"Libyen von heute ist nicht das Libyen von gestern"

Reportage |

Die Stimmen sind zwar noch lange nicht ausgezählt, doch die Libyer feiern bereits ihren Übergang von der Diktatur zur Demokratie

In Gharyan sind die Menschen schon wenige Stunden nach der Öffnung der Wahllokale in Feierlaune. Die Stadt ist in ein Meer von rot-schwarz-grünen Fahnen getaucht. Frauen drücken ihre Freude mit traditionellem Geträller aus, junge Männer lieber mit hupenden Autokorsos. Die Stimmung in der Stadt in den Nafusa-Bergen, 80 Kilometer südlich von Tripolis, ist ausgelassen.

In die Freude mischt sich auch Stolz, dass es nur neun Monate nach dem Sturz von Muammar al-Gaddafi gelungen ist, diesen Urnengang zu organisieren, der außer in der Region von Bengasi im ganzen Land friedlich und ohne Störungen verlief. "Das Libyen von heute ist nicht mehr das Libyen von gestern, wir haben eine Brücke überschritten", sagt Shafiq Gmati, ein Zivilingenieur.

Einem 83-jährigen Greis aus der Wüstenstadt Ghadames kommen die Tränen. Er war schon 1952 bei den bisher letzten Wahlen dabei und kann es kaum fassen, dass er diesen Tag noch erleben darf.

Auch ein Mitglied des Nationalen Übergangsrates (NTC) aus der 150. 000-Einwohner-Stadt Gharyan freut sich über den großen Zulauf zu den Wahllokalen. Wenn der Nationalkongress zum ersten Mal zusammentrifft, ist der NTC, der die Geschicke des Landes seit der Revolution geleitet hat, Geschichte. Abdul Wanis Hafaf hat schon Pläne: Er will Wahlen für den lokalen Rat organisieren, damit auch dieses Gremium die Legitimation der Bürger hat.

Menschenketten schützen Wahllokale

Sprechchöre für die Einheit des Landes und gegen die Föderalisten im Osten gibt es am Abend dann vor dem Rathaus in Tripolis. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, fast wie nach der Befreiung der Stadt.

Föderalisten haben auch den Wahltag gestört, aber die zuletzt gewalttätigen Aktionen haben so manchen Sympathisanten abgeschreckt: In 144 von 174 Wahllokalen in Bengasi fand der Urnengang ungehindert statt; zum Teil geschützt von Menschenketten.

Gefeiert wurde im ganzen Land, auch ohne Resultate zu kennen. "Wir scheren uns nicht um die Ergebnisse", sagt eine junge libysche Anwältin am Abend. Sie beobachtet die Zählung in einer Schule in Dahra, im Zentrum von Tripolis.

Die Auszählung der Stimmen ist bis ins letzte Detail einstudiert. Der Stapel der liberalen Allianz der Nationalen Kräfte von Ex-Premier Mohammed Jibril wächst und wächst. 233 von 380 gültigen Stimmen, über 60 Prozent, entfallen auf seine Liste.

Warten auf die Ergebnisse

Die Partei der Muslimbrüder folgt auf Platz zwei, muss sich mit nur 24 Stimmen begnügen. Ihr Beobachter, der einzige einer Partei im Saal, scheint nicht überrascht.

Die Nationale Front, eine Gründung von Revolutionsaktivisten, kommt auf 19 Stimmen, alle anderen erhalten nur vereinzelte, viele gar keine Stimme.

Das Resultat von Dahra dient nur als Hinweis auf die Kräfteverhältnisse in der Hauptstadt. Sie werden im ganzen Land hingegen stark regional geprägt sein. Die offiziellen Ergebnisse werden wegen des komplizierten Wahlverfahrens erst in den nächsten Tagen nach und nach veröffentlicht werden. (Astrid Frefel, DER STANDARD, 9.7.2012)

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