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Wien - Notenfaule Gelassenheit - wie man sie bei John Scofield findet - hat wohl etwas mit dem Zutrauen zu den eigenen Ideenkräften zu tun. Der US-Gitarrist beweist es jedenfalls seit Jahren: Mit einer elegant-deftigen Note kann er einen rhetorischen Überzeugungscharme entfalten, zu dem Kollegen auch mit tausend Noten pro Sekunde nicht imstande wären. Und diese Note - man hat es nun beim Jazzfest im akustisch heiklen Arkadenhof des Rathauses erahnen können - lebt vom eleganten Timing; es ist jedoch auch der Sound als solcher, dem immer etwas von dreckig-bluesiger Gequältheit innewohnt, der für spezielle Reize sorgt.
Von großer Gelassenheit zeugt natürlich auch die Besetzung: In Scofields Quartett ist nämlich auch Platz für einen Saitenkollegen, der auch schon lange und zu Recht kein Unbekannter ist. Kurt Rosenwinkel hat nicht nur einen helleren, weicheren Ton als Scofield. Er verfügt auch über einen flüssigeren Stil als der Gastgeber, was bei einem eher traditionellen Jazzkonzept, das sich in alten, bisweilen swingenden Jazzformen entfaltet, mitunter sogar einen Vorteil bedeutet.
Rosenwinkel ist in die Bebopschule gegangen und hat auch die Swingstilistik, die dem Bop vorausging, gut verinnerlicht, was in seinen Soli zu quirligen Linien führt, die, oberflächlich betrachtet, Scofield blass aussehen lassen. In puncto markante Aussage ist jedoch der Gastgeber immer noch Punkte vorne. Besonders wenn es bluesig wird. Hier ist Scofield, der diesmal die funkige Seite seiner Kunst ausklammerte, jener umwerfende Minimalist des kontrollierten Pathos.
Tags zuvor, in der Wiener Staatsoper, war von Pathoskontrolle nichts zu spüren. Singer/Songwriter Rufus Wainwright erhob seine einnehmend engelhafte Stimme, in der Erinnerungen an Billy Joel und Roy Orbison verschmelzen, passend opernverliebt und also prall gefüllt mit einer Überdosis Emotion.
Im Prinzip eine schöne Sache. Das Problem: Eine Menge der Songs dieses Abend waren solide Meterware und konnten mit dem vokalen Ausdruck substanzmäßig nicht mithalten. So produziert schon der Opener Candles, ganz im Dunklen dargeboten, eigentlich das Gefühl von Überlänge, das sich dann noch eine Weile nicht verabschieden wollte.
Es wurde besser, und immerhin: Der Titelsong der neuen CD, Out Of The Game, hat jenes gewisse Etwas, das nur wirkliche Komponierkönner zuwege bringen. Und natürlich auch Bitter Tears, mit dem das offizielle Programm endete und bei dem es gleich viel Begeisterung gab, wie bei Wainwrights Bemerkung, er werde bald seinen Freund ehelichen. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 9.7.2012)
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