Berlin und Paris feiern goldene Hochzeit

Deutsch-französische Freundschaft begann vor 50 Jahren in Reims

50 Jahre Seite an Seite: Was Ehepaare als goldene Hochzeit feiern, führt bei den Deutschen und Franzosen immerhin zu einer Gedenktafel: Damit zelebrierten die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande am Sonntag in Reims das historische Treffen von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer am 8. Juli 1962. Bei den Ansprachen vor der Kathedrale nannten sie sich "Lieber François" und " Chère Angela", während der Wind ihre Haare zerzauste und die Kleidung flattern ließ.

Ansonsten redete das Paar aneinander vorbei. Merkel sprach von den nahe gelegenen Schlachtfeldern der Weltkriege. Deshalb sei das "Bauwerk" der deutsch-französischen Freundschaft "unverzichtbar", und deshalb müsse Europa unter Führung von Paris und Berlin auf eine "politische Union" zusteuern.

Hollande war etwas weniger lyrisch. Das Wort der "politischen Union" vermied er geflissentlich, da dies in Frankreich mit einem Verlust nationaler Souveränität gleichgesetzt wird. Umso deutlicher plädierte er für eine komplette Umsetzung der "solidarischen Integration", womit nicht zuletzt eine gesamteuropäische Schuldenhaftung gemeint ist.

Am Vortag hatte Hollande gegenüber der Zeitung L'Union in einem Interview erklärt, die Achse Berlin-Paris sei "kein Direktorium, das dazu führt, dass Frankreich und Deutschland allein für die EU entscheiden". Vielmehr müssten "auch andere Länder beigezogen" werden.

Deutsche Diplomaten in Reims hätten sich ein flammenderes Bekenntnis zur Beziehung über den Rhein hinweg gewünscht. Dies gerade nach dem jüngsten EU-Gipfel, bei dem Hollande die Anliegen des italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti offen gegen Merkel unterstützt hatte. Am Sonntag traf auch der französische Wirtschaftsminister Pierre Moscovici mit Monti zusammen, um das Eurogruppentreffen von heute, Montag, vorzubereiten.

In Berlin erhält man langsam den Eindruck, dass Hollande auf zwei Hochzeiten tanzt und Merkel bewusst isolieren will. Optimisten meinten in Reims, neu gewählte deutsch-französische Führungsduos wie Chirac/Schröder oder Merkel/Sarkozy hätten noch immer Startschwierigkeiten gehabt. Andere wenden ein, die Differenzen lägen diesmal nicht auf der persönlichen, sondern finanzpolitischen Ebene.

Auf jeden Fall schien es in Reims fast, als ob Berlin derzeit eher an der Partnerschaft mit Paris liegt als umgekehrt. Und das ist doch eher erstaunlich für die Nummer eins in der EU.(Stefan Brändle/DER STANDARD Printausgabe, 9.7.2012)

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