Die kroatische Insel Mljet

Längst vergessene optische und kulinarische Reize, Orte mit Geschichte, Maulbeeren und manchmal ein Gläschen selbsgebrannten Schnaps

Adriablaue Aussicht, und außerdem ein Himmel, der hält, was das Meer verspricht. All das erwartet Klippenspringer im Westen der süddalmatischen Insel Mljet. Und nicht zu vergessen das blassrote Zeichen von Zivilisation. Denn irgendjemand hat irgendwann einmal die wackeligen Buchstaben "Kings Chair" auf den Kalkstein der Steilküste gepinselt. Und tatsächlich: Wind und Meer haben die Sache im Laufe der Jahrtausende recht ergonomisch eingerichtet. Angenehm kühl schmiegen sich die glatten, kommoden Steinflächen gegen den plötzlich doch ganz entspannten Rücken. Ein schmaler Felsvorsprung verschafft genau so viel Schatten, wie die nackte Schulter braucht. Von Zeit zu Zeit sprüht ein bisschen Gischt bis zum Knie - und irgendwann springt man ihr einfach hinterher.

Da mag der durch Erosion entstandene Steinthron, der an den König von Ithaka erinnert, noch so stark sein. Die Sache mit Kalypso ist stärker. Dabei zeigt sich die sogenannte Odisejeva spilja, Mljets Odysseus-Grotte, zunächst nur als dunkler, schwarzer Spalt im kalkweiß schimmernden Karst.

Am besten man untersucht ihn frei nach Homer, treibt vom Meer her auf ihn zu. Ein paar Tempi reichen dazu aus, besonders gefährlich sieht die Ritze aus Schwimmerperspektive betrachtet nicht aus. Ist sie auch nicht. Aber voll von starker Wirkung: Da wäre der Kragen aus frisch geschlagenem Meeresschaum, mit dem man die nächsten Züge weiterkrault. Dann der Felstunnel selbst, der schließlich doch recht bedrohlich nach unten drückt.

Sexsklave für sieben Wochen

Wer jetzt zurückblickt, der sieht sich von Blaulicht umzingelt. Keine Angst. Es ist das Schimmern des vom Sonnenlicht gefluteten Grottengrunds. Beim Blick nach vorn indes hat man die kleine Badehosenodyssee schon fast hinter sich: Eine riesige Meeresgrotte tut sich auf, 20 Meter hoch, mit kleinem Strand und mit steilem Hinterausgang Richtung Inselkarst. Leider ohne Nymphe Kalypso. Dafür aber, der Sommer hat eben begonnen, auch ohne Reisegruppe.

Sieben lange Jahre als Sexsklave auf Mljet, zumindest aber zwei Wochen Halbpension mit Balkon und Ziegenkäse zum Frühstück. Fast genau so steht es in Homers Odyssee, und dann natürlich auch im Tourismusprospekt. Man tut gut daran, die Seite nicht zu überblättern. Man tut noch besser daran, sich hierher zu verirren: Denn die Insel nördlich von Dubrovnik, knapp vierzig Kilometer lang und so schmal wie ein Baguette, ist nicht nur die grünste und vielleicht unberührteste der Region, sondern definitiv auch eine kleine Odyssee wert.

Es gab allerdings eine Zeit, irgendwann zwischen der nebulosen Irrfahrt und der gerade neu angebrochenen Sommersaison, da wurden massenweise Sträflinge hier hergebracht, weil die von vielen Sandottern frequentierte Insel als ausreichend ungemütlich galt. Später kamen noch indische Mungos, die sich heute, nachdem sie unter den Giftschlangen ziemlich aufgeräumt haben, vor allem von den Mljeter Singvögeln ernähren.

Vom Open-Air-Gefängnis ...

Trotzdem wurde ein Teil der Insel bereits 1960 zu einem der acht Nationalparks Kroatiens ernannt. In weiterer Folge erklärte man die dichtbewaldete Insel zum Wander- und Radlerparadies. Allein, vor dem Tritt in die Pedale steht noch die Flucht aus der Kalypso-Höhle am Programm. Der fußläufige Weg führt aus einem großen Karstloch, dem einzigen landseitigen Zugang, hinaus. Dann geht es weiter durch duftende Macchia und gelb blühende Ginsterwolken, die hier eine recht unwegsame, steil verlaufende Küste überziehen. Wer sich jetzt die Badelatschen vertreten oder gar noch etwas länger wandern möchte, der hat in jedem Fall einen Volltreffer gelandet.

Die bunten Radfahrerschwärme, die Mljet als Lieblingsziel kombinierter Schiffsradwanderreisen ausgemacht haben, strampeln weiter oberhalb vorbei. Sie peilen den im Norden der Insel gelegenen Nationalpark an. So haben die für diese Insel typischen Steinmäuerchen, die die Weinstöcke und knorrigen Olivenbäume vom hochgeschossenen Fenchel und vom blaugrünen Leuchten des Kohls separieren, noch immer die Ruhe weg.

Gelegentlich rollen alte 6er-Renaults mit dichten Heuperücken zwischen Ziegenställen und Feldern hin und her - bevor sie eines Tages schließlich ohne Luft in den Reifen dauerparken, weil sich die heißen Blechdächer und Kühlerhauben als perfekte Trockner für den frischen Grasschnitt erweisen.

Alte Steinbuckel und Granatäpfel

Blickt man eine Karstetage höher, taucht hinter so viel Weingarten-Folklorismus der dazugehörige Hauptort auf: Es ist Babino Polje, was wörtlich übersetzt so viel heißt wie "Großmütterchens Feld". Die Alte, die ihren Besitz so lange vermehren konnte, bis eines Tages der ganze Ort nach ihr benannt wurde, könnte heute gleich weiter zukaufen: Das langgestreckte Dorf in der Mitte der Insel hat nämlich schon bessere Tage gesehen.

Daran konnten auch die Umfahrungsstraße, die die eng aneinandergerückten Häuser seit einigen Jahren entlastet, und die neu errichtete Schule nichts ändern. Granatapfelbäume halten hier wacker den Posten. Sie führen zu ein paar umliegenden Kapellen, die weit mehr als tausend Jahre auf dem Steinbuckel haben.

Babino Polje, das mit dramatischem Bevölkerungsschwund zu kämpfen hat, aber auch mit dem Luxus der Langeweile, badet nicht zufällig auf erhöhter Lage im nachmittäglichen Westlicht. Daran erinnert der kleine Ort Okuklje weiter im Süden, der sich zur Blütezeit des prosperierenden Stadtstaates Dubrovnik das Privileg der Lage am Meere leistete - und prompt so lange von Piraten heimgesucht wurde, bis 1669 das endgültige Aus kam. Heute leidet das Dorf unter der Liebe zum Neubau.

Jeder Ort auf Mljet hat seine Geschichten - und in der Regel auch die Ruhe, sie in Würde zu erzählen. Im Idealfall bekommt man ein paar Maulbeeren in die Hände gedrückt. Und vielleicht auch noch ein oder zwei Gläschen hausgebrannten Lozovaca-Schnapses.

Eine Tälermulde weiter liegt Prozura, dessen alter Wehrturm seit Jahrhunderten gegen die Wurzeln der vielen Feigen anzukämpfen hat. Die wenigen Bewohner des Ortes schreiten wie im Bilderbuch über rote Mohnblütenteppiche zum Hühnerstall. Auch die archaischen Wein- und Olivenpressen sind noch immer in Betrieb - zumindest dann, wenn die Söhne im Spätsommer aus Split oder Dubrovnik für ein paar Tage nach Hause kommen.

... zum kulinarischen Paradies

Ein paar Serpentinen weiter übt Korita die Grätsche zwischen Verfall und Neubeginn: Eine Renaissancekirche und Überreste römischer Mauern finden sich hier. Aber auch Kräuter, von denen Adrian Stermasi, der ein paar Kilometer weiter in Saplunara das vielleicht beste Restaurant der Insel betreibt, ins Schwärmen gerät. Handgemachte Pasta, die Liebe zur kleinen Ziegenzucht, und rundherum duftende Lorbeerküstenwälder - man ahnt schnell, wo der Geschmack seiner weitgerühmten Ziegen-Peka wohnt.

Im äußersten Norden der Insel, wo offizielle Spazierwege durch den ebenso offiziellen Nationalpark führen, ist es mit der Ruhe dahin. Malerisch liegt inmitten der Lagune die Klosterinsel Sv. Marija. Es ist das wichtigste und berühmteste Postkartensujet der Insel. Der Weg vom Parkplatz hinunter zum Bootsableger ist touristisch belebt. Der einstige Fußballplatz wird schon lange nicht mehr genutzt. Die Spielfläche ist von Gras überwuchert.

Freundlich entschuldigt sich die Dame von der Nationalparkverwaltung für das defekte Ausflugsboot zur Klosterinsel. Es hätte einem nichts Besseres passieren können. Der ausgedehnte Spaziergang um die zwei mit dem Meer verbundenen Salzwasserseen ist Ausgleich genug. Mächtige Aleppokiefern und Pinien säumen den Weg. Türkisgrünes Wasser, keine Wellen, und das alles sogar noch um ganze zwei Grad wärmer als draußen vor der Grotte des Odysseus. Vielleicht badet Kalypso ja auch hier. (Robert Haidinger, Album, DER STANDARD, 7.7.2012)

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