Was zum Teufel war die fünfte Botschaft?

Kommentar der anderen6. Juli 2012, 18:59
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Auszüge aus einer Rede, wie man sie gerne öfters im Parlament hören würde: Ex-Grünen-Chef Alexander Van der Bellen über das Verhältnis von Medien und Politik

So ein Universitätsprofessor ist ja nicht a priori geeignet, dieses politische Handwerk zu beherrschen - in verschiedener Hinsicht. Ich finde, das ist wirklich ein Handwerk, wo man buchstäblich zwei, drei, vier Jahre braucht, wenn man nicht ein ausgesprochenes Naturtalent ist. Ich war sicher kein ausgesprochenes Naturtalent. Auf der Uni lernt man alles Mögliche, etwa Analysefähigkeit, hoffe ich. Wir sind gewohnt, alles zu überdenken, neu zu prüfen, könnte nicht irgendwo ein Fehler sein und so weiter.

Als Andreas Khol zum Beispiel diese Aussage getätigt hat - "Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit" -, habe ich gedacht: Ich weiß nicht, worüber sich alle so echauffieren, in der Forschungspolitik ist das Grundsatz. Selbstverständlich ist die Wahrheit eine Tochter der Zeit. Was für Aristoteles gegolten hat, gilt für Galilei nicht mehr, und das Higgs-Teilchen, was immer das sein mag, ist wieder eine neue Entwicklung.

Also Analysefähigkeit lernt man, aber das, was mir in der Politik in den ersten Jahren besonders schwer fiel, war, dauernd eine Meinung zu haben. Und je weiter man aufsteigt in der politischen Hierarchie, bis zum Parteichef, immer musst du sofort eine Meinung haben, wo du doch lieber einmal nach Hause gehen würdest und nachdenken und am nächsten Tag sagen: Ich könnte mir vorstellen, dass ... - Aber das ist ganz unerwünscht. In der Sekunde sollst du irgendeine, womöglich dann auch noch eine Woche haltende Meinung haben, unter einem Zeitdruck, den man nicht gewöhnt ist.

Das sehe ich jetzt, wenn ich als Politiker komme und sage, lieber Herr Kollege, könnten Sie mir ein Gutachten machen über XY! - Und er sagt, ja, gerne, sagen wir, im Oktober liefere ich!, und ich antworte: Wir brauchen es nächste Woche! Das sind also völlig andere Welten.

Was mir auch neu war, das war der Umgang mit Medien. Erste ZiB 2. Ich habe vergessen, um was es ging, aber was ich nicht vergessen habe, ist, ich war dort und durfte mir nachher von meinem Coach anhören: Warum haben Sie die Frage des Moderators nicht beantwortet? Ich sage: Was? Ich? Ich eine Frage nicht beantwortet? Ja, schauen wir es uns noch einmal an. Tatsächlich. Beim Analysieren dieser Situation ist mir dann aufgefallen oder konnte ich mir erklären, was passiert ist. Ich war so gedrillt - und ich würde fast vermuten, 170 andere Abgeordnete hier im Haus sind genauso gedrillt -: Du hast die Chance, einmal ins Fernsehen zu kommen. Pass auf! ZiB 2, effektive Redezeit vielleicht vier, fünf Minuten, wir haben folgende fünf Botschaften.

Und du fährst auf den Küniglberg, sitzt im Taxi und denkst dir: Erste, zweite, dritte Botschaft, was zum Teufel war die vierte und fünfte Botschaft? (Allgemeine Heiterkeit und Beifall.)

Dann sitzt du dort, du kannst dir nicht einen Zettel hinlegen so wie hier, du musst das ja irgendwie auswendig beherrschen. Und ich habe die Frage nicht mitbekommen, ich habe nur mitbekommen: Jetzt bin ich dran, jetzt muss ich die Botschaften runterspulen. (Heiterkeit.)

Das habe ich mir im Lauf der Zeit abgewöhnt. Ich finde, so etwas hat gar keinen Sinn. Diesen Teil des Drills, des üblichen Politiker-Drills, den finde ich ganz falsch. Ich habe dann versucht, auf Fragen einzugehen - und wenn ich die Antwort nicht weiß, dann weiß ich sie halt nicht - und die Botschaften nur insoweit rüberzubringen, als sie sich aus der Situation ergeben.

Die Philosophie dahinter: Das Publikum der Journalisten ist eine Sache, die Kolleginnen und Kollegen der eigenen Fraktion, das ist auch ein wichtiges Zielpublikum, aber nicht das einzige, ein wichtiges Zielpublikum ist auch der Mensch, die Frau, der Herr, der Mann zu Hause im Wohnzimmer vor dem Fernseher, der dich jederzeit herauskippen kann. Warum soll er/sie zulassen, dass ein fremder Mensch im Wohnzimmer ist? Die haben vielleicht ganz andere Interessen, die identifizieren sich vielleicht mit dem Moderator und sagen: Also bitte, der beantwortet ja die Frage nicht!

Wenn das sozusagen das Phänomen ist, dann übt jeder hier im Haus, der die alte Linie verfolgt und sagt: Botschaft ist Botschaft - und die Frage interessiert mich nicht!, im ökonomischen Sinn tatsächlich negative externe Effekte auf den Rest von uns aus, weil das unser Image schädigt. - Das wollte ich Ihnen noch mitgeben.

Von den Gesprächssituationen mit Journalisten im Radio, im Fernsehen oder in den Printmedien fand ich: Die Printmedien sind überhaupt das Beste, denn da kann man im Nachhinein etwas korrigieren. Im Ernst. Fernsehen live: tödlich! Radio: fast so tödlich! Print: super!, denn da kann ich sagen, das habe ich noch vergessen, vielleicht können wir darüber noch reden. Was ich aber noch sagen wollte, ist: Die Situation im Wahlkampf mit dem politischen Konkurrenten ist noch einmal etwas ganz anderes. Ich habe mich oft gefragt, ob wir die Spielregeln, sozusagen die Kontextdefinition, nicht zu sehr den Medien und den Journalisten überlassen. (Allgemeiner Beifall.)

Wenn ich da zu zweit sitze, sagen wir mit Herrn Graf, oder egal, mit wem, mit dem politischen Konkurrenten, dem anderen Spitzenkandidaten, der anderen Spitzenkandidatin: Was erwarten die Journalisten? - Das sind zwei Gladiatoren, mindestens einer muss tot liegen bleiben, aber am besten beide! (Heiterkeit.)

Das ist doch die Erwartungshaltung. Diese muss aber nicht identisch sein mit der Erwartungshaltung des Wählers / der Wählerin zu Hause. Die sind aber viel wichtiger für uns, oder? - Denke ich eben manchmal. ( Allgemeiner Beifall.)

Da mich Journalisten jetzt ununterbrochen danach fragen: Was waren denn Highlights Ihrer Tätigkeit? - Da bin ich irgendwie ratlos. Highlights, nämlich parlamentarische Highlights? Also nicht unerwartete Ergebnisse am Grünen-Bundeskongress, wo ich dann wutschnaubend hinausgehe? - Das waren schon auch Highlights, aber vielleicht keine, die hier gemeint sind. (Heiterkeit.)

Diese letzten ESM-Verhandlungen: Das war in gewisser Hinsicht ein Highlight! Einmal zu erfahren, dass vier Fraktionen verhandeln. Ich habe ja schon mehrfach gesagt, dass das Finanzministerium die "vierte Fraktion" war. Die war nicht identisch mit der ÖVP! Überhaupt nicht, würde ich sagen. (Heiterkeit.) Also das zu sehen, war interessant.

Die Zusammenarbeit mit der Parlamentsdirektion war fundamental. Da haben sich legistisch für uns alle, glaube ich, völlig unerwartet Schwierigkeiten aufgetan. Wir haben gedacht, es genügt, das deutsche Modell anzuschauen; das schreiben wir mehr oder weniger ab. Das war überhaupt nicht der Fall! Die österreichische Ästhetik der Legistik ist eine ganz andere. - Also dafür mein Dank, was alles geht! Wenn man dahinter ist und die Überstunden in Kauf nimmt.

Die Rede auf YouTube:

 

(Alexander van der Bellen, DER STANDARD, 7.7.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Van der Bellen bei der Erkundung der Funktionsweise einer Fernsehkamera vor einer TV- Diskussion am Küniglberg.

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