erfüllt. Ich hatte von Anfang an genaue Vorstellungen, was ich aus Mörbisch machen wollte - und das ist auf diesem einzigartigen Fleckchen Erde wunderbar gelungen. Vergessen Sie nicht, dass dort vor mir Defizite geschrieben wurden. Mit meiner Nachfolgerin Dagmar Schellenberger habe ich einen Deal, dass sie sich noch zurückhält.

STANDARD: Die ganzen zwei Jahrzehnte lang waren Sie als Person omnipräsent. Gab es Momente, wo Ihnen das alles zu viel wurde?

Serafin: Mir war von Anfang an klar, dass man die Festspiele PR-mäßig auf eine Person zuschneiden musste. Natürlich hatte ich das Glück, dass ich schon bekannt und auch ein bisschen beliebt war. Manchmal hätte es schon zu viel werden können, aber ich habe herausbekommen, wie viel man von sich preisgeben darf - auch von den Emotionen. Man sagt auch, ich habe Charme, obwohl ich gar nicht weiß, was das ist. Aber ich habe es gern, wenn das Publikum mich anfasst - ich brauche körperlichen Kontakt.

STANDARD: Mörbisch ist ein Synonym für eine bestimmte Sichtweise auf die Operette ...

Serafin: So, welche denn?

STANDARD: Dem Klischee nach gilt es als ein Ort, wo die Operettenwelt noch in Ordnung ist, man Stücke noch "unverfälscht" sehen kann, wo man sich in der Unterhaltung nicht gestört zu fühlen braucht.

Serafin: Schauen Sie, es gibt hier keine andere Möglichkeit, als die Stücke in Breitwandform für das Durchschnittspublikum zu spielen, nicht für die Intellektuellen und nicht für die Kritiker. Frau Müller oder Herr Meier kommen nur einmal im Jahr zu uns. Deshalb hat Mörbisch immer nur diese eine Chance. Wenn man die verscheißt, kommen die nie mehr.

STANDARD: Dennoch, es gab auch Fälle, wo sich manche provoziert gefühlt haben. Als Helmuth Lohner, der heuer die "Fledermaus" inszeniert, sich 2002 in der "Csárdásfürstin" über die katholische Kirche lustig machte, gingen die Wogen ziemlich hoch.

Serafin: Aber ich bitte Sie, das war doch keine Provokation! Das waren doch nur ein paar FPÖ-Leute, die das so aufgeheizt haben. Daran war nichts skandalös, es war bloß süffisant und humoristisch, und das Stück wurde überhaupt nicht gestört. Die Operette braucht solche kleine Lichter der jetzigen Zeit. Das ist wichtig, sonst würden die Leute bei all den Melodien einschlafen, und das Stück wäre tot. Jede Inszenierung braucht solche Momente, die die Menschen aktivieren. Aber sie braucht auch die Glücksmomente, auch wenn es nur ein erlogenes Glück ist. So wie der Marcel Prawy immer gesagt hat: Die Menschen brauchen auch etwas zum Weinen.

STANDARD: Worüber weint man denn bei der Operette?

Serafin: Da gibt es einen ganz einfachen Trick: Man muss darauf achten, dass neben dem Lustigen immer auch etwas zutiefst Ernstes vorkommt. Die Menschen weinen vor Glück, oder sie weinen, weil sie so etwas Ähnliches schon selbst erlebt haben. Erst wer einmal wirklich gelitten hat, kann sich damit identifizieren: Operette beginnt erst dann zu interessieren, wenn es bereits Krisen gegeben hat - persönliche, existenzielle Krisen, nicht das, von dem jetzt die ganze Zeit geredet wird.

STANDARD: Wann haben denn Sie Ihre erste Krise erlebt?

Serafin: Ich kann mich noch ganz genau erinnern, wie ich fünf oder sechs war und grenzenlos verliebt in die Tochter unserer Nachbarn. Das war vollkommen lächerlich, aber ich habe so schrecklich gelitten. Diese Erinnerung an die Erika werde ich nie vergessen. Aber es ist wichtig, das man solche Phasen durchsteht, damit man Farbpunkte seines Lebens entwickelt.

STANDARD: Gibt es offene Wünsche aus den letzten zwei Jahrzehnten?

Serafin: Ja, vor allem etwas: Nachdem ich Juror bei den "Dancing Stars" war, hatte ich geglaubt, ich hätte die Jungen in der Tasche. Das stimmt leider nicht, denn sie kommen nach Mörbisch, um den Mister Wunderbar zu sehen, und nicht wegen der Operette. Jugend lässt sich nicht zwingen - das ist ein hormonelles Problem. (Daniel Ender, DER STANDARD, 10.7.2012)

Harald Serafin (80) war einer der großen Operettenstars seiner Generation. Nach einer Stimmbandoperation musste er das Singen für längere Zeit aufgeben; seit 1992 leitet er die Seefestspiele Mörbisch, die er nach dem diesjährigen Sommer verlässt.

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    Harald Serafin nimmt den Hut - als Gefängnisdirektor in "Die Fledermaus" auf der Seebühne in Mörbisch.

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