Die Sportschnorrer vom Karlsplatz

6. Juli 2012, 19:05
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Die Ausstellung "ohne Klimt" weicht Klischees über die Kontrahenten Künstlerhaus und Secession auf

Eine Schau im Klimt-Jahr, in der der Jubilar einmal nicht die Hauptrolle spielt.

Wien - Als "Sportschnorrer" wurden die Mitglieder der Wiener Künstlergenossenschaft um 1890 verhöhnt, karikiert als ausgefressene, bärtige Männer im Rock, die im Gegensatz zum Modell "armer Poet" - die ihre Werke als Tauschware zum Trödler tragen mussten - lukullische Feste feierten. Folgt man den Karikaturen in Figaro und Kikeriki schien die zentrale Künstlerorganisation unter chronischem Geldmangel zu leiden. Aber man war erfindungsreich: So begleiteten Lotterien die Ausstellungen. Mit etwas Glück hätte man 1894 zum Lospreis von 50 Kreuzer (heute etwa sechs Euro) einen Klimt gewinnen können.

Die Künstlergenossenschaft, die Gustav Klimt allerdings 1897, sechs Jahre nach seinem Beitritt, gemeinsam mit anderen im Streit verlassen sollte, hatte, betrachtet man Verwaltungsstrukturen und Bürokratisierungsgrad, einen Behördentouch. Obendrein war man bestens vernetzt mit Wirtschaft und Politik und extrem kaisertreu.

Die Ausstellung ohne Klimt widmet sich daher auch intensiver dem Wesen des Hauses und seinen Berührungspunkten mit Klimt als dem Vertiefen des Klischees von den beiden großen Kontrahenten Künstlerhaus und Secession: reaktionäre Künstlergenossenschaft versus progressive Secessionisten.

Beim monatelangen Durchforsten von Sitzungsprotokollen und Briefen fand man Quellen, die die eingeschliffenen Narrative aufweichen: So neigt man dazu, die ästhetischen und ideologischen Streitfragen vor dem Hintergrund eines Generationenkonflikts (Ablehnen von Hierarchien, Formalitäten und Kompromisszwängen) zu bewerten. "Wir haben uns von den Beständen leiten lassen", sagt einer der Kuratoren, Patrick Fiska.

Eine gefährliche Beschränkung, daher will das Künstlerhaus auch keine endgültigen Thesen aufstellen. Stärker ideologisch erscheint der Konflikt zwischen den beiden Häusern hingegen in den Quellen, die im 2006 publizierten Werk Gründungs- und Baugeschichte der Wiener Secession erstmals geprüft wurden: Unterlagen Kolo Mosers aus dem Nachlass von Alfred Roller.

1897 spitzte sich der Konflikt zu: Die "Abtrünnigen" verweigerten sich Gemeinschaftsausstellungen im Ausland, begannen nach alternativen Ausstellungsflächen zu suchen. Im März bekam man den Baugrund zugewiesen. Der endgültige Eklat erfolgte bei der außerordentlichen Generalversammlung im Mai. Noch bevor man ihnen ihre Missbilligung aussprechen konnte, verließen die späteren Secessionisten den Saal. Wenig später erklärten Gustav Klimt und etwa Johann Victor Krämer, Carl Moll, Joseph M. Olbrich sowie Kolo Moser ihren Austritt. Aber nicht nur die Jungen zogen von dannen: Auch Rudolf von Alt, damals schon über 80, schloss sich ihnen aus Neugierde an. Damit erstaunte er sogar den Kaiser.

Prickelnd, so viel sei verraten, ist so eine Ausstellung mit Originaldokumenten freilich nicht. Aber wer die Geduld von Papier zu schätzen weiß und nicht nur an Sensationen, sondern auch an kleineren Erkenntnissen Freude hat, wird mit der Schau in Salongröße Freude haben. Interessant ist etwa auch die Klimt-Monografie von Emil Pirchan von 1942. NS-Gauleiter und Wiener Reichsstatthalter Baldur von Schirach inspirierte sie zu seiner Klimt-Ausstellung von 1943. Im Buch wie auch der späteren Ausstellung wurden aus den Porträts der jüdischen Damen namenlose Bildnisse: Statt Adele Bloch-Bauer titelte man "Dame in Gold".    (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 7./8.7.2012)

Bis 2. 9.

  • Das 
Künstlerhaus reagierte stilistisch sehr auf die 1897 gegründete Secession. 
Dieses Plakat zeigt eine Variante der Pallas Athene, Göttin der Weisheit, 
Kriegskunst und der Künste.
    lithografie: lefler

    Das Künstlerhaus reagierte stilistisch sehr auf die 1897 gegründete Secession. Dieses Plakat zeigt eine Variante der Pallas Athene, Göttin der Weisheit, Kriegskunst und der Künste.

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