Wenn Menschen das Gesicht verlieren

Interview | Sophie Niedenzu
19. September 2012, 13:52
  • Stefanie Jasper: "Betroffene ohne Depressionen oder andere psychische Belastungen sind oft jene, die eine starke soziale Unterstützung haben."
    foto: medizinische hochschule hannover/kaiser

    Stefanie Jasper: "Betroffene ohne Depressionen oder andere psychische Belastungen sind oft jene, die eine starke soziale Unterstützung haben."

Psychologin Stefanie Jasper über Menschen mit Verbrennungen und wie sie die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen

Die Umgebung reagiert auf Menschen mit Gesichtsverletzungen verunsichert, die Patienten selbst brauchen oft lange, bis sie sich mit dem veränderten Äußeren auseinandersetzen. Je schneller die Betroffenen die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen, desto seltener werden sie chronisch depressiv, sagt Stefanie Jasper, psychologische Betreuerin am Schwerbrandverletztenzentrum der Medizinischen Hochschule Hannover.

derStandard.at: Wie reagieren Patienten im ersten Moment auf ihre Entstellungen?

Jasper: Auf der Intensivstation gibt es keine Spiegel, daher wird die optische Veränderung, etwa nach einem Brandunfall, erst an der Reaktion der Besucher klar, die im ersten Moment häufig erschrecken oder zurückweichen. Manche Patienten fragen dann nach einem Spiegel, viele aber brauchen länger, bis sie sich mit ihrem veränderten Äußeren auseinandersetzen.

Das ist ein Selbstschutz, weil das Gehirn durch das erlebte Trauma zunächst mit der Situation überfordert ist und daher versucht, alles zu vermeiden, was damit zusammenhängt. Dieser Schutz wird dann schrittweise mit psychologischer Hilfe abgebaut. Das ist oft ein langer Weg, weil die Vermeidung als entlastend erlebt wird und beruhigend ist.

derStandard.at: Wie werden Patienten auf die Reaktionen in der Öffentlichkeit vorbereitet? 

Jasper: Wir üben mit Rollenspielen. Es wird beispielsweise nachgestellt, wie ein Patient darauf reagiert, wenn er angestarrt wird. Möchte er die Person dann direkt ansprechen? Möchte er offen über sein Aussehen reden oder nicht? Die Öffentlichkeit reagiert ja zunächst immer irritiert auf einen entstellten Körper. Daher muss der Patient lernen, trotz sichtbarer Verletzungen selbstbewusst zu bleiben und die Situation im Griff zu haben.

derStandard.at: Inwieweit lernen Patienten mit Gesichtsverletzungen, anders zu kommunizieren?

Jasper: Wir neigen alle dazu, das Gesagte mit Mimiken zu unterstreichen. Das können entstellte Personen oft nicht mehr. Die komplette Mimik steht ja nicht mehr als Kommunikationsmittel zur Verfügung. Die Patienten müssen verstehen, warum Mitmenschen ihre Mimiken im Gespräch nicht richtig deuten können.

Weil die Umgebung so verunsichert reagiert, sind die Patienten meist sehr zurückhaltend und selbst verunsichert. Sie müssen lernen, sich klar verbal auszudrücken, weil die nonverbale Kommunikation mit anderen gestört ist. Außerdem sollte in der Umgebung der Patienten ein Bewusstsein für die veränderte Kommunikation geschaffen werden. Wir beziehen daher oft die Angehörigen in die Therapie mit ein.

derStandard.at: Wie ändert sich bei entstellten Menschen das Gefühl für den eigenen Körper?

Jasper: Neben den chronischen Schmerzen haben die Patienten mit Entstellungen eine stärkere Hautspannung. Sie werden so häufig mit ihrem Körper konfrontiert und entwickeln teilweise ein sehr negatives Körperbild. Um ein ausbalanciertes Körpergefühl zu bekommen, helfen etwa Entspannungsübungen. Außerdem ist es wichtig, dass sie lernen, mit sich selbst umzugehen. Dazu gehört auch, die Narben am Körper selbst zu pflegen. Patienten scheuen sich oft, ihren eigenen Körper zu berühren und sich so mit den Veränderungen aktiv auseinanderzusetzen.

derStandard.at: Sind Depressionen eine häufige Begleiterkrankung?

Jasper: Die Literatur ist sich da nicht einig. Viele Forscher sagen, dass die Depressionsraten kurz nach dem Trauma gering sind und die Belastung nach der Entlassung aus der Klinik beginnt. Dann nämlich müssen sich die Patienten mit den Reaktionen des sozialen Umfelds auseinandersetzen. Andere sagen, dass die Patienten anfangs depressive Symptome zeigen, sich aber im Laufe des stationären Aufenthalts bereits erholen.

Das liegt an der Selbstheilungskraft der Patienten: Nicht alle, die einen schweren Unfall oder eine Erkrankung mit anschließenden Entstellungen erlebt haben, werden auch chronisch psychisch krank. Und einige Forscher sind der Meinung, dass Depressionen bei Entstellten nicht häufiger vorkommen als in der allgemeinen Bevölkerung. Wichtig ist aber, dass man die Symptome frühzeitig erkennt, um psychische Langzeitfolgen zu verhindern.

derStandard.at: Was kann die Patienten davor schützen, depressiv zu werden?

Jasper: Betroffene ohne Depressionen oder andere psychische Belastungen sind oft jene, die eine starke soziale Unterstützung haben. Da wird auch sehr offen über die äußere Veränderung und die Belastungen gesprochen. Hilfreich ist es außerdem, wenn Patienten schnell ihre sogenannte Selbstwirksamkeit zurückbekommen, wenn sie also schnell wieder die Kontrolle über ihren Körper und den Alltag haben - etwa ohne Hilfe des Pflegepersonals aufzustehen und alleine Zähne putzen zu können. Das ist für die Prognose gut. (Sophie Niedenzu, derStandard.at, 19.9.2012)

Stefanie Jasper ist klinisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Seit 2008 arbeitet sie als psychologische Betreuerin am dortigen Schwerbrandverletztenzentrum und der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind akute Traumatisierungen, Verbrennungsmedizin und chronische Schmerzen.

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6 Postings
rein vom gefühl her

bemerke ich in der gesellschaft einen enormen druck auf die menschen bestimmten kriterien zu entsprechen, die weit über jede gesetzliche normen hinausgehen.

aus meiner perspektive ist die jugend so angepasst und eingeengt wie noch nie. die folge: eine gruppe von kaputten jugendlichen die den umfassender gewordenen contest noch mitmachen können und eine immer größer werdende gruppe von kaputten jugendlichen die verlieren.

ich denke künftig werden sich menschen die ihr gesicht verloren haben noch viel schwerer tun (wie auch alle anderen die irgendwie "anders" sind) denn echte akzeptanz des "anderen" ist praktisch immer ein lippenbekenntnis.

paradoxerweise gehört diese nicht gelebte aber oft kommunizierte toleranz strikt zur norm dazu!

Kurzfristig kann ich mir das schon vorstellen, es entspricht auch meinem Eindruck, aber über längere Zeit...?

Ich meine, ich als kurzsichtiger Spastiker wäre in der römischen Antike gleich mal umgebracht worden, im Mittelalter vielleicht etwas später, und noch bis weit über die Mitte des 20. Jhdts. sind viele körperlich behinderte Menschen klammheimlich in irgendwelchen Sonderanstalten verschwunden. Da ist mir der psychische Konformitätsdruck doch irgendwie lieber...

Ich bezweifle ehrlich gesagt, dass das ein Phänomen unserer Zeit ist..
Ich hab jetzt keine anderen Erfahrungswerte und auf heutzutage trifft das, was sie schreiben, alles zu - aber ich glaube nicht, dass das vor 50, 100 oder 150 Jahren anders war. Ich glaube der größte Unterschied ist nur, dass wir heutzutage neben dem Gewand und Kleidung auch viel mehr an unserem Körper "arbeiten" können(durch OP's, aber auch durch wissenschaftlich-erarbeitete Trainingspläne usw) und sich diese Kriterien dadurch noch mehr universalisieren...
Grundsätzlich glaub ich aber hat "der andere" bzw. jemand, dessen Aussehen nicht der Norm entspricht, den Menschen schon immer Angst gemacht (oder zu deren Amusement gedient wie zB manche Zirkussschausteller)

Aus eigener...

...Beobachtung scheint es mir schon so, als ob in den letzten Jahren der Druck zu perfektem Äusseren grösser geworden ist. Manager ab einem gewissen Entscheidungslevel werden zu Zahnkorrekturen gedrängt, in Werbeagenturen werden ohnedies nur mehr Role Models beschäftigt, dauerfit, sonnengebräunt und stets bester Laune.

Mein Beobachtungszeitraum liegt etwa bei 20 Jahren, hier meine ich schon beobachtet zu haben, dass der Anspruch (und vor allem der Druck, diesen Anspruch zu erfüllen) gestiegen ist.

Ich denke das ist eher eine persönliche Wahrnehmung - vor 20 Jahren hat es ebenfalls latente vorgaben gegeben. Schwarze bzw. generell "ausländisch aussehende" hätten keine chance gehabt auf einen guten job (wäre jetzt zumindest besser). Frauen in führungspositionen vor 20 Jahren? jetzt sind es eben andere äußerlichkeiten aber wohl bei weitem weniger fälle (was sie beschreiben ist denke ich nicht die norm oder wirklich ein auswahlkriterium). ich kenne z.b. sehr wenige top manager die (nach heutigen maßstäben) gut aussehen. eher im gegenteil ;)

parallel dazu wird aber die gesellschaft durch die umfassenden kommunikationsmöglichkeiten immer aufgeklärter, wissen wird breiter zugängig, was mich positiv stimmt, dass sich ihre annahme früher oder später umkehrt.

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