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vergrößern 750x500Schwungvoll in das Verderben: Anna Karenina (Julia Stemberger), Graf Wronsky (Joseph Lorenz).
Zwei mammuthafte Romanadaptionen stehen am Ende der diesjährigen
Festspiele Reichenau.
Reichenau an der Rax - Es gibt Leute, die haben Zeit, sich nur um ihre Liebesangelegenheiten zu kümmern. Sie gehören meist zu den gehobenen Ständen und legen alle Kraft - nicht selten bis zur Erschöpfung - in ihre Gefühlsregungen. Sowohl in Stefan Zweigs Ungeduld des Herzens als auch in Leo Tolstois Anna Karenina kapitulieren die Protagonistinnen vor einer auf fatale Weise uneingelösten Liebe. Am Ende steht, da wie dort, eine tote Frau und ein sich aus schlechtem Gewissen in den Krieg flüchtender Mann.
Für die bei den Reichenauer Festspielen nun uraufgeführten Bühnenfassungen war es notwendig, die mörderisch dicken Romane auf ein handliches Format herunterzuhungern. Stefan Slupetzky (für Zweig) und Nicolaus Hagg (für Tolstoi) haben mit massiven Kürzungen und klugen Verdichtungen dafür gesorgt, dass man bereits um halb elf Uhr abends noch in einen der Sommerfrischegastgärten entlang der Schwarza aufbrechen konnte. Andernorts zieht man für solche Mammutunternehmungen auch gerne Überlängen in Betracht.
Gesellschaftliche Ächtung
Die tragischen Frauenfiguren geben beide Male dank exzellenter Interpretinnen (Merle Wasmuth und Julia Stemberger) erschütternde Einblicke in die Sittenbilder einer vergangenen Epoche: In Ungeduld des Herzens, das kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges angesiedelt ist, wird der körperlich behinderten jungen Edith (Wasmuth) eine nicht nur unterschwellige gesellschaftliche Ächtung zugemutet. Sie gilt nicht als liebenswertes Geschöpf. Einige Jahrzehnte zuvor fördert in Anna Karenina (Stemberger) der geltende Moralkodex die gefährlich-rechtlose Stellung einer Frau und Mutter zutage. Die beiden Premieren waren also thematisch gut aufeinander abgestimmt; besser funktioniert hat nicht nur dank der Arenabühne im Neuen Spielraum aber die Karenina, die Regisseur Hermann Beil mit geschäftigen Dialogen in Gang setzte.
Drei gepolsterte Sitzbänke in "Russian green" stehen da symmetrisch im Raum, dahinter ein riesiges, verspiegeltes Schwingtürportal mit Zwiebeltürmchen (Bühne: Peter Loidolt). Von drei Seiten stürmen die meist aufgebrachten Vertreter des Moskauer und St. Petersburger Adels in raschelnden, bodenlangen Gewändern herein, auch ohne Pelz geht es freilich nicht. Und diese exquisite Ausstattung (Kostüme: Erika Navas) hat einiges von der intensiven Stofflichkeit des Romans in die Inszenierung hereingeholt.
Tolstois Anna Karenina ist ja nicht zuletzt ein Panorama des Adel-Lifestyles, in dem neueste Kosmetiktrends oder die angesagte Mode bei der Schnepfenjagd mindestens genauso interessieren wie eine Politikerwahl. Und wenn einer schlecht rasiert ist, dann hat er " Koteletten wie Wiener Würstchen". In Reichenau müssen solche Details dem sich im Kreis dreier miteinander verbundener Familien anbahnenden Untergang der Karenina weichen.
Die schöne und in der Ehe mit einem hohen Beamten (Miguel Herz-Kestranek) unglückliche Anna verliert durch die leidenschaftliche Liebe zu Graf Wronsky (Joseph Lorenz) ihr ganzes Leben: ihren Sohn, ihre gesellschaftliche Anerkennung und schließlich auch Wronskys Zuneigung. Ihr Selbstmord ist eine Verzweiflungstat, von der nur gewitzte und mild temperierte Paare Abstand zu nehmen wissen: etwa Fürst Oblonsky (Dirk Nocker) und seine Frau Dolly (Emese Fay), die eine hin und wieder mit Schokolade versüßte Zweckgemeinschaft abgeben. Glück hat einzig Dollys Schwester Kitty (Johanna Arrouas), die mit Lewin (Tobias Voigt) einen lieben und treuen, ganz in die Modernisierung der Landwirtschaft vertieften Großgrundbesitzer geheiratet hat.
Im Kontrast zum herrlich schnatterhaften Ton einer von Hagg kompilierten Figur namens Gräfin Iwanowa (Therese Affolter) ersteht der Ernst von Annas tiefer Empfindung. So schmiegt sie (Stemberger) noch weit vor ihrem Selbstmord den von der ewig strammen Haltung todmüden Hals um die Kanapeepolsterung, als erhoffe sie die Guillotine.
Innere Zerrissenheit
Weniger Glück war Regisseur Michael Gampe beschieden, der mit Marcello de Nardo als Herr von Kekesfalva, André Pohl als Doktor Condor und Rainer Frieb als Apotheker Stefan Zweigs großen Roman Ungeduld des Herzens in die verwinkelte Guckkastenbühne des Theaters Reichenau einpasste. Der junge Leutnant Hofmiller (Claudius von Stolzmann) entfacht hier aus purem Mitleid, aber ohne die Konsequenzen zu tragen, die Liebe der gelähmten Edith (toll: Merle Wasmuth, die einen an jedes Wort heranzieht).
Die Darstellung innerer Zerrissenheit, die Zurichtungen militärischer Zwänge - sie blieben weitgehend an der Rampe hängen, zumal wichtige Teile des Geschehens in den Bühnenhintergrund verlagert wurden. Schade drum. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 9.7.2012)
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Affenzeller traut sich Intendant Loidolts "Bühnenbilder" zu "kritisieren". Ganz zaghaft, offensichtlich will sie nicht Gefahr laufen, nächstes Jahr keine Pressekarten zu mehr bekommen. Loidolts "Bühnenbilder" waren immer katastrophal, bei "Ungeduld" hat er seine "Kunst" aber noch einmal getoppt! Man muss vor dem Regisseur den Hut ziehen, dass seine Inszenierung trotz dieses Raum-Desasters funktioniert, zeigt von großer Klasse. Gratulation auch an die Schauspieler, gegen Loidolts optischen und räumlichen Super-Gau muss man erst einmal anspielen können. Es ist ihnen gelungen.
Frau Affenzeller? Die "mörderisch dicke Romane" kennt (wohl auch diebisch dünne), die man zu "mammuthaften Romanadaptionen" von "handlichem Format herunterhungert", und sich in einem Sommerfrischegarten von den Anstrengungen eines Theaterbesuchs und der stilistischen Bewältigung erholt? Die Frau muss man doch mögen.
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