Geschmeidiges Stimmengold

8. Juli 2012, 19:19
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Wagners "Lohengrin" als erste Opernpremiere bei den Festspielen Erl

Kuftstein/Erl - Kufstein empfängt den aus der Hitze des Ostens Anreisenden mit angenehmer Kühle und sanftem Regen. Der Untere Stadtplatz, ein Ort architektonischer Bescheidenheit, wird mit Orgelmusik beschallt. Ein deutsches Rentnerehepaar sitzt beim Mittagsbierchen, Gatte und Gattin schweigen mit routinierter Eiseskälte aneinander vorbei.

Ob es wohl bei Elsa und Lohengrin auch einmal so gekommen wäre, wenn ihre Ehe Vollzug und Fortsetzung gefunden hätte, fragt man sich im vollbesetzten Shuttlebus nach Erl. Die Antwort wird vom Anblick des gerade in Fertigstellung begriffenen neuen Festspielhauses ins Bewusstseinsabseits gedrängt. Schwarz, flach, scherbenartig steht, steckt der Bau von Delugan Meissl im grünen Erler Hügel, gleich neben dem weißen, hohen, sich wölbenden Passionsspielhaus von Robert Schuller aus dem Jahr 1959. Die baulichen Extreme berühren sich nicht, sind aber gerade einen Programmheftwurf voneinander entfernt.

Möchte man das Programmheft denn von sich werfen? Grundsätzlich nicht, findet doch in Erl oft Wundervolles statt. Doch das Festspielorchester darin als "derzeit bestes Wagner-Orchester weltweit" zu bezeichnen ist schon ein starkes Stück. Einem solchen Klangkörper würden wohl die leichten Unsauberkeiten und Ungleichzeitigkeiten im Vorspiel nicht passieren. Der "Gipfel der Romantik" (Thomas Mann) entsteht so mit leichten Schrammen, die "blaue Musik" (Friedrich Nietzsche) wird leicht getrübt.

Aber natürlich: Grundsätzlich agiert das mehrheitlich von Musikern aus dem osteuropäischen Raum gebildete Orchester differenziert und gefühlvoll; verblüffend speziell, mit welcher sängerdienlich flexiblen Dynamik Gustav Kuhn die Unternehmung in jeder Sekunde leitet, ohne je an Intensität und Farbigkeit zu verlieren. Da das neue Festspielhaus den - wieder so ein Erler Superlativ - "größten Orchestergraben der Welt" beherbergt, werden Dirigent und Orchester dort nicht mehr wie im Passionsspielhaus hinter den Sängern auf der Bühne zu sehen sein. Ob damit auch die sympathisch holzschnittartigen "Inszenierungen" des Erl-Königs Kuhn ein Ende haben werden?

In diesem Jahr jedenfalls haben einige bewährte Erler Kräfte noch allein mit darstellerischen und stimmlichen Intensitäten zu überzeugen, und sie tun das auch: Der Festspielchor und die in diesen integrierte Capella Minsk (Leitung: Marco Medved / Ljudmila Efimova) agieren hochpräzise und mit differenzierter, intensiver Ausdruckskraft. Michael Kupfer ist ein Heerrufer von edler vokaler Kraft, als König Heinrich präsentiert Andrea Silvestrelli einen Bass mit abgenütztem Timbre.

Und: Mona Somm stellt als Ortrud ihren farblich limitierten Mezzo ganz in den Dienst des Ausdrucks von Rage und Rache; Oskar Hillebrandt zeigt als Friedrich von Telramund Routine. Jene hat Susanne Geb bei ihrer ersten Elsa noch nicht - was man ihrer überzeugenden, vokal soliden Darbietung aber kaum anmerkt.

Bezüglich der Interpretation der Titelpartie sind Superlativen angesagt: Ales Briscein, bisher hauptsächlich in Prag und an der Pariser Opéra Bastille aktiv, hat eine der schönsten, vollkommensten, edelsten Tenorstimmen überhaupt. Fest wie Stahl und doch schmiegsam wie Seide und hell wie ein Sonnenstrahl: Man hört sie und ist ganz Staunen und Glück. 2010 konnte er die Wiener Kritik als Prinz ins Dvoráks Rusalka an der Volksoper noch nicht überzeugen, mittlerweile scheint seine Facherweiterung vom lyrischen Tenor zum jugendlichen Heldentenor geglückt:

Briscein verfügt über das für diese Partie nötige Maß an Standfestigkeit und Durchschlagskraft, verliert jedoch nie seine sanfte güldene Geschmeidigkeit. Sein Lohengrin gerät sogar fast noch bezaubernder als jener von Klaus Florian Vogt in Bayreuth: eine Sternstunde. Freudvoller Applaus.   (Stefan Ender, DER STANDARD, 9.7.2012)

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    Große Wagner-Gefühle in Erl: Ales Briscein (als Lohengrin) und Susanne Geb (als Elsa).

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