Schauspieler Ernest Borgnine gestorben

9. Juli 2012, 17:00

Sympathisches Knautschgesicht und grober Fiesling: US-Star Ernest Borgnine prägte sechs Jahrzehnte lang das Hollywood-Kino mit

Am Sonntag ist der Letzte des "Wild Bunch" 95-jährig gestorben.

Los Angeles / Wien - Sein erstes Casting absolvierte Ernest Borgnine Anfang der 1950er-Jahre bei Robert Siodmak. Er war der letzte von über 700 Schauspielern, als er nach zweieinhalb Stunden - die er zeitweise in einer Kirche verbracht hatte - endlich aufgerufen wurde. Siodmak, der aus Deutschland nach Hollywood emigrierte Filmemacher, sagte zu dem bulligen Italoamerikaner, er solle nur ein einziges Wort sagen. Borgnine wusste in der Aufregung nicht, welches. "Just say ,Shit' and smile." - Siodmak war Borgnines Lächeln schon aufgefallen.

Dieses Lächeln konnte ein ungewöhnliches breites, in seinen groben Zügen leicht einschüchterndes Gesicht blitzschnell in eine Grimasse von Frohsinn und guter Laune verwandeln. Die Wurzeln von Ernest Borgnines Karriere, die sich über sagenhafte sechs Jahrzehnte erstreckte, liegen in diesem Ausdruck: Man vergisst ihn nicht, wenn man ihn einmal gesehen hat. Die markante Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen, die gedrungene Figur des Schauspielers, die ihre körperliche Wirkung nicht verfehlt - sie werden durch dieses Charakterknautschgesicht noch überstrahlt.

Dennoch wurde Borgnine, der 1917 als Effron Borgnino in Hartford, Connecticut, geboren wurde und seine ersten Kindheitsjahre in Italien verbrachte, zunächst ein Fall von Typecasting. Nach ein paar kleineren Rollen - darunter in Siodmaks The Whistle at Eaton Falls - machte ihn die Rolle des Sgt. "Fatso" Judson in Fred Zinnemanns Kriegsdrama From Here to Eternity (Verdammt in alle Ewigkeit) berühmt: ein Rüpel von einem Vorgesetzten, der den A-Star, einen von Frank Sinatra verkörperten Soldaten, mit dem Messer bedroht. Borgnine, der selbst bei der Navy im Pazifik gekämpft hatte, meinte stets, der Part sei ihm leichtgefallen, weil er einige reale Vorbilder dafür kannte.

Rolle, die Weichen stellte

Verschlagene, aufbrausende Typen verkörperte Borgnine auch im Western, einem Genre, dem er lebenslang verbunden blieb: Als "halb Pferd, halb Alligator" bezeichnet er sich in Bad Day at Black Rock, auch in den Klassikern Johnny Guitar und Vera Cruz war er keiner der Guten. Doch ein Film veränderte Borgnines Profil und Karriere schlagartig: In Marty spielte er einen Fleischhauer aus der Bronx, der sich in eine ähnlich durchschnittliche Schullehrerin (Betsy Blair) verliebt. Es war Borgnines erste Rolle, mit der er hinter der rauen Physis eine zarte Seite durchscheinen ließ; prompt wurde er dafür nicht nur mit dem Oscar, sondern auch als bester Darsteller in Cannes ausgezeichnet.

Bornigne, der in Hartford Schauspiel studiert und am Broadway gespielt hatte, standen nun viele Türen in Hollywood offen. Unermüdlich wechselte er die Register und wirkte neben Kirk Douglas in The Vikings, trainierte Tony Curtis in The Square Jungle oder mimte einen Liedermacher im Musical The Best Things in Life Are Free. Am populärsten wurde er jedoch durch einen komisch draufgängerischen Zweiter-Weltkriegs-Lieutenant in der TV-Serie McHales' Navy, die bis 1965 lief.

Den Typus des "heavy", des bärbeißigen Schurken, wurde Borgnine dennoch nie los. Zwei besonders einprägsame physische Parts verkörperte er in den 1960er-Jahren in Robert Aldrichs Kriegsdrama The Dirty Dozen (Das dreckige Dutzend) und in Sam Peckinpahs gewaltigem Westernendspiel The Wild Bunch. Und als einer der letzten Überlebenden dieser Generation harter Kerle wurde er auch noch später von Klassizisten wie John Carpenter (Escape from New York) besetzt. In den Action-dominierten 80er-Jahren gelang Borgnine mit der TV-Serie Airwolf auch Anschluss an eine neue Ära.

Aktiv blieb der Freimaurer, der insgesamt fünfmal verheiratet war, bis ins hohe Alter. Einer seiner späten Engagements war die Synchronstimme des Mermaid Man in SpongeBob. Am Sonntag ist Ernest Borgnine im Alter von 95 Jahren in L. A. an einem Nierenversagen gestorben. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 10.7.2012)

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    Ein sadistischer Zugführer, der keine blinden Passagiere toleriert: Ernest Borgnine geht in Robert Aldrichs "Emperor of the North" Lee Marvin an die Gurgel.

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